Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Fünf Jahre lang hängt André Meyer die Fußballschuhe vorübergehend an den Nagel. Dann leckt er wieder Blut, fängt noch einmal unten an und spielt nun in der Landesliga für den SV Brackel.

Brackel

, 16.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Räume zu finden, die andere gar nicht erst sehen, ist ja eigentlich so ein Thomas-Müller-Ding. Der Nationalspieler und Star des FC Bayern München taucht auf dem Fußballplatz meistens genau da auf, wo ihn kaum ein Abwehrspieler erwartet. Müller, das ist fast schon Fußballgesetz, gilt als Rasenschleicher, als Torgarant - und vor allem: als Raumdeuter.

Meyer verfügt über einen „außergewöhnlichen Blick“ für die Räume

André Meyer muss selbst ein wenig schmunzeln, als er mit diesem Begriff konfrontiert wird. Aber ja, sagt er dann doch, da sei schon etwas dran. Räume zu sehen, gute Laufwege zu finden, „das gehört schon zu meinem Stärken“. Nun ist Meyer sicherlich kein Müller. Und Brackel nicht Bayern. Aber auch Giovanni Schiattarella, Meyers Trainer beim Fußball-Landesligisten SV Brackel 06, attestiert dem 26-Jahre alten Offensivallrounder „ein sehr gutes Timing und einen außergewöhnlichen Blick“ für die Räume. „Es ist sicher kein Zufall, dass er immer wieder seine Chancen hat. Dazu kommt, dass er über einen richtig guten Tor-Instinkt verfügt“, sagt Schiattarella.

Meyer stellt dies zuletzt am vergangenen Sonntag unter Beweis. Beim 4:0-Sieg der Brackeler gegen den TuS 1910 Wiescherhöfen avanciert der Angreifer zum Matchwinner und schießt zwei Tore. Eins per Kopf, als sich Meyer am zweiten Pfosten wieder einmal freigeschlichen hat. Und eins, als er einen gegnerischen Pass frühzeitig antizipiert, um anschließend frei auf das Tor zuzulaufen.

Der Traum von der Landesliga schien unmöglich

Ungewöhnlich daran ist, dass es seine ersten beiden überhaupt in der Landesliga waren. Und wenn Meyer, beruflich als Techniker bei der Deutschen Bahn tätig, etwas genauer darüber nachdenkt, muss er fast unweigerlich den Kopf schütteln. Vor ein, zwei Jahren habe er „nicht im Traum daran gedacht, mal in dieser Liga zu spielen“. Vielleicht nicht einmal vor dem zurückliegenden Sommer.

André Meyer vom SV Brackel schafft den Sprung in die Landesliga - trotz fünf Jahren Pause

Giovanni Schiattarella setzt auf André Meyer. © Nils Foltynowicz

Meyer, das ist Teil seiner Geschichte, verbringt seine Jugendjahre im Fußball zunächst beim TSV Wuppertal-Ronsdorf, spielt dort unter anderem in der A-Junioren-Niederrheinliga. Dann folgt der Bruch. Meyer schafft es aus beruflichen Gründen nicht mehr, regelmäßig am Spiel- und Trainingsbetrieb teilzunehmen. Sein Job bringt ihn nach Dortmund, und Meyer verliert den Fußball aus den Augen. Fünf Jahre lang. Bis ihn Freunde fragen, ob er nicht Lust verspüre, wieder gegen den Ball zu treten. Meyer verspürt Lust, er und seine Freunde melden sich zur Saison 2016/17 beim TV Brechten an. Zweite Mannschaft, Kreisliga C.

Meyer leckt Blut

„Wir wollten einfach ein bisschen Spaß haben“, sagt der 26-Jährige. Doch aus Spaß wird schnell Ernst. Zwei Jahre später steigt die Mannschaft auf, Meyer erzielt in 15 Spielen 19 Tore und trifft beim entscheidenden Spiel gegen den FC Brambauer II (3:1) doppelt. Spätestens jetzt hat er wieder „Blut geleckt“, wie Meyer selbst betont. Und sein Potenzial bleibt auch anderen nicht verborgen. Christian Wichert, Trainer der ersten Mannschaft in Brechten, spricht ihn an und vermittelt ihn nach Brackel.

„Wir haben uns zu diesem Zeitpunkt schon in der Vorbereitung befunden“, sagt Schiattarella, der mit Wichert befreundet ist. „Aber wir wollten ihm die Möglichkeit geben, bei uns zu trainieren und sich zu zeigen.“ Vier Wochen bleiben Meyer, sich zu beweisen. Er hängt sich rein, arbeitet hart. „André hat einen starken Willen“, sagt der Brackeler Trainer, der sich am Ende überzeugen lässt.

Die Geduld zahlt sich aus

„Er versucht jeden, auf das höchstmögliche Niveau zu bringen“, sagt Meyer über seinen Trainer. „Er hat mir geholfen, dass ich in dieser Liga mitspielen kann.“ Doch der 26-Jährige muss sich an vieles erst gewöhnen. „Der Unterschied zwischen beiden Spielklassen ist immens“, sagt Meyer. Training, Tempo - alles findet auf einem weit höheren Level statt, als es der 26-Jährige aus Brechten kennt. „André musste erstmal seine Nervosität ablegen“, sagt Schiattarella. Doch Meyer beißt sich rein und hat Geduld. Er kann warten, wie man so schön sagt, und wird schließlich belohnt.

Am 21. Oktober feiert Meyer sein Debüt in der Startelf. Das Spiel beim VfB Günnigfeld endet 1:1, doch der 26-Jährige ist spätestens jetzt ein wichtiger Bestandteil des Tabellenelften. Drei Wochen später folgen seine beiden Treffer gegen Wiescherhöfen. Überrascht haben sie Schiattarella nicht. „Natürlich muss er noch an vielen Dingen arbeiten“, erklärt der Trainer. „Aber er hat eine hohe Spielintelligenz, und er arbeitet hart an sich.“ Meyer freuen solche Worte. „Natürlich hört man so etwas gerne“, sagt er.

Was denn seine Lieblingsposition sei, wird Meyer noch gefragt. „Auf der Zehn, als hängende Spitze“, meint er dann. Auch das klingt irgendwie nach Thomas Müller.

Lesen Sie jetzt