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Kommende Saison spielen der SV Derne 49 und Peter Radegast in der 1. Regionalliga. Im Gespräch äußert er sich über die Saison, den Tod von Gerd Gräfe und seine Vorliebe für europäischen Basketball.

Derne

, 06.09.2018 / Lesedauer: 7 min

Der TSV Hagen hat sein Aufstiegsrecht nicht wahrgenommen, stattdessen steigt der SV Derne 49 auf. Es heißt, der Sprung in die 1. Regionalliga sei riesig. Haben Sie im Sommer ein Himmelfahrtskommando übernommen?

Himmelfahrtskommando hört sich so negativ an, das würde ich nicht so sehen. Wir freuen uns auf die 1. Regionalliga und wissen, dass wir zum unteren Drittel gehören werden. Wir haben halt keine Profispieler und vielleicht sogar den kleinsten Etat der Liga, aber wir werden alles geben und den Zuschauern anständigen, fairen und guten Basketball zeigen, und dann wird man sehen, was dabei rauskommt.



Wie groß ist der denn Unterschied zwischen 1. und 2. Regionalliga?

Das ist schon mehr als eine Liga, weil man in der 1. Regionalliga auch auf Vollprofis trifft. Die Topvereine, die in die Pro B aufsteigen wollen, werden bestimmt zwei, drei, vielleicht sogar vier Vollprofis in ihren Reihen haben oder zumindest semiprofessionelle Spieler, die wir nicht haben. Bei uns gehen alle einem Job nach, studieren oder sind an der Schule.


Die Entscheidung, aufsteigen zu wollen ist relativ schnell gefallen. Waren sich alle im Klaren darüber, was sie in dieser Saison erwartet?

Ob sie sich hundert Prozent im Klaren darüber waren, weiß ich nicht. Ich habe vorher auch ein Gespräch mit der Mannschaft geführt und habe auch das Feuer in den Augen der meisten Spieler gesehen. Und auch wenn der ein oder andere vielleicht ein bisschen blauäugig an die Aufgabe herangegangen ist, bin ich mir trotzdem sicher, dass wir eine ganz gute Rolle spielen können.


Ihr Team wird in den meisten Spielen Außenseiter sein. Wie kann man die „Großen“ trotz der individuellen Unterlegenheit trotzdem ärgern?

Wir wollen rennen, rennen, rennen. (lacht) Rennen heißt aber nicht nur Fast Break. Wir wollen uns in der Offense viel bewegen, sodass es den besseren Mannschaften keinen Spaß macht, uns zu verteidigen und hinterherzulaufen. Es muss einfach ekelig sein, gegen uns zu spielen. Wir müssen sehr aggressiv sein und schauen, dass wir durch Unorthodoxes und überraschende Effekte andere Mannschaften ärgern können.


Das klingt danach, dass Ihre Spieler in der Vorbereitung ordentlich schuften müssen.

Wir müssen topfit sein, eigentlich fitter als die anderen, was allerdings schwer wird.


Inwiefern?

Das Problem ist, dass wir nur drei Trainingseinheiten in der Woche haben. Die zwei Stunden, die ich jeweils zur Verfügung habe, nutze ich dann auch voll aus oder überziehe sie meisten sogar noch. Das ist ein Prozess und für viele ungewohnt, aber auch notwendig, weil wir so intensiv spielen wollen. Aber wir haben einen relativ breiten Kader, sodass ich viel wechseln kann.


Seit Sommer gibt es auch eine Frauen-Mannschaft im Verein. Stimmt es, dass Sie dadurch die Trainingstage reduziert werden mussten?

Wir haben eigentlich gedacht, dass durch das neue Team und den Aufstieg in eine höhere Liga vielleicht auch die ein oder andere Hallenzeit mehr herausspringt. Das ist leider nicht passiert und ist insgesamt sicherlich nicht förderlich. Derzeit haben wir mit der ersten Mannschaft eben diese drei Einheiten, ich hätte gerne eine vierte dazu bekommen. Denn das wäre eigentlich Voraussetzung für eine gute Saison.


So wird es schwierig, die eigenen Vorstellungen schnell verwirklichen zu können …

Nicht nur das. Ich habe meinen Spielern gesagt, dass sie selbstständig eine halbe Stunde eher kommen müssen und dann in den Einheiten anderer Mannschaften am Seitenkorb noch werfen. Unsere Einheiten brauche ich komplett, da bleibt kaum noch Zeit für Wurftraining. Es macht einfach einen Unterschied, ob man 200 Würfe in der Woche nimmt oder 1000. Es gibt einem die nötige Sicherheit.


Woran arbeiten Sie speziell in den Einheiten?

An unserem Spielstil. Wir wollen, wie gesagt, sehr schnell spielen und in den ersten acht Sekunden aggressiv in der Offense attackieren. Dazu muss man viel Transition trainieren, also das Umschalten. Alte Spieler können das besser, junge müssen es noch lernen. Auch an der Defense werden wir verstärkt arbeiten.


Das heißt, Sie werden weniger aufs Set Play, auf einstudierte Spielzüge setzen?

Heute werden ja alle Spiele als Video aufgenommen und hochgeladen. Da macht es für uns wenig Sinn, bestimmte Sets zu spielen, denn das werden die Gegner eh scouten. Wir müssen vielmehr schauen, dass wir bewusst frei spielen und so wenig ausrechenbar werden. Vorne wie hinten. Wir müssen die Verteidigung lesen und dementsprechend reagieren.


Wurden die Spieler vom hohen Pensum, das Sie anschlagen, überrascht?

Wir haben es ihnen zwar vorher erzählt, aber ob sie es wirklich realisiert haben, wird sich später zeigen. Wir sind erst knapp zwei Wochen im Training, und ich hoffe, dass sich viele das zu Herzen nehmen und vielleicht noch mal eine Extra-Einheit schieben. Zumindest mal raus in den Wald gehen, solange das Wetter noch gut ist. Damit wir dann auch auf den Punkt topfit sein werden.


Sie haben gerade davon gesprochen, dass Sie im Sommer das Feuer in den Augen der Spieler gesehen haben. Ist nach zwei harten Trainingswochen immer noch da?

Die brennen schon noch alle. Es wird nur schwierig, wenn uns mal eine erste Niederlagenserie ereilen sollte. Da ist es meine Aufgabe, das Team zusammenzuhalten. Damit wir nicht auseinanderbrechen, weil man sich gegenseitig irgendwelche Sachen an den Kopf wirft oder Fehler zuschiebt. Gelingt uns das, werden wir zumindest die Möglichkeit haben, Siege einzufahren.


Wird der Kopf eine wichtige Rolle in dieser Saison spielen?

Wenn wir es nicht schaffen, als Team aufzutreten und auch Spaß zusammenhaben, auch abseits des Feldes, dann haben wir keine Chance. Eine Spur weit kann man das als Trainer steuern, aber die Jungs müssen auch wollen.

Schlagen Teamgeist und Taktik am Ende Athletik und individuelle Klasse?

Sicherlich werden wir auf Spieler treffen, die wir nicht stoppen können, wo ich dann vielleicht alle Auszeiten „verballern“ werde und wieder etwas Neues versuche. Aber da ist grundsätzlich schon viel Wahres dran. Teamgeist, Zusammenhalt und diese letzten Prozent aus sich herausholen - das ist eine Spur mehr wert als Athletik.


Rührt daher auch Ihr Faible für den europäischen Basketball im Vergleich zur NBA?

Die NBA ist mehr auf Individualität und Punkte ausgerichtet. Auch wegen anderer Regeln. So darf zum Beispiel die Help Side gar nicht so weit rüberkommen, sondern sie muss außerhalb der Zone bleiben und darf sich nur ein paar Sekunden innerhalb aufhalten. Dadurch gibt es mehr Platz, und die Spieler, die penetrieren, kommen einfacher zum Korb. Zudem sind die extrem guten Eins-gegen-eins-Spieler so kaum zu stoppen. Deswegen finde ich einfach dieses Miteinander besser. Ich weiß von NBA-Klubs, dass die Spieler dort bei Auswärtsfahrten alle Einzelzimmer haben, sie essen teilweise gar nicht zusammen. Sondern sie treffen sich zum Spiel wie wir ins Büro gehen. Deswegen finde ich es einfach schöner, dass im europäischen Basketball der Teamgeist eine weit größere Rolle spielt.


Zurück in die Regionalliga. Wie groß sind denn die Chancen, die Liga zu halten?

Man muss sehen, dass wir wahrscheinlich den kleinsten Etat der Liga haben. Es gibt vielleicht zwei, drei Teams, die auf ähnlichem Niveau sind. Das wird Kamp-Lintfort sein, Deutz gehört dazu. Vielleicht Leverkusen. An diesen Gegner müssen wir uns orientieren. Wir müssen einfach schauen, wie es läuft.


Hat sich die finanzielle Situation mit dem Aufstieg durch neue Sponsoren verbessert?

Es gab zwar anfangs schon eine kleine Euphorie-Welle und viele Glückwünsche von alten Weggefährten. Aber letztlich muss man sich eben auch eingestehen, dass es auf der finanziellen Seite mehr als ernüchternd war: Es ist kein einziger Euro dazugekommen.


Das macht es sicherlich nicht einfacher, guter Spieler für den Verein zu gewinnen …

Im Prinzip können wir keinen Spieler wirklich bezahlen. Bei uns spielen eigentlich alle lediglich für eine „Aufwandsentschädigung“ oder einen Spritkostenzuschuss.


Neu sind die jungen Jari Beckmann und Idrissa Diene, die dank einer Doppellizenz sowohl für den SVD als auch die SparkassenStars Bochum auflaufen können. Wie ist die Absprache?

Die Vereinbarung ist die, dass beide primär erst einmal bei uns spielen sollen. Sie sollen sich hier entwickeln und lernen. Da bringen ihnen 20, 25 Minuten Spielzeit sicherlich mehr, als in Bochum vielleicht nur auf der Bank zu schmoren.


Aaron Bowser bleibt der Importspieler - wird er seine Leistung aus der vergangenen Saison bestätigen können?

Er hat ja schon mal in der 1. Regionalliga gespielt, daher kennt er das Niveau und weiß, dass es anders wird als vergangenes Jahr. Da ging es ab und zu mal nach dem Motto: „Hier Aaron - mach mal!“ Das wird jetzt definitiv schwieriger. Deswegen müssen wir ihm auch als Mannschaft helfen und einfache Punkte geben. Sprich: dass er den Ball so bekommt, wie er ihn braucht.


Dass Sie im Sommer das Traineramt übernommen, kann man angesichts Ihrer Vereinshistorie sicherlich als Herzensangelegenheit bezeichnen, oder?

Definitiv. Ich bin Ur-Derner, 1985 habe ich hier angefangen und mit Ausnahme von ein paar Jahren meine gesamte Karriere hier verbracht.


Sie haben in Derne in der 2. Regionalliga unter anderem mit Mietek Mlynarski zusammengespielt. Polnischer Nationalspieler und 1980 bester Punktewerfer bei den Olympischen Spielen in Moskau …

Das war schon unglaublich - und unglaublich zu sehen, wie hart so jemand trainiert, selbst in der 1. Regionalliga. Ich erinnere mich an ein Spiel, das war damals schon in der zweiten Liga, wo wir eine wichtige Auswärtspartie verloren haben. Da hat er tatsächlich geweint und war so mitgenommen, weil er dachte, er wäre für die Mannschaft zu schlecht gewesen an dem Tag.


Sie waren noch sehr jung, als Mlyanarski nach Derne kam. War er Vorbild für Sie?

Von der Einstellung her auf jeden Fall. Und er spielte ja auch noch die gleiche Position wie ich, sodass ich im Training immer gegen ihn ran musste. Das war kein Vergnügen. Wenn ich mal gut verteidigt habe, hat er mich einfach mit dem Ellbogen weggestoßen und mir ins Gesicht geschossen. Andererseits wurde ich so immer zu hundert Prozent gefordert.


In dieser Woche gab es eine traurige Meldung. Der langjährige Vorsitzende des SVD, Gerd Gräf, ist im Alter von 78 Jahren gestorben...

Der Verein verliert mit Gerd nicht nur seinen Ex-Chef und Ehrenvorsitzenden, sondern vor allem auch einen großartigen Menschen, vielleicht den großartigsten Menschen, den ich je kennenlernen durfte. Er hat eine ganze Generation an Basketballern geprägt und geformt und war für alle in puncto Einsatz mehr als nur ein Vorbild. Dabei hat er sich nicht nur den Problemen der Spielern der Ersten Mannschaft angenommen. Ihm waren ein U12-Jugendlicher oder ein Spieler der vierten Mannschaft stets genauso wichtig! Er ist ein Verlust für uns alle. Ich habe einen väterlichen Beistand, Freund, Kollegen und Förderer verloren.

Zur Person
Peter Radegast wurde am 6. August 1970 in Dortmund geboren. Im Alter von 15 Jahren wechselte Radegast aus der Jugend der SG Wellinghofen/Hörde zum SVD 49. In der Saison 1992/93 spielte der 1,99 Meter große Flügelspieler zunächst mit Dortmund in der Basketball-Bundesliga, von 1995 bis 1998 dann mit dem TuS Herten. Nach einer Saison beim finnischen Erstligisten Luhta Lahti wechselte Radegast schließlich zurück nach Dortmund. Als Spielertrainer führte er den SVD 2004 und 2005 zum Gewinn des WBV-Pokals. In der Saison 2005/06 gelang der Aufstieg in die 2. Liga. Seit 2007 ist Radegast beim DBB tätig. Seit Oktober 2015 ist er Geschäftsführer der DBB-Bundesakademie.
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