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Zwei Spanier und ihre Hoffnung auf Arbeit

Deutsch pauken und Fußball pöhlen

In ihrer Heimat hatten sie schlechte Chancen auf einen Arbeitsplatz. Jorge Molina Rodriguez (24) und Oscar Franco Cabrera (19) sind deshalb nach Deutschland gekommen. Die beiden Spanier wohnen im Münsterland, spielen beim TuS Ascheberg in der Bezirksliga Fußball. In Münster absolvieren sie einen Sprachkurs, denn: Sie wollen in Deutschland bleiben und Arbeit finden.

ASCHEBERG

, 18.11.2014
Zwei Spanier und ihre Hoffnung auf Arbeit

Jorge Molina Rodriguez (r.) und Oscar Franco Cabrera fühlen sich in Ascheberg wohl und wollen gerne in Deutschland bleiben. Der Fußball kann ihnen dabei helfen.

Hackbällchen – Jorge Molina Rodriguez spricht das Wort fast perfekt aus. Für den Spanier keine leichte Aufgabe. Schließlich ist das H im Spanischen am Anfang immer stumm und Umlaute, wie das Ä, gibt es überhaupt nicht. Ganz sicher ist Molina Rodriguez sich nicht, ob er verstanden wird. Unterstützend formt er mit seinen Händen eine Kugel – oder vielmehr ein Bällchen. Er lächelt, als er merkt, dass er es richtig ausgesprochen hat. Erst seit drei Monaten sind er und sein Freund Oscar Franco Cabrera in Deutschland. Als sie kamen, sprachen sie kein Wort Deutsch. Nun sitzen sie in der Kabine des Fußball-Bezirksligisten TuS Ascheberg und sind froh hier zu sein. Sie werden bleiben. Zunächst bis Mai. Am liebsten aber noch viel länger. Um halb sieben Uhr schälen sich die beiden Spanier aus dem Bett. Sie schwingen sich aufs Fahrrad und radeln zum Ascheberger Bahnhof. Der Weg ist nicht weit, sie wohnen mitten im Zentrum von Ascheberg. Um kurz nach sieben Uhr nehmen sie den Zug. Für die beiden geht es nach Münster. Zum Sprachkurs.

Fünfmal die Woche pauken die beiden Spanier Deutsch. Von acht Uhr morgens bis mittags. Am Nachmittag geht das Lernen weiter. In ihren Zimmern in Ascheberg. Sie wollen verstehen. Und verstanden werden. Denn das ist das Wichtigste, um dauerhaft in Deutschland bleiben und arbeiten zu können. Ihr großes Ziel. Vor drei Monaten holte Holger Möllers, der Trainer des TuS Ascheberg, acht junge Spanier nach Deutschland. Allesamt talentierte Fußballer aus der Region Granada in Südspanien. Sie wollten sich erste Eindrücke von dem Land im Norden machen, wo die Aussichten auf einen Job größer sind, als in ihrer Heimat. Spanien hat mit 53,7 Prozent vor Griechenland (51,5) die höchste Quote bei der Jugendarbeitslosigkeit in der EU. Deutschland (7,6) hat den niedrigsten Wert. Der Fußball sollte ihnen dabei helfen, eine Arbeit zu finden.  Vier der acht Spanier, die mehrere Wochen in Capelle wohnten und das Münsterland erkundeten, sind geblieben. Zwei hat es nach Bochum verschlagen, Oscar Franco und Jorge Molina, die selbst ihre zweiten Nachnamen weglassen, sind in Ascheberg geblieben. Die anderen gingen zurück. Zwei wollen erst die Schule in Spanien beenden und dann wiederkommen. Die beiden anderen haben entschieden, den Schritt nach Deutschland nicht zu machen. Zu kalt ist das Wetter, zu schwer ist die Sprache.  Der 24-jährige Jorge Molina, der in Spanien bei einem Logistikunternehmen arbeitete, und der 19-jährige gelernte Landschaftsgärtner Oscar Franco haben es gewagt, nach Deutschland zu kommen. Über diese Entscheidung sind sie heute glücklich. Sie haben je ein Zimmer bei einer alleinstehenden Frau in Ascheberg, die diese Räume normalerweise an Studenten vermietet. Die Küche teilen sie sich. Wenn die Spanier von ihrem Sprachkurs aus Münster zurück sind, kochen sie sich erst mal etwas. Viel Pasta oder spanische Gerichte. Am Wochenende gibt es von ihrer Vermieterin gelegentlich gutbürgerliche Hausmannskost. Besonders Bratwurst und Frikadellen mit Gemüse kommen gut an. Die Spanier revanchierten sich dafür bereits mit einer selbst gemachten Paella. Und am letzten Sonntag bereiteten sie „Albondigas en salsa de tomate“ für ihre Vermieterin zu – Hackbällchen mit Tomatensoße.

Sie integrieren sich gut. Auch beim TuS Ascheberg, wo sie Fußball spielen. Bis Mai geht der Deutschkurs, den die beiden sehr ernst nehmen. Solange bleiben sie in jedem Fall auch dem TuS Ascheberg erhalten. Aus dem Mittelfeldzentrum des Bezirksligisten sind die beiden technisch starken Spieler nicht mehr wegzudenken. Seit dem zweiten Spieltag waren sie in allen Partien auf dem Feld. Fast immer über die vollen 90 Minuten. Auf die Frage nach seinem besten Saisonspiel überlegt Oscar Franco kurz. Dann deutet er mit dem Finger auf seine Brust und fragt nochmal nach. „Ich oder Mannschaft?“ Seine persönliche Bestleistung hat er dann recht schnell ausgemacht: „Gegen Werner SC“. Zwar verlor Ascheberg Anfang September beim damaligen Tabellenführer mit 1:3. Franco spielte aber stark auf der Sechser-Position. Sein Partner auf der Doppel-Sechs spielt fast immer stark. Molina Rodriguez sei so etwas wie der Kopf der Mannschaft, sagt Trainer Möllers. Die beiden Spanier versuchen nicht nur spielerisch, sondern auch verbal zu überzeugen. Ihren Mitspielern durch Kommandos zu helfen. „Nicht sprechen beim Fußball ist nicht gut“, sagt Franco. „Vorne, vorne! Rechts! Schieß!“, zählt der Mittelfeldspieler auf. Das R rollt er. Er wirkt konzentriert bei der Aussprache.

Deutsch zu sprechen sei noch viel schwieriger, als es zu verstehen. Auf dem Platz wissen die beiden Südländer aber immer, was zu tun ist. Auch der Besprechung vor dem Spiel, können sie schon lange folgen. Zu Beginn übersetzte Teamkamerad Rodrigo de Souza – ein gebürtiger Brasilianer, der auch Spanisch spricht – die Ansprachen von Holger Möllers. Als Möllers am vierten Spieltag de Souza erneut darum bat, seine Worte zu übersetzen, antwortete Jorge Molina: „Wir haben verstanden.“ Die schnellen sprachlichen Fortschritte verdutzten Möllers. In der Kabine haben die beiden Spanier überhaupt keine Probleme. Sie verstehen sich gut mit ihren Mannschaftskameraden. Mit Andreas Kahlkopf oder Dimitri Winkenstern spielen sie regelmäßig an der Playstation. Beim Training wird viel gelacht. Mit dem Brasilianer de Souza gehen sie am Wochenende in Münster feiern. „Mittwoch oder Freitag kriegen wir immer eine SMS: ‚Kommt nach Münster‘ steht dann da“, berichtet Oscar Franco. De Souza wohnt in Münster und unternimmt viel mit seinen spanischen Schützlingen. Meistens gehen sie in die Discothek „Cuba Nova“, denn für das „Schwarze Schaf“ ist Franco noch zu jung, der Einlass ist ab 21.

Wenn sie nicht lernen oder feiern, gehen sie in Ascheberg oder am Aasee in Münster spazieren. In ihrer Wohnung kickern sie oder schauen Fernsehen. „Bundesliga, Zweite Liga“, sagt Oscar Franco. Was gerade so läuft. Molina Rodriguez drückt in Deutschland Borussia Dortmund die Daumen. Gegen den Hamburger SV waren beide zusammen im Stadion. Viel Langeweile kommt nicht auf. So entsteht auch kein Heimweh. Ein Wort, das beide zwar nicht kennen, was sie aber nach ein paar erklärenden Worten nachvollziehen können. Mit ihren Familien haben sie dreimal in der Woche Kontakt. Über soziale Netzwerke oder Video-Telefonie im Internet. „Ich vermisse sie ein bisschen“, gibt Jorge Molina zu. Er hat auch eine Freundin in Spanien. In vier Wochen wird er sie dann wiedersehen. Über Weihnachten und den Jahreswechsel fahren die Spanier in die Heimat zurück. Am 10. Januar kehren sie zurück nach Deutschland. Zurück in den kalten Norden. Zum Deutschkurs, der ihnen eine berufliche Zukunft sichern soll. Dorthin, wo Albondigas einfach Hackbällchen heißen.

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