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Krank war Christian schon vor der Katastrophe. Eine Katastrophe, von der er nichts ahnte. Als sie kam, haute es ihn so um, dass er heute auf der Straße lebt. Und von einem Alptraum geplagt wird.

Lünen

, 11.09.2018 / Lesedauer: 6 min

Es ist der klassische gesellschaftliche Abstieg: Vor fünf Jahren haben sich Christian und seine Frau getrennt. 15 Jahre waren sie verheiratet, ein Paar noch viel länger. Die Trennung schafft massive finanzielle Probleme - und psychische: Christian verkraftet die Situation nicht. Er habe seine Freunde verloren, sagt er. Das Gefühl, überflüssig zu sein, setzt ihm zu. Er wird depressiv - und fängt an, zu trinken.

Nach der Trennung kommt er mit seinen damals 35 Jahren bei den Eltern unter. Die wollen helfen, mischen sich ein, aber das bringt ihn nicht weiter. Manchmal habe es alles noch komplizierter gemacht, sagt er heute.

Ein paar Klamotten im Regal, das ist alles, was übrig blieb

Das Heute ist die Obdachlosenunterkunft „Auf dem Ringe“ in Gahmen. Mit 40 Jahren ist er schließlich hier gelandet. Zwischendurch hat er es mit einer eigenen Wohnung versucht. Aber er war mit der Situation überfordert. Seit zweieinhalb Monaten ist das hier in Gahmen in der Nacht sein „Zuhause“. Ein paar Quadratmeter in der dritten Etage. Ein paar Klamotten im Holzregal, das ist alles, was von seiner gutbürgerlichen Existenz übrig geblieben ist. „Ich habe überdurchschnittlich verdient“ sagt er. Er habe gut für sich, seine Frau und die zwei Kinder sorgen können. Dass er jetzt staatliche Hilfe in Anspruch nehmen muss, belastet ihn sichtlich. Er ringt um Fassung, als er davon erzählt.

Die Scham vor den eigenen Kindern - Christian (40) lebt auf der Straße

„Hausmeister Rudi": Rudolf Mroncz arbeitet im vierten Jahr als Hausmeister in der Obddachlosenunterkunft Auf dem Ringe in Gahmen. © Britta Linnhoff

Jeden Morgen gegen 9 Uhr gibt er seinen Schlüssel bei Rudolf Mroncz ab. Der 60-Jährige ist Hausmeister auf dem Ringe. Im vierten Jahr. Er kennt seine Bewohner, auch Christian. Abends ab 19 Uhr dürfen die Männer rein und morgens um 9 Uhr müssen sie wieder weg sein, raus zurück auf die Straße.

Acht bis elf Mann seien hier regemäßig, erzählt Mroncz. Zu dieser Jahreszeit sei das entspannt. Im Winter ist das auch schon mal ganz anders. Da holt er zur Not schon mal ne Matratze aus dem Lager. Dann übernachten hier über 20 Menschen.

„Lünen braucht eine zweite Übernachtungstelle“

Ulrich Klink, 1. Vorsitzender des Vereins „Dach über dem Kopf“ der die Einrichtung seit 22 Jahren betreibt, macht sich Sorgen, wie das in den nächsten Monaten weitergehen soll. Er ist sicher: Lünen braucht ein zweite Übernachtungsstelle.

„Der soziale Wohnungsbau vor allem für kleine Wohnungen ist völlig hinten rübergekippt“, sagt er. Folglich sei der soziale Konkurrenzdruck auf solchen bezahlbaren Wohnraum enorm: „Der Markt ist leergefegt.“

Auch die Stadt Lünen spürt den Mangel an passendem Wohnraum: So sind zum Beispiel die zwei „Probewohnungen“, die die Stadt zur Verfügung stellt, permanent besetzt - weil die Menschen keine passende eigene Wohnungen finden können. Dabei sollen in diesen Probewohnungen eigentlich Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, in ein normales Leben zurückfinden - beweisen, dass sie in einem normalen Mietshaus nicht mehr auffallen.

Wie das alles im Winter Auf dem Ringe weiter gehen soll, das kann sich Ullrich Klink nicht so richtig vorstellen. Die Übernachtungsstelle mutiere immer mehr zu einem wohnheimähnlichen Projekt, weil „wir den Menschen keine Wohnungen vermitteln können“. „Die Belegungszahlen steigen“, sagt Klink. So sei die Einrichtung mit ihren zwölf Plätzen auch jetzt im Sommer immer „immer knapp vor voll“ gewesen. Aber im Winter könne man die Leute nicht einfach zurück auf die Straße schicken.

Irgendwann wird er im Knast landen

Wenn Winter ist, dann will Christian auf keinen Fall mehr hier sein: Er habe, wie er sagt, Aussicht auf eine Wohnung im Rahmen des Projeks „Ambulant betreutes Wohnen“ der Diakonie. Die unterhält auch eine Beratungsstelle für Wohnungslose. Christian hat viele Träume begraben müssen, aber er hat noch Hoffnung. Und einen Albtraum: Dass er seinen Kindern auf der Straße begegnet.

Aber Christian versucht, wieder Fuß zu fassen. Viele andere in der Unterkunft eher weniger. Thomas ist so einer. 20 Jahre ist er alt. Das ganze Leben eigentlich noch vor sich, wie man so sagt. „Ich hab‘ hier mit keinem was zu tun“, sagt er. Er will hier nicht hingehören, fühlt sich sichtlich unwohl. Und doch ist er hier gelandet. Mit Realschulabschluss in der Tasche. Aber eben in der Vergangenheit auch oft mit Drogen. Er redet von einer Bewährungsstrafe und davon, wie es weitergehen könnte mit ihm, der zehn Monate lang Unterschlupf bei Freunden fand, nachdem er vor elf Monaten beschlossen hatte, dass es zuhause bei seinen Eltern auf keinen Fall weitergehen kann für ihn. „Eigentlich wollte ich Abi machen“, erzählt er. Aber nach einem Jahr verlässt er das Berufskolleg. Falsche Freunde und Drogen. Nun sitzt er hier, unschlüssig, was besser ist: Irgendwie so weitermachen und irgendwann - das weiß er - im Knast landen. Oder doch lieber etwas „Lebenswertes“ machen. Nach zehn Minuten ist er die Nachfragen leid und sagt, er müsse jetzt mal los.

Da zuckt auch Rudolf Mroncz die Schultern. Gäste wie Christian hingegen sind ihm die liebsten. Da hat er nichts zu meckern: „Die räumen auf, halten das Zimmer sauber.“ Das geht auch ganz anders: „Das ist hier die Abteilung Nase zu“, sagt der Hausmeister, als es nach ganz oben ins Haus geht. Jede Menge Müll und Dreck. Letztlich droht den Leuten der Rauswurf. Samstags müssen die Bewohner übrigens selbst ran, dann ist Putztag.

Für den 60-jährigen Hausmeister ist es eine besondere Situation und der Beweis dafür, dass es sich lohnt, nie aufzugeben. 1989 hat Mroncz selbst einmal in einem der Zimmer hier geschlafen: Als Spätaussiedler aus Polen, der über Friedland und Unna-Massen hierher in die Sozialwohnung kam. „Lange her“, sagt er, und macht die Tür wieder zu. Jetzt hat er ein eigenes Haus, und managt dieses hier. Seit einiger Zeit gibt es im Haus eine Schließanlage. Seitdem werde hier auch nichts mehr geklaut. „Wenn‘s so ist wie jetzt, dann ist es gut.“ Aber mit dem Winter kommen auch wieder andere Zeiten.

Es gibt Hilfen für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind

Dabei ließe es sich für viele vermeiden, dass sie in wenigen Monaten hier landen, denn es gibt durchaus Hilfen für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Aber: Die Stadt erreichen die konkreten Probleme Einzelner oft erst, wenn es meist schon fast zu spät ist. Wenn eine Räumungsklage eingereicht ist, dann meldet sich das Amtsgericht bei der Stadt. „Wir schreiben diese Menschen dann an, und bieten ihnen Hilfe an“, sagt Beate Lötschert, Abteilungsleiterin Wohnen und Soziales bei der Stadt.

Allerdings: „Die Mehrheit der Betroffenen antworte nicht“, sagt Lötschert. Sie schämten sich, oder sie ignorierten diesen Brief ebenso, wie sie all‘ die anderen Briefe zuvor ignoriert haben. Das ist Teil des Problems. „Dabei könnten wir viel besser helfen, wenn die Menschen sich früher bei uns melden würden“, sagt sie. Genaue Zahlen, wieviele Menschen in Lünen obdachlos sind, hat Lötschert nicht, aber „gefühlt nehmen die Fälle zu“, sagt sie.

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So leben Obdachlose in der Unterkunft "Auf dem Ringe"

So sieht es in der Obdachlosenunterkunft Auf dem Ringe aus.
12.09.2018
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Die Tafel im Flur der Hausmeisterwohnung: Sie zeigt, wer wo wohnt. Derzeit sind einige Zimmer frei.
Von der Fensterbank ist vor lauter Müll in diesem Zimmer nicht viel zu sehen. "Stinkeabteilung" nennt der Hausmeister auf dieser Etage.
Manche Zimmer sind tiip tiop aufgeräumt, in anderen sieht es ein bisschen nach Müllhalde aus.
In manchen Zimmern stapelt sich Müll.
Der Raum für Nichtraucher, in dem am Abend Fernsehen geschaut werden kann.
Im Aufenthaltsraum für die Raucher liegen überall Kippen und Asche herum. Samstags muss geputzt werden.
Klare Ansage fürs Wochenende: Samstags müssen die Bewohner putzen.
Eines der Zimmer in der Unterkunft auf dem Ringe.

Auch die WBG Lünen bietet ihren Mietern nach eigener Aussage seit 18 Jahren einen unterstützenden sozialen Dienst an. Zu den Aufgaben der beiden Sozialarbeiterinnen gehört auch die aufsuchende und beratende Hilfe bei Mietrückständen und anderen Problemen, die die Wohnsituation erschweren.

Auch beim Bauverein versucht man nach eigenen Angaben viel, um Räumungsklage und Obdachlosigkeit zu verhindern: „Wenn Kündigung und Obdachlosigkeit droht, versuchen wir, in Absprache mit den Mietern Schulden abzubauen oder neue Wohnungsmöglichkeiten zu finden“, teilt der Bauverein auf Anfrage mit. Selbst wenn die Zusammenarbeit sich schwierig gestalte, versuche man, eine Lösung zu finden.

Auch der Mieterverein Dortmund und Umgebung sieht sich mit dem Thema konfrontiert. Der Verein rät bei anangekündigten Kündigung, sich „umgehend mietrechtlich beraten zu lassen, zum Beispiel in den Außenberatungsstellen in Lünen und Brambauer“. Wer die Räumungsklage in der Post habe, sollte einen Anwalt aufsuchen, rät Dr. Tobias Scholz, Sprecher des Mietervereins.

Weit entfernt von der „Straßenkötermentalität“

Am 21. September hat der Verein Dach überm Kopf von 11 bis 14 Uhr zu einem Tag der Offenen Tür nach Gahmen eingeladen. Darauf setzt Ulrich Klink ein bisschen Hoffnung: Man habe „viele Entscheidungsträger“ eingeladen, um bei dieser Gelegenheit die prekäre Situation zu erläutern und nach Lösungen zu suchen.

Christian wird dann wohl nicht dabei sein. Er hat dann die Unterkunft wie vorgeschrieben schon um 9 Uhr verlassen. Aber möglich ist es doch: Christian ist nicht einer, der so aussieht, wie man sich einen Obdachlosen vorstellt. Und er ist weit entfernt von der „Straßenkötermentalität“ - wie er das selbst nennt - die er manchmal unterwegs bei den „Kollegen“ antrifft, die sich auf der Sraße zu behaupten versuchen.

Wer Dach überm Kopf helfen möche, der kann auf das Spendekonto Dach über dem Kopf e.V. bei der Sparkasse Lünen (IBAN: DE19 4415 2370 0002 2000 20,

BIC: WELADED1LUN) mit dem Stichwort Suppenküche seinen Beitrag leisten. Mit dem Geld soll den Obdachlosen eine regelmäßige kleine Mahlzeit auch an Werktagen im Gemeindehaus St. Georg angeboten werden. Hier können sich Obdachlose schon jetzt stundenweise aufhalten.

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind die Obdachlosen nur die Spitze des Eisbergs. In Deutschland leben demnach rund 860.000 Menschen ohne eigene Wohnung, davon 440.000 Flüchtlinge, die oft in Heimen bleiben müssen, obwohl ihnen eigene vier Wände zustünden. Auch von den anderen Wohnungslosen lebe ein Teil in speziellen Heimen, die oft von den Kommunen gestellt werden. Wieder andere kämen bei Freunden oder Verwandten unter. Grund sei der aktute Mangel an Wohnungen in Niedrigpreissektor.Die Zahlen stammen von Anfang 2018.
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