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Bei Cosplay geht es aber um viel mehr als nur Kostüme. Zwei Lünerinnen fällt als erstes das Stichwort Freundschaft ein, wenn von Cosplay die Rede ist.

Lünen

, 30.07.2018 / Lesedauer: 7 min

Sie sitzen an der Nähmaschine, formen mit dem Fön aus einem thermoplastischen Material Schwerter und verblüffen dann nicht nur die Besucher von Buchmessen und Meisterschaften.

Begeisterung für Anime

Darija Becovic ist 20, hat ihr Abitur in Dortmund gemacht, absolviert eine Ausbildung zur Augenoptikerin in Unna. Lisa Murach ist 19, besuchte das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und studiert in Gelsenkirchen, will in Richtung Journalismus oder PR gehen. Eigentlich hätten sie sich nie kennengelernt ohne die gemeinsame Begeisterung für Anime und Manga. Eine Freundin, die Lisa vom Schwimmen kannte, war bei Darija in der Klasse und wusste, das beide ein Faible für die japanischen Comics haben. „Ich bin dann durch Darija zu Cosplay gekommen, alleine hätte ich mich nicht getraut, da wäre es auch schwierig geworden, rein zu kommen.“ Da war Lisa 13 und Darija 14, hatte aber schon ein Jahr Erfahrung mit dem Fertigen eigener Kostüme, konnte ihrer Freundin schon ein paar Tipps geben, Ihre ersten Cosplay-Charaktere stammten aus Mangas.

Im Video erzählen die beiden, dass ihnen Cosplay mehr bedeutet als nur Erfolg:

„Mein erstes Cosplay war Grell Sutcliff aus „Black Butler“. Ich hab dafür sogar die Haifischzähne selbst gemacht, die er trägt, mir eine Schiene gebastelt und die Zähne mit Industriekleber befestigt. Das musste tagelang auslüften“, erzählt Lisa. Freundin Darija hatte sich ein Jahr vorher für „Black Rabbit“ aus dem Manga „Pandora Hearts“ entschieden: „Den ersten Band der Reihe hatte mir eine Freundin geschenkt. Aber mein erstes Cosplay sah ganz schrecklich aus, ich hab nicht mal eine Perücke getragen.“

Freundschaft ist für zwei Lüner Cosplayerinnen wichtiger als Erfolg

Durch das Cosplayen sind Darija Becovic (l.) und Lisa Murach Freundinnen geworden. © Beate Rottgardt

Das wäre heute - sieben Jahre später - undenkbar.

Inzwischen haben die beiden jungen Lünerinnen ihre Cosplays perfektioniert. Auch mit familiärer Unterstützung. Darija: „Meine Mutter ist voll dabei. Sie hat immer schon genäht, ich hab ihr zugeschaut und viel gelernt. Wir nähen auch heute noch zusammen, sie hilft mir, wenn es dann eine Woche vor einer Convention zeitlich knapp wird. Aber sie hat mich auch früher nach Dortmund zu den Treffen gefahren.“

Oma hat das Nähen beigebracht

Lisas Eltern waren zuerst etwas skeptisch, was sich ihre Tochter denn da für ein Hobby ausgesucht hat. „Mein Vater zieht mich heute noch manchmal auf. Aber seit ich meinen Eltern ein Video gezeigt und erklärt hab, was man so alles durch Cosplay lernen kann, unterstützen sie mich.“ Das Nähen hat mir meine Oma beibegracht. Ich gehe heute noch zu ihr, wenn ich Schnittmuster abändern muss oder nicht weiß, welchen Stoff ich für das Kostüm nehmen soll.“ Solche familiäre Unterstützung wie die beiden Lünerinnen haben nicht alle Cosplayer. Lisa und Darija haben „auch schon Leute kennengelernt, bei denen die Familien es nicht so toll finden, dass sie Cosplayer sind.“Mehr als einmal haben Lisa und Darija Vorurteile gehört wie „das ist doch nur was für Kinder oder Karneval.“ Lieber ist es ihnen, wenn „die Leute offen auf uns zukommen und einfach fragen, was wir da machen und warum.“

Freundschaft ist für zwei Lüner Cosplayerinnen wichtiger als Erfolg

Beim Kostüm von "Musichetta" aus "Les Misérabeles" hat Darija ihre Fantasie spielen lassen. © Max Improving

Wie wichtig Cosplay für sie ist, haben sie auch schon in Referaten erklärt - Darija in der Schule, Lisa in der Hochschule. Von den Figuren aus Mangas und Animes haben sich die Lünerinnen mittlerweile verabschiedet. „Wir suchen uns Charaktere aus Musicals, Filmen, Serien oder Büchern aus.“

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Aufhören ist kein Thema

Eitel Sonnenschein und uneingeschränkte Begeisterung für das aufwändige Hobby schlug ihnen aber nicht nur entgegen. Lisa: „Man kommt mit dem Hobby ja auch durch die Pubertät und merkt heute, wie man selbst daran gewachsen ist.“ Darija weiß aus eigener Erfahrung, dass jeder Cosplayer mal an den Punkt kommt, sich zu fragen, wann man aufhört. „Es belastet einen auch, im Privaten, in der Schule.“ Andererseits bekommt man, sagt Lisa, auch mehr Selbstbewusstsein. Aufhören ist für die Lünerinnen überhaupt kein Thema mehr. Auch wenn die Kostüme, die immer perfekter werden sollen, trotz aller Kreativität beim Nähen und Basteln ins Geld gehen (bis zu mehreren hundert Euro). „Deshalb nähen wir auch selbst“, meint Darija. Fertige Kostüme gibt es kaum und wenn, sind sie unglaublich teuer oder schlecht verarbeitet.

Aufhören ist auch deshalb kein Thema für Lisa und Darija, weil ihnen die Freundschaften wichtig sind, die sie durch Cosplay geschlossen haben. „Ohne Cosplay hätten wir die ganzen Leute nicht kennen gelernt. Heute ist es so, dass wir eigentlich über all dort, wo Treffen stattfinden, auch Freunde haben, ob in Kassel, Berlin oder Würzburg“, so Lisa. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. „Aktuell entwickeln sich immer mehr Leute zu Konkurrenten. Andererseits gibt es wiederum auch sehr nette Leute, die schon Cosplay-Stars sind.“

Freundschaft ist für zwei Lüner Cosplayerinnen wichtiger als Erfolg

Darija Becovic (l.) und Lisa Murach mit zwei selbst gefertigten Schwertern, die zu Cosplay-Outfits von Lisa gehören. © Beate Rottgardt

Manche Leute glauben, dass die Cosplayer irgendwie nicht aus ihren Kostümen herauskommen, die Art ihres Charakters übernehmen.

Vielleicht, weil es manchmal sehr lange dauert, bis ein Kostüm fertig ist. („Wenn eine Convention vorbei ist, muss man eigentlich schon mit dem neuen Cosplay anfangen.“) Und man sich deshalb möglicherweise mit dem dargestellten Charakter mehr und mehr identifiziert. Dieses Problem kennen Lisa und Darija aber nicht: „Am Ende des Tages zieht man das Kostüm aus, schminkt sich ab und ist wieder man selbst“, sagt Lisa.

Sie setzt nicht auf Likes im Netz, „ich mache das für mich und finde, man sollte nicht einen Charakter cosplayen, nur weil er gerade angesagt ist.“ Kritisch sieht sie auch, den Trend, dass gerade junge Frauen mit aufreizenden Kostümen und Posen, die nur noch entfernt an Mangas erinnern, Geld verdienen wollen. „Mit Cosplay hat das nichts zu tun, da sollte man schon was anhaben, es geht ja um durchaus aufwändige Kostüme“, sagt auch Darija.

Traum von der Meisterschaft vertagt

Konkurrenz hat Lisa vor kurzem erlebt. In Düsseldorf beim Vorentscheid für die Deutsche Cosplay-Meisterschaft. Sie stand als Moses aus dem Zeichentrickfilm „Der Prinz von Ägypten“ auf der Bühne, hatte aufwändig den Dialog zwischen Gott und Moses am brennenden Dornbusch (natürlich selbstgebastelt mit LED-Lichtern) aufgenommen und entsprechend verfremdet. Am Ende gab es viel Applaus, aber leider keinen Sieg. Der Traum vom Gewinn der Meisterschaft und damit einer Reise ins Cosplay-Mekka Japan muss vertagt werden. Darija mag Wettbewerbe für sich nicht: „Da geht immer der ganze Tag auf den Conventions verloren. Ich treffe mich lieber mit meinen Freunden.“

Freundschaft ist für zwei Lüner Cosplayerinnen wichtiger als Erfolg

Lisa als Moses aus dem Zeichentrickfilm "Der Prinz von Ägypten". © Murach

Lisa sieht das zwar ähnlich, will aber dennoch versuchen, noch mal zu gewinnen. Eigentlich zusammen mit einem guten Freund, den sie auch durch Cosplay kennen gelernt hat. Die Beiden wollten im kommenden Jahr bei der Leipziger Buchmesse Bully Herbigs „Sissi und Franz“ bei einem Vorentscheid spielen. Lisa als österreichischer Kaiser, ihr Freund als Kaiserin. Verblüffen mit detailgetreuen Kostümen und auch mit Schauspielkunst. Cosplay besteht ja schon dem Namen nach aus Kostüm und Spiel. Nun klappt es nicht, weil Max in der Jury sitzt und natürlich nicht gleichzeitg um den Sieg konkurrieren kann. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Und die 19-Jährige hat schon einen Plan.

Als Mina aus Dracula in Leipzig

Lisa liebt den bekannten Bram Stoker Roman und deshalb möchte sie in Leipzig als „Mina“ aus dem gleichnamigen Film Bram Stoker´s Dracula antreten. Darija könnte sich vorstellen, ein Regenbogen-Einhorn aus einem Podcast darzustellen. Weil man ja nur etwas hört, kann Darija ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Das reizt die 20-Jährige. Deshalb entschied sie sich auch für „Musichetta“, einen Charakter aus dem Buch „Les Miserables“: „Da stehen aber nur zwei Sätze über sie.“ Genug, damit Darija die Frau aus der Zeit der französischen Revolution zum Leben erwecken konnte. Und zwar komplett, von Corsage, Pluderhose und Unterrock bis zu den lockigen Haaren. „Ein Freund von mir hat sie nach meinen Vorstellungen gezeichnet. Ich mag es, unbekannte Charaktere zu cosplayen, da kann man viel ändern.“Lisa mag am liebsten „alte, gruselige Typen mit Bart. „ Das weiß man auch in der Cosplay-Community - „die kennen mich, ich bin die, die immer die mit dem Bart macht.“

Freundschaft ist für zwei Lüner Cosplayerinnen wichtiger als Erfolg

Lisa Murach als Theon Greyjoy, einem Charakter aus "Game of Thrones". © Arndt von Koenigsmarck


Es kann auch schon mal passieren, dass die Lünerinnen mit einem Kostüm nicht weiterkommen. „Das ging mir bei Theon so, die Sachen hab ich ein paar Monate liegenlassen und es dann doch durchgezogen“, so Lisa. In Stuttgart traf sie alsTheon Greyjoy aus „Game of Thrones“ den dänischen Schauspieler Pilou Asbaek, der in GoT den Onkel ihres Charakters spielt - Euron Greyjoy. „Er hat bei einem Fotoshooting sogar ein Video von mir gedreht, das er dann seinem Kollegen mitbringen wollte, der den Theon spielt, Das war ein echtes Highlight für mich.“ Von allen Conventions mag Darija die „Conichi“ in Kassel am meisten. Da trifft man sich im September am liebsten im Garten. Lisa ist dieses Jahr zum ersten Mal in Kassel dabei. Sie fährt fast immer zu den Buchmessen nach Frankfurt und Leipzig. „Ich finde die Dokomi in Düsseldorf am besten, die ist im Mai. Direkt gegenüber der Veranstaltungshalle ist der japanische Garten und da sind eigentlich alle, machen Fotos und treffen sich.“

Anfangs große Angst gehabt

Auch wenn sie mittlerweile angekommen sind in der Community, Lisa und Darija wissen noch, wie es am Anfang war. „Ich hatte schon Mega-Angst, in der Community nicht aufgenommen zu werden.“ Und Darija dachte, „Ich hab ne Perücke auf und ein Kostüm an, mich erkennt dann schon keiner.“ Heute sind sie froh, dabei geblieben zu sein. „Wir sind jetzt fünf Jahre befreundet, nur wegen Cosplay.“

Für die Lünerinnen steht fest, dass ihr Hobby Vorbild-Charakter haben sollte. Darija: „Es ist egal, wie alt man ist, welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Figur man hat. Jeder kann mitmachen. Man lernt die Leute mit ihrem ausgewählten Cosplay-Charakter kennen und fragt nicht sofort, wie alt bist du.“

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