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Im landesweiten Vergleich wechseln doppelt so viele Lüner Grundschüler nach Ende der Primarstufe auf die Hauptschule. Woran das liegt, geht aus dem Bildungsbericht 2018 der Stadt hervor.

Lünen

, 06.12.2018 / Lesedauer: 6 min

Sie besuchen vermeintlich schlechtere Schulen, leben ungesünder und sind häufig psychisch krank. Dass Kinder aus sozial schwachen Familien in Deutschland schlechte Chancen haben, wird seit Jahren von Experten angeprangert. Wie ein Blick in den jüngsten Datenreport 2018 zeigt, hat sich daran wenig geändert. Laut diesem Sozialbericht, der unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Statistischen Bundesamt und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung herausgegeben wird, ist die Lebensqualität und der Bildungserfolg stark durch die soziale Herkunft geprägt. Da macht Lünen keine Ausnahme.

Detaillierte Informationen zur Situation in der Lippestadt liefern der „2. Bericht zur sozialen Lage Lünen 2017“ und der „2. Bildungs- und Präventionsbericht Lünen 2018“. Laut dem Sozialbericht ist die soziale Lage vor Ort, gemessen an Indikatoren wie Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit, Hilfen zur Erziehung, Wohngeldquote oder Befreiung vom Kita-Beitrag sehr differenziert zu betrachten.

Zur Lage in den einzelnen Stadtteilen

So weisen die nördlichen Stadtteile Alstedde, Nordlünen, Wethmar und Beckinghausen ebenso wie die südlichen Stadtteile Horstmar und Niederaden überdurchschnittliche Sozialindexe auf. Das heißt, dass in diesen Stadtteilen deutlich weniger Arbeitslose oder Menschen mit Migrationshintergrund leben als in Gahmen, im Geistviertel, in Lünen-Mitte oder in Lünen-Nord. Diese Stadtteile weisen „unterdurchschnittliche bzw. stark unterdurchschnittliche Werte“ auf. Für Brambauer, Osterfeld und Lünen-Süd ist die Rede von durchschnittlichen Werten.

Was das speziell für den schulischen Werdegang von Grundschülern bedeutet, zeigt ein Blick in den Bildungsbericht der Stadt aus diesem Jahr. Danach wechselten im Schuljahr 2015/16 exakt 8,5 Prozent der Lüner Grundschüler auf die Hauptschule. Das waren prozentual gesehen doppelt so viele wie in Nordrhein-Westfalen (4 Prozent). In den Stadtteilen schwankte der Anteil zwischen 0 Prozent (Altstedde, Beckinghausen) und 16,7 Prozent in Lünen-Mitte. „Wie im Kapitel Schuleingangsuntersuchung fällt auf, dass die ,sozial belasteten‘ Stadtteile überdurchschnittlich hohe Übergangsquoten in die Hauptschule aufweisen“, heißt es in dem Bildungsbericht: „Ein Zusammenhang zwischen der sozialen Lage der Familien (Wohnort) und dem Bildungserfolg ist auch hier anzunehmen.“ Beim Vergleich der Schüler mit und ohne Migrationshintergrund - 8,3 und 8,8 Prozent - seien keine prägnanten Unterschiede erkennbar.

Zur Lage an bestimmten Grundschulen

Wie es an den Grundschulen in den von der Verwaltung ausgemachten sozial belasteten Stadtteilen aussieht, steht in der Verwaltungsvorlage VL-193/2017 für die Sitzung des Ausschusses für Bildung und Sport vom 13. Februar 2018. In dieser Sitzung beschloss der Ausschuss, die Zahl der aufzunehmenden Schüler zum Schuljahr 2018/19 an der Wittekindschule (Brambauer), der Osterfeldschule (Lünen-Mitte), der Overbergschule (Lünen-Süd) und der Viktoriaschule (Lünen-Mitte) auf 20 pro Eingangsklasse zu beschränken. An den anderen 8 Grundschulen lag die Begrenzung der Klassenstärke bei 25 Schülern.

Zur Situation an den oben genannten vier Grundschulen heißt es in der Verwaltungsvorlage:

Wittekindschule

„Die Wittekindschule ist eine Schule in einem sozial belasteten Quartier. Dadurch ergeben sich familiensystemische Belastungen, da in den Elternhäusern Ressourcen im Hinblick auf Bildung und Erziehung nur eingeschränkt vorhanden sind. Pro Klasse finden sich an der Wittekindschule nur ein bis zwei Kinder, die aus Familien stammen, die über ausreichende Ressourcen hinsichtlich Migration, Bildung und Erziehung verfügen. 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Darunter befinden sich 19 Prozent Go-In-Kinder, die ohne deutsche Sprachkenntnisse sind. Weiterhin sind 2 Prozent Flüchtlingskinder, die extremen Situationen ausgesetzt waren. Dies erfordert bei diesen Kindern einen erhöhten Förderbedarf. Bei der Ankunft der Schüler an der Wittekindschule weist ein Großteil (ca. 50 Prozent) der Kinder erhebliche Defizite in den Bereichen Grobmotorik, Sprachstörung, Wahrnehmung und Verhalten auf (...).“

Osterfeldschule

„An der Osterfeldschule wird ein sehr hoher Anteil von Kindern im Gemeinsamen Lernen unterrichtet. Dies erfordert Raum für Differenzierungen. Ebenfalls werden Go-in-Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund (85 Prozent) im Klassenverband unterrichtet. Auch hier besteht ein erhöhter Differenzierungsbedarf. (...) Mehr als die Hälfte der Schüler kommen aus bildungsfernen Familien und haben dadurch einen erhöhten Unterstützungsbedarf.“

Overbergschule

„Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund liegt bei über 70 Prozent. Die Schule ist eine Schule in einem sozial belasteten Quartier (über 60 Prozent der Familien beziehen Leistungen). Die Beschulung von Kindern im Gemeinsamen Lernen und auch von Kindern, die präventiv gefördert werden müssen, erfordert Differenzierungen und damit kleine Klassen.“

Viktoriaschule

„Die Schule liegt in einem sozial belasteten Quartier. Über 80 Prozent der Schüler haben einen oder mehrere erhöhte Förderbedarfe (unter anderem, Anm. d. Red.) in folgenden Bereichen:

Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf „Geistige Entwicklung“ 3 Kinder,

Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf „soziale und emotionale Entwicklung“ 2 Kinder (10 Kinder Prävention, davon 2 mit Schulbegleiter),

Deutsch als Zweitsprache Förderbedarf bei ca. 80 Prozent der Schüler,

Kinder, die in sozial schwierigen Situationen sind (ca. 70 Prozent).“

Schulleiterin: Migrationshintergrund spielt keine Rolle

„Bei uns hier in Lünen ist es trotzdem nicht so wie in Berlin-Neukölln.“ Das sagte Iris Lüken (48), seit 2012 Leiterin der Osterfeldschule, in Anspielung auf einen Bericht der Bild-Zeitung von Mitte November im Gespräch mit unserer Redaktion. In dem Zeitungsartikel beklagt eine Berliner Grundschulleiterin, dass an ihre „Schule an der Köllnischen Heide“ im Sommer 103 Erstklässler kamen, von denen nur ein Kind deutsche Eltern hatte: „Wir sind arabisiert“, wird die Schulleiterin zitiert. Und das Deutsch eine Fremdsprache ist.

„Für den Unterrichtsalltag spielt es überhaupt keine Rolle, ob das Kind einen Migrationshintergrund hat oder nicht“, sagt Iris Lüken: „Das ist auch kein Problem, sondern eine Tatsache, der man Rechnung tragen muss.“ Für den Fall, dass es Sprachschwierigkeiten gibt, erhielten Schüler außerhalb des normalen Unterrichts in kleinen Gruppen Nachhilfe in Deutsch.

Grundschulleitung: „In Lünen ist es trotzdem nicht so wie in Berlin-Neukölln“

Iris Lüken, Leiterin der Osterfeld-Grundschule © Storks

Sonderpädagogen helfen

Es sei eher ein Problem, sagt Lüken weiter, dass die Kinder aus einem sozial benachteiligten Quartier kommen und häufig besondere individuelle Unterstützung bräuchten. So würden Kinder, die zum Beispiel Konzentrations- oder motorische Störungen haben, aus dem Unterricht genommen und zeitgleich von Sonderpädagogen unterrichtet. Neben Lüken arbeiten an der Osterfeldschule 20 Lehrer und Lehrerinnen, 2 Schulsozialarbeiter, 2 Sonderpädagogen und eine sozialpädagogische Fachkraft.

Dass Eltern vielleicht Sorge haben, dass ihr Kind wegen eines hohen Migrantenanteils an einer Schule womöglich auf der Strecke bleibt, kann Schulleiterin Lüken nachvollziehen, obwohl, wie sie sagte, es dafür keinen Grund gibt: „Empirische Studien zeigen, dass sich Kinder bei jeder Art der Zusammensetzung ihren eigenen kognitiven Fähigkeiten entsprechend entwickeln.“

Schulverwaltung kennt keine „Problemschulen“

Das sieht Jürgen Grundmann (59), Leiter der Schulverwaltung, auch so: „Dass ein Kind einen Migrationshintergrund hat, heißt ja noch lange nicht, dass es nicht auch die deutsche Sprache spricht.“ Grundmann verwehrt sich auch dagegen, bei der Wittekind-, Viktoria-, Osterfeld- und Overbergschule von Problemschulen zu reden. Er redet lieber von Schulen, die in einem sozial belasteten Quartier liegen und wo die Kinder besondere Fördermaßnahmen brauchen. Dabei sei die Reduzierung der Klassenstärken nur eine Maßnahme von vielen.

Grundschulleitung: „In Lünen ist es trotzdem nicht so wie in Berlin-Neukölln“

Jürgen Grundmann, Leiter der Lüner Schulverwaltung © Storks

Einen Richtwert, wonach ein gewisser Migrantenanteil an einer Grundschule nicht überschritten werden sollte, gibt es nach Auskunft des Schulamtes für den Kreis Unna nicht. Wie Schulamtsdirektorin Bettina Riskop auf Anfrage unserer Redaktion sagte, „gelten zunächst für alle Schüler die grundlegenden Prinzipien der wohnortnahen Beschulung sowie die Aufnahme von Schülern im Rahmen bestehender Aufnahmekapazitäten“. Darüber hinaus unterstützten schulgesetzliche Möglichkeiten wie die Begrenzung von Klassenfrequenzen eine ausgewogenere Verteilung von Schülern auf alle Grundschulen einer Kommune.

Grundschulleitung: „In Lünen ist es trotzdem nicht so wie in Berlin-Neukölln“

Schulamtsdirektorin Bettina Riskop ist für die Grundschulen in Lünen, Werne und Selm zuständig. © Kreis Unna

Schulamt stellt Sonderpädagogen

Wie es beim Schulamt weiter hieß, erhalten die vier genannten Lüner Grundschulen weitere Unterstützung durch sonder- und sozialpädagogische Fach- und Lehrkräfte. Davon gibt es an der Osterfeldschule insgesamt 3, an der Overbergschule 3, an der Viktoriaschule 3 und der Wittekindschule 4. Dazu kommt jeweils noch ein vom Kreis und der Stadt finanzierter Schulsozialarbeiter.

Wenn auch die Ausstattung der Schulen mit Sonderpädagogen durchaus besser sein könnte, da sind sich alle Beteiligten einig, sage das nichts über die Qualität der Lehre aus.

Grundschulleitung: „In Lünen ist es trotzdem nicht so wie in Berlin-Neukölln“

Siegfried Störmer, SPD-Ratsherr und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Sport © SPD

Exemplarisch steht dafür die Aussage von Siegfried Störmer, SPD-Ratsherr und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Sport:

„Hier muss ich noch einmal an den engen Zusammenhang zwischen sozialen Voraussetzungen und Schulerfolg erinnern. Auch in Lünen sind die Übergangsquoten unterschiedlich, abhängig von den sozialen Voraussetzungen. Weil darüber hinaus die Eltern unabhängig von den Empfehlungen der Grundschulen über die weiterführende Schule entscheiden, ist ein pauschaler Vergleich, der zum Beispiel die Standorttypen nicht vergleicht, methodisch fragwürdig.“

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