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Statt Studium: Wie Fabian Goertz (27) einen Familienbauernhof in die Zukunft führen will

rnLandwirtschaft

In der 16. Generation führt Familie Goertz den Bauernhof am Gahmener Kamp. Die 17. Generation steht schon in den Startlöchern. Ein Glücksfall, der nicht jedem Landwirt beschieden ist.

Lünen

, 03.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Ein sonniger Herbsttag auf dem Hof Goertz am Gahmener Kamp. Dietrich Goertz hat das schöne Wetter genutzt, um die Felder zu pflügen. „Muss ja auch sein“, meint der 56-Jährige. Es ist Nachmittag, Sohn Fabian, der älteste der drei Goertz-Söhne, ist gerade aus Münster zurück gekommen. Dort absolviert der 27-Jährige zwei Jahre lang in Wolbeck eine Zusatz-Ausbildung zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt.

Erst eine ganz andere Richtung eingeschlagen

Fabian Goertz hat in einem halben Jahr seinen Abschluss in der Tasche. Dann steigt er in den elterlichen Betrieb mit ein. Auch wenn er beruflich anfangs ganz andere Pläne hatte. „Ich hab das Fachabi am Berufskolleg in Werne gemacht und eine Ausbildung im Bereich Fachinformatik.“ Danach begann er ein Maschinenbau-Studium, Fachrichtung erneuerbare Energien. „Aber ich hab schnell gemerkt, dass mir das Studium viel zu theoretisch war, ich wollte lieber was Praktisches machen, auch wenn ich nichts gegen Büroarbeit habe“, so der 27-Jährige. Nach drei Semestern war dann Schluss mit dem Studium. Statt - wie erst gedacht - ein Praktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb zu absolvieren, war er sich schnell sicher, dass er den elterlichen Hof übernehmen möchte, begann deshalb eine Ausbildung zum Landwirt. „Normalerweise dauert die drei Jahre, aber dank meiner anderen Ausbildung am Berufskolleg konnte ich um ein Jahr verkürzen.“

Gahmener Hofladen

Wieviel Arbeit ein Bauernhof mit sich bringt, weiß Fabian schon seit seiner Geburt. Denn Vater Dietrich und Mutter Sabine führen den traditionsreichen Hof seit vielen Jahren. Die 53-Jährige stammt nicht von einem Bauernhof, war Postbeamtin. Doch die Liebe zu ihrem Mann bedeutete für sie, als Bäuerin zu arbeiten. Sabine Goertz führt mittlerweile sehr erfolgreich den Gahmener Hofladen. Und da sieht auch Sohn Fabian die Zukunft des Familienunternehmens. Er möchte auf Dauer die Direktvermarktung ausbauen.

Statt Studium: Wie Fabian Goertz (27) einen Familienbauernhof in die Zukunft führen will

Sabine Goertz in dem Bereich des Hofladens, in dem u.a. die selbst zubereiteten Fruchtaufstriche angeboten werden. © Beate Rottgardt

Landwirt zu sein, das ist ein Fulltime-Job. Trotzdem will Fabian keinen Acht-Stunden-Büro-Job, sondern den Hof übernehmen, wenn seine Eltern in einigen Jahren in Rente gehen. Oder, wie es in der Landwirtschaft heißt, aufs Altenteil wechseln. „Dann muss der Hof auch noch genug abwerfen, um zwei Familien zu ernähren“, wissen Vater und Sohn.

Keine romantischen Vorstellungen

Dass Landwirtschaft nichts mit romantischen Vorstellungen zu tun hat, erklärt Bernhard Rüb von der Pressestelle der Landwirtschaftskammer NRW. „Es geben beinahe täglich Betriebe auf. Und es gibt auch nicht für alle Höfe einen Nachfolger aus der Familie.“ Wenn die Kinder von Landwirten vor der Wahl stehen, ob sie Landwirtschaft studieren sollen oder etwas anderes machen wollen, geht es auf dem Hof eben auch um die Zukunft des ganzen Betriebes.

Oft, so Rüb, suchen die betroffenen Familien auch den Rat der Fachleute bei der Landwirtschaftskammer: „Das ist Beratungsgegenstand bei uns. Es muss geklärt werden, wie viel künftig in den Hof investiert werden muss, wie lange Landwirtschaft dort noch möglich ist. Aber auch, wie sich die Umgebung des Hofes verändert und welchen Einfluss das auf den Betrieb hat.“

Die Vorstellung, man könne sich problemlos den Traum vom eigenen Hof erfüllen, sei meilenweit von der Realität entfernt, sagt Rüb. Eine Sendung mit dem Titel „Hof sucht Bauer“ wird es wohl nie geben. Im Gegenteil. Gut laufende Höfe sind sehr begehrt. Aber nicht jeder Interessent kann es sich finanziell leisten, einen Hof zu übernehmen. Damit ist die Übernahme eines Hofes durch einen Außenstehenden oft keine realisierbare Alternative, wenn ältere Landwirte in Rente gehen wollen.

40 Prozent haben keinen Hof zuhause

Das weiß auch Fabian Goertz. Von seinen Kollegen, mit denen er in Münster-Wolbeck derzeit die Schulbank drückt. „60 Prozent kommen von einem Hof, die anderen 40 Prozent haben keinen Hof daheim, würden nach ihrem Abschluss deshalb gerne als Verwalter arbeiten.“

Eigentlich findet es seine Mutter Sabine schön, dass „viele junge Leute Spaß an dem Beruf haben“. Aber leider haben nicht alle die Möglichkeit, selbst einen Hof zu führen. „Manche gehen dann zuerst auch in die Futtermittelindustrie“, so Dietrich Goertz. Er freut sich, dass sein Ältester die Familientradition weiterführen wird. Fabians jüngere Brüder zieht es beruflich in eine andere Richtung. Der Mittlere studiert Soziale Arbeit, der Jüngste absolviert gerade einen Bundesfreiwilligendienst.

Statt Studium: Wie Fabian Goertz (27) einen Familienbauernhof in die Zukunft führen will

Vater Dietrich Goertz (l.) ist froh, dass sein Ältester Fabian den Hof übernimmt. Immerhin wird der Hof derzeit schon in der 16. Generation geführt. © Beate Rottgardt

Alle Drei packen aber schon länger mit an, wenn ihre Eltern sie auf dem Hof brauchen. Seitdem die Söhne mithelfen, können Dietrich und Sabine Goertz auch mal Urlaub machen. „Das muss man ziemlich gut abstimmen und organisieren. Und natürlich auch eine Frage, was einem der Urlaub wert ist“, so der erfahrene Landwirt.

Sohn Fabian weiß seit Kindertagen, dass man Tiere, Äcker und Hof nicht sich selbst überlassen kann, um irgendwo am Strand zu entspannen. Es muss immer jemand da sein, der sich auskennt. Schließlich wollen Puten, Schweine und Rinder täglich versorgt werden. Aber auch die Kunden des Hofladens möchten nicht vor verschlossenen Türen stehen. Außerdem gibt auch noch den Getreideanbau, um Futter für die Tiere und Stroh selbst zu produzieren. „Das ist für Nutztierhalter selbstverständlich, darüber reden wir gar nicht“, so Sabine Goertz.

Facharbeiten schreiben

Ihren Ältesten trifft man derzeit mehr am Schreibtisch als im Stall oder auf dem Feld. „Weil ich viele Facharbeiten schreiben muss, arbeite ich derzeit nur abends im Stall“, so der junge Landwirt. Nächstes Jahr will er voll auf dem elterlichen Hof mit einsteigen. Ihm ist klar, dass sich etwas verändern muss, wenn der Hof auch die kommenden Jahrzehnte die Familie ernähren soll. So, wie es auch seine Eltern als junge Landwirte umgesetzt haben. „Wir müssen erweitern, deshalb auch der Plan, die Direktvermarktung auszubauen“, so Fabian Goertz. Das sieht auch sein Vater so: „Wir müssen uns Nischen suchen. Denn es gibt einen gewissen Umbruch bei der Tierhaltung, leider aber keine klaren Richtlinien.“ Einfacher macht das die Arbeit für die Landwirte nicht.

Aber das schreckt Fabian nicht ab. „Ziel jeder Generation ist es, den Betrieb so zu übergeben, dass zwei Familien vom Hof leben können“, sagt Dietrich Goertz. Als sie anfingen, haben auch seine Frau und er „viele Umwege gemacht, und man weiß erst hinterher, was richtig ist“.

Ein Problem, das alle Landwirte kennen, aber nicht alle lösen können. So reduzierte sich in Nordrhein-Westfalen nach Angaben der Landwirtschaftskammer die Anzahl der Betriebe zwischen 1991 und 2016 um beachtliche 45 Prozent. Im Schnitt stiegen in den vergangenen 25 Jahren jährlich 1089 Betriebe aus. Andere entscheiden sich dafür, Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb zu betreiben.

Jeder hat seine Stärken

Angst davor, dass sich Vater und Sohn ab kommendem Jahr, wenn Fabian Vollzeit mit einsteigt, in die Quere kommen, hat keiner auf dem Hof. Im Gegenteil. „Wir haben beide unsere Stärken, ich bastel und repariere gerne, mein Sohn macht gerne Büroarbeit.“

Fabians Freunde ahnten übrigens schon früh, dass er wohl auf dem Hof bleiben und den Betrieb übernehmen wird. „Und sie freuen sich auch immer über das leckere Grillfleisch, wenn sie hier eingeladen sind“, lacht der 27-Jährige.

Im Kreis Unna ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den vergangenen Jahren gesunken - von 566 im Jahr 2010 auf 525 bei der Agrarstrukturerhebung 2016. Das bedeutet ein Minus von 7,2 Prozent. Bei den landwirtschaftlich genutzten Flächen gab es innerhalb dieser sechs Jahre ein Minus von 5,9 Prozent. 2010 waren es im Kreis Unna 26.222 Hektar, 2016 dann nur noch 24.662 Hektar. Auch im Regierungsbezirk Arnsberg gab es ein Minus bei den landwirtschaftlichen Betrieben, von 6137 im Jahr 2010 um 6,9 Prozent auf 5713 sechs Jahre später. Damit liegen Kreis Unna und Regierungsbezirk Arnsberg über dem Landesdurchschnitt. In NRW sank die Zahl der Betriebe um 5,8 Prozent.
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