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Tod und Trauer - das steht normalerweise nicht auf dem Stundenplan von Viertklässlern. Für Lehrerin Melanie Sengutta (42) war das Projekt „Hospiz macht Schule“ eine besondere Erfahrung.

Lünen

, 11.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Wie redet man mit Grundschulkindern über Themen, denen auch viele Erwachsene lieber aus dem Weg gehen? Das wissen die Ehrenamtlichen des Vereins Lüner Hospiz, die eine spezielle Ausbildung für das Projekt „Hospiz macht Schule“ absolviert haben, seit zehn Jahren besuchen sie Lüner Grundschulen. Fünf Tage lang sind sie in einer Klasse, sprechen mit den Schülern kindgerecht über Krankheit, Sterben, Tod und Trauer.

Ein Projekt, für das sie zunächst Überzeugungsarbeit leisten müssen. Zusammen mit den Klassenlehrern bei einem Elternabend, an dem meist viele Bedenken geäußert werden. „Die einen oder anderen Eltern sind schon skeptisch, aber spätestens bei der Abschlussveranstaltung ist allen klar, dass es eine gelungene Sache ist“, sagt Anorte Reher. Die Vorsitzende des Vereins Lüner Hospiz ist seit Beginn des Projekts dabei.

Verein Lüner Hospiz

Spendenlauf für guten Zweck

  • Die Klasse 4a der Elisabethschule mit Lehrerin Barbara Reil nimmt in dieser Woche am Projekt teil.
  • 2020 wird es das Projekt wieder an der katholischen Grundschule in Brambauer geben.
  • Zusammen mit den fünf Themen-Verantwortlichen gehen auch immer „lila Damen“, die auch Herren sein können, in die Klassen, die mithelfen.
  • Der Verein Lüner Hospiz freut sich über weitere Ehrenamtliche, die sich als Begleiter ausbilden lassen und möglicherweise auch die Fortbildung für „Hospiz macht Schule“ mitmachen.
  • Die Elisabethschule plant am 13. Juni einen Spendenlauf auf dem Sportplatz. Die Hälfte des Erlöses geht an den Förderverein, je 25 Prozent an das stationäre Hospiz am Wallgang und an den Verein Lüner Hospiz.

„Hospiz macht Schule“ bietet einen geschützten Raum für die Kinder. Wie aber sollten sich Eltern bei diesem Thema verhalten? „Mit Kindern unter zehn Jahren sollte man aktiv nicht über das Thema Tod reden, weil es ihnen zu viel Angst machen würde“, sagt der Lüner Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Christian Lüdke. Es gebe aber drei Ausnahmen: Wenn das Kind danach fragt, weil es vielleicht eine Nachricht oder eine Info gelesen, gehört oder im Netz gesehen hat - von einem Unglück oder ähnlichem. Die zweite Ausnahme ist, wenn das geliebte Haustier stirbt oder eingeschläfert werden muss oder das Kind vielleicht auf der Straße ein überfahrenes Tier sieht und danach fragt. „Ausnahme Nummer 3 ist, wenn es in der Familie des Kindes oder in seinem erweiterten Umfeld Menschen gibt, die schwer oder sogar todkrank sind, und mit denen das Kind Kontakt hat.“

Lüner Lehrerin ist beeindruckt, wie Kinder mit den Themen Tod und Trauer umgehen

Dr. Christian Lüdke mit Mops Buddha. © Lüdke

In diesen drei Fällen würde Lüdke mit dem Kind sprechen. Aber er warnt: Man sollte dabei wirklich ehrlich sein und keine Bilder benutzen wie „Der Hase schläft nur...“ oder „Der Opa schläft jetzt“. Kinder würden dann den Tod mit dem eigenen Schlaf sehr schnell verknüpfen, selbst große Angst vor dem Schlafengehen bekommen und sogar Schlafstörungen entwickeln.

Obwohl „Hospiz macht Schule“ an der Elisabethschule in Brambauer schon seit mehreren Jahren läuft, sind einige Eltern anfangs noch unsicher. „Einige Eltern wollten ihre Kinder nicht mit dem Thema konfrontieren, weil es gerade einen Todesfall in der Familie gab. Dabei ist gerade dann das Projekt ideal, „damit die Kinder darüber reden können“, so Religionslehrer Marcus Seck. Der 51-Jährige hat schon mit zwei Klassen an dem Projekt teilgenommen.

Kinder waren stolz auf ihre Leistungen

Für seine Kollegin Melanie Sengutta war es eine Premiere, als die 4b, die sie vor einem Jahr übernommen hat, am Projekt teilnahm. „Ich habe die Tage genutzt, um zu beobachten, und festgestellt, dass die Kinder mit Feuereifer dabei waren. Beim gemeinsamen Abschluss merkte man, wie stolz sie auf das sind, was sie in der Woche gemacht haben“, so die Lehrerin.

An den Wänden der Klasse hingen nach fünf Tagen zahlreiche bunte Bilder zu Themen, die auf den ersten Blick eher dunkle Gedanken auslösen. Auf den Fensterbänken stehen noch immer bunt bemalte Tontöpfe, in denen Bohnenpflanzen bestens gedeihen. Auch darauf sind die Viertklässler sichtlich stolz. Die selbst gesäten Pflanzen sind fester Bestandteil der Projektwoche, als Symbol für das Leben.

Das Zuschauen war schon ungewohnt

„Am Montag nach der Projektwoche sind alle als erstes zu ihren Pflanzen gelaufen, um zu sehen, wie weit sie sind“, sagt die Klassenlehrerin. Die 42-Jährige wusste vorher „grob, was in der Woche passieren würde, ich hab es auf mich zukommen lassen“. Im Religionsunterricht hatte ihr Kollege Marcus Seck den Kindern erklärt, was sich hinter dem Begriff Hospiz verbirgt: „Viele hatten überhaupt keinen Zugang zu dem Thema.“

Melanie Sengutta hat an der Elisabethschule eine Teilzeitstelle. Das reine Zuschauen war für sie „schon ein bisschen komisch und sehr ungewohnt“. Je nach ihrem Zeitplan war sie entweder bei der morgendlichen Begrüßung und dann bei der Gruppenarbeit als Beobachterin dabei, oder beim Abschluss. „Anfangs waren die Kinder etwas ruhiger, dann sind sie nach und nach aufgetaut.“

Statt Hausaufgaben sprechen Kinder mit ihren Eltern

Die Klassenlehrerin hat ihre Viertklässler von einer anderen Seite erlebt als sonst im Unterricht: „Auch, wie sensibel die Kinder reagieren, gerade die, die sonst immer besonders cool auftreten.“ Melanie Sengutta ist noch immer beeindruckt, wie viele Ideen die Kinder entwickelten, als es darum ging, wie man kranken Menschen helfen und sie trösten kann. Natürlich haben die Schüler in der Woche nach dem Projekt noch mal mit ihrer Lehrerin darüber gesprochen.

An den Projekttagen gab es für die Kinder keine Hausaufgaben, auch das sollte zeigen, dass es für sie eine ganz besondere Woche mit einem besonderen Thema ist. „Uns war es wichtiger, dass die Kinder zuhause mit ihren Eltern darüber reden, was sie erlebt und gehört haben.“ Dazu rät Christian Lüdke: „Wenn Eltern mit ihren Kindern über den Tod sprechen, sollten sie eigene Gefühle zurückhalten und ganz sachlich bleiben. Nur so geben sie dem Kind Stabilität und Sicherheit.“

Letzte Wünsche von Sterbenden

Für Melanie Sengutta steht fest: „Ich würde es auf jeden Fall noch mal machen.“ Beeindruckt, wie motiviert die Kinder sind, ist auch Marcus Seck. Und auch die Ehrenamtlichen des Vereins Lüner Hospiz haben die Lehrer rundum überzeugt. Je ein anderer Ehrenamtlicher kümmert sich um eins der Tagesthemen.

Lüner Lehrerin ist beeindruckt, wie Kinder mit den Themen Tod und Trauer umgehen

Szene aus einem früheren Projekt: Hilmar Nobel und die Kinder sowie alle Erwachsenen sangen ein Begrüßungslied. © Beate Rottgardt

Hilmar Nobel, engagierter Ehrenamtlicher, der bei fast allen bisherigen Projektwochen dabei war, erzählte kindgerecht von seinen Begleitungen Sterbender. Vor allem die letzten Wünsche der Schwerstkranken, wie ein Wannenbad oder ein Sauerbraten, beschäftigten die Kinder.

Lüner Lehrerin ist beeindruckt, wie Kinder mit den Themen Tod und Trauer umgehen

In der Elisabethschule in Brambauer fanden die bislang meisten Projektwochen "Hospiz macht Schule" statt. © Beate Rottgardt

Wichtig für die Lehrer ist es, dass die erfahrenen Ehrenamtlichen da sind, wenn die Kinder weinen. Marcus Seck: „Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll, da ist es beruhigend, dass sie da sind. Zumal man selbst emotional angegriffen ist. Bei dem Film, der gezeigt wird, hab ich auch an die Menschen gedacht, die ich verloren habe.“

Nähe kann anstrengend sein

Dabei ist genau das, so Anorte Reher, „für uns der schwerste Moment, man muss loslassen können, zwischen Nähe und Distanz das richtige Maß finden“. So sieht es auch Doris Gräf vom Verein Lüner Hospiz: „Diese Nähe ist schon anstrengend.“ Zum Abschluss der Woche waren auch die Eltern eingeladen. 15 kamen. „Es hat mich erstaunt und gefreut, dass so viele da waren“, so Melanie Sengutta, die seit sechs Jahren an der Elisabethschule unterrichtet. „Besonders beeindruckend fand ich, wie toll die Kinder in Rollenspielen Trauer und Trösten darstellten und das auch unbedingt den Eltern zeigen wollten.“

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