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Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation. Die Leoschule hat ein umfassendes Medienkonzept erarbeitet und will die Kinder fit machen. Aber ohne Smartphones - die sind verboten.

Lünen

, 27.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Ohne Handy geht nichts mehr - das Gefühl kommt zumindest auf, wenn man sich durch den Alltag bewegt. Auf den Straßen begegnet man nur noch Menschen mit gesenkten Köpfen. Im Sitzen, Gehen und Stehen starren Menschen auf Displays und bekommen sonst nicht viel mit. Besonders junge Menschen sind den Mini-Computern verfallen, es scheint, als wären Teenager mit der Technik verwachsen. Das führt nicht selten zu Knatsch zuhause oder in der Schule.

Laut der JIM-Studie 2017 (Jugend, Information, Multimedia) des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest besitzen mit 97 Prozent so gut wie alle Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren ein Smartphone. Bei den 6- bis 13-Jährigen sieht es noch etwas anders aus, aber auch in dieser Altersgruppe macht sich die Technik im Kinderzimmer breit. Laut der KIM-Studie (Kinder) aus dem Jahr 2016 besitzen rund 51 Prozent der Kinder ein Smartphone oder zumindest ein konventionelles Handy.

Laut Aussagen der Haupterzieher (37 Prozent), sorgt das Handy oder Smartphone oft für Streit in der Familie. Somit würden Handys und Smartphones das größte Streitpotenzial bieten, dicht gefolgt von Internet und Fernsehen. Obwohl viele Konflikte rund ums Smartphone entstehen, werden hier die wenigsten Absprachen getroffen. 51 Prozent der Erziehenden geben an, Absprachen zur Dauer der Nutzung zu treffen. Bei Computern und Spielkonsolen sind die Eltern strikter, hier werden in 78 Prozent der Fälle Absprachen getroffen.

Handyverbot seit 2011

Der richtige Umgang mit der Smartphone-Nutzung fällt oft schwer und Eltern sind unsicher, wie sie mit dem Thema umgehen sollen oder wissen gar nicht, ab wann sie ihre Kinder überhaupt mit der Technik konfrontieren können. Die Leoschule in Lünen hat einen einfachen Weg gefunden, mit der Handy-Problematik umzugehen: Handys, Smartphones und Smartwatches sind hier seit 2011 verboten. Punkt.

„Zum Kindsein gehört es nicht, auf einem Display rumzuwischen.“
Schulleiter Matthias Flechtner

Wenn Kinder doch ein Smartphone oder ähnliche Technik zur Schule mitbringen - auch wenn es ausgeschaltet ist - wird es einkassiert und die Eltern müssen es bei Schulleiter Matthias Flechtner abholen. „Dann spreche ich auch nochmal sehr intensiv mit den Eltern“, betont der Schulleiter. Aber oft kommt es auch gar nicht dazu. „Vielleicht zweimal im Schuljahr.“

Medienkompetenz schon in der Grundschule entwickeln - aber ohne Smartphones

Schulleiter Matthias Flechtner vor einem Smartboard. Die Leoschule hat insgesamt 10 davon. © Maiwald

Auslöser waren damals Telefonstreiche, die in den Pausen von den Schülern gemacht wurden. Zu der Zeit waren Cyber-Mobbing oder WhatsApp-Horror-Kettenbriefe noch gar keine Themen gewesen. Im Jahr 2018 sieht das ganz anders aus. Digitale Medien bieten viele Möglichkeiten, aber auch viele Risiken.

Fabian Sauer ist Mitglied der Redaktion Handysektor.de - ein gemeinschaftliches Projekt der Landesanstalt für Medien NRW und des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest in Kooperation mit klicksafe.de - und rät dazu, Kinder und Jugendlichen frühzeitig über den Umgang mit der digitalen Welt und Smartphones aufzuklären, um ein verantwortungsbewussten Umgang zu erzielen. „Sorgen und Interessen der Kinder sollten dabei ebenso ernst genommen werden wie das Bedürfnis der Eltern, ein Maß an Kontrolle zu behalten.“ Neben der Kommunikation sind auch technische und rechtliche Grundlagen wichtig, die vermittelt werden müssen, beispielsweise der Umgang mit Fotos von anderen.

Es fehlt das Verständnis für Hintergründe

Denn obwohl Kinder und Jugendliche „in der Bedienung von Apps und im Wissen über die digitale Welt den Erwachsenen manchmal meilenweit voraus erscheinen, so fehlt ihnen oft ein Verständnis für Hintergründe, beispielsweise bei rechtlichen Fragen oder dem Datenschutz“, so Sauer.

Fabian Sauer meint, ein komplettes Handyverbot sei wenig sinnvoll. Besser wäre eine Handyvereinbarung mit klaren Vorgaben zur Smartphone-Nutzung in Schule und Unterricht, „da das Smartphone im Unterricht sonst für große Ablenkung sorgen kann. Um eine möglichst hohe Akzeptanz der Regeln unter der Schülerschaft zu erzielen, empfehlen wir eine Einbindung der Jugendlichen in das Aufstellen einer Handyvereinbarung“.

Schutz und Kontrolle

Wann es problematisch wird

Die Betriebssysteme Android und iOS bieten eigene Jugendschutzprogramme an, außerdem gibt es zahlreiche externe Apps, die Kinder und Jugendliche vor unpassenden Inhalten schützen sollen. „Diese technischen Lösungen können jedoch lediglich eine Unterstützung in der Medienerziehung darstellen und ersetzen nicht die Begleitung der Nutzung durch die Eltern“, sagt Fabian Sauer. Sobald das Smartphone den Alltag stark negativ beeinflusst, spricht man von einer problematischen Nutzung. Also wenn die schulischen Leistung aufgrund der Nutzung extrem sinken oder sämtliche soziale Kontakte vernachlässigt werden. „Eltern sollten jedoch bedenken, dass insbesondere Jugendliche grundsätzlich zu exzessiverem oder extremerem Verhalten neigen, wovon natürlich auch die Smartphone-Nutzung betroffen sein kann.“

Schulleiter Matthias Flechtner hingegen ist der Ansicht, dass Smartphones nichts in Kinderhänden zu suchen hätten. „Zum Kindsein gehört es nicht, auf einem Display rumzuwischen. Zum Kindsein gehört es, gemeinsam mit Klassenkameraden zu spielen und sich draußen zu bewegen.“ Aber auch wenn Smartphones und Handys an der Schule verboten sind, auf Digitalisierung und Medienkompetenz wird an der Leoschule nicht verzichtet. Hier steht die Erziehung zur sinnvollen und gezielten Mediennutzung auf dem Lehrplan, die Schule hat ein umfassendes Medienkonzept erarbeitet. So sollen die Schüler und Schülerinnen lernen wie sie mit dem Medium Computer arbeiten können. Folgende Medienkompetenzen sollen an der Leoschule vermittelt werden:

  • Recherchieren - Schüler und Schülerinnen lernen, sinnvoll und kindgerecht im Internet zu recherchieren.
  • Kooperieren - Konfliktfrei gemeinsam arbeiten.
  • Produzieren - Etwas mit Medien herstellen, von Text- bis Videodateien.
  • Präsentieren - Schüler lernen mit Medien zu präsentieren.
  • Strukturieren - Strukturiertes Arbeiten mit Medien.

Kreidetafeln sterben aus

Grundlage bildet die Beherrschung des Computers, so stehen in jedem Klassenraum mindestens zwei Computer zur Verfügung, zusätzlich gibt es noch einen Computerraum. Bereits in der ersten Klasse lernen die Kinder den Umgang mit Maus und Tastatur. Außerdem haben die alten Kreidetafeln ausgedient, 10 von 12 Tafeln wurden durch Smartboards - interaktive Whiteboards - ersetzt. Aber Smartphones in den Unterricht miteinzubeziehen, kommt nicht in Frage. „Wenn es private Geräte sind, sind da Sachen drauf, die in der Schule wahrscheinlich eher ablenken. Tablet-Klassen kann ich mir hingegen gut vorstellen, das wird auch irgendwann kommen“, sagt der Schulleiter.

Ganz ohne Medien und Digitalisierung geht es eben doch nicht, aber dennoch legt die Leoschule wert darauf, dass die Kinder auch Kinder bleiben dürfen.

Generell sei es wichtig, da sind sich Fabian Sauer und Matthias Flechtner einig, Kinder nicht unbegleitet in die Medienwelt zu entlassen. Zwar gebe es keinen richtigen Zeitpunkt für ein eigenes Smartphone, aber „ein unbegleiteter Start in die Welt der Smartphones ist immer problematisch. Daher sollte das Thema behandelt werden wie das Taschengeld: Niemand würde auf die Idee kommen, Kindern ohne Erklärung ein Girokonto zu überlassen. Stattdessen führen wir Kinder mit dem Taschengeld schrittweise an einen verantwortungsbewussten Umgang mit Finanzen heran. Auch beim Smartphone ist es sinnvoll, dass die ersten Erfahrungen schrittweise und begleitet gemacht werden“, erklärt Fabian Sauer.

Beispielsweise können Kinder erste Erfahrungen mit dem Gerät der Eltern machen. Außerdem könne gemeinsam mit dem Kind ein Mediennutzungsvertrag gemacht werden, der immer wieder angepasst werden könne.

Medienkompetenz schon in der Grundschule entwickeln - aber ohne Smartphones

Diesen Mediennutzungsvertrag können Eltern mit ihren Kindern schließen und immer wieder anpassen und neu gestalten. © Landesanstalt für Medien NRW

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