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Ganz alleine in einem motorlosen Segelflugzeug in einer Höhe über 1000 Metern. Für viele ist das Grund genug für Angst und Beklemmung. Für einige 14-Jährige ist es ein normales Hobby.

Lünen

, 08.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Mit dem Kopf in den Wolken. Das beschreibt viele Jugendliche ziemlich gut. Besonders gut beschreibt es aber die jungen Vereinsmitglieder der Flugsportgruppe Lünen. Wo andere Menschen mit Herzrasen kämpfen, wenn sie in einem kleinen Flugzeug ohne Motor in schwindeleregender Höhe unterwegs sind, bleiben die jungen Lüner Segelflieger gelassen. Bereits mit 14 Jahren können sie hier, aber auch in anderen Flugsportgruppen, abheben. Zunächst in Begleitung, mit ausreichend praktischer Erfahrung dann auch ganz alleine. Die 17-jährige Norina Skrodzki hat gerade ihren Pkw-Führerschein bestanden, fliegen durfte sie aber auch schon mit 14 Jahren. „Es ist schon irgendwie komisch, dass man mit 14 Jahren ein Segelflugzeug führen darf und erst mit 17 Jahren Autofahren darf. Aber ich finde es auf jeden Fall gut, dass man so früh segelfliegen darf. Beim Autofahren sind eben noch sehr viele andere Verkehrsteilnehmer unterwegs, beim Fliegen ist das anders, da sind vielleicht noch sechs andere Flugzeuge in der Nähe“, sagt die junge Fliegerin.

Das sieht der Segelflieger Andreas Fischer genauso. „Im Luftraum ist weniger los, als auf der Straße. Der Straßenverkehr ist wesentlich komplexer.“ Er hält 14 Jahre nicht für zu jung. „Unsere jungen Mitglieder gehen alle verantwortungsvoll und gewissenhaft mit dem Flugsport um und alle Schüler werden sehr gründlich ausgebildet und auf die Flüge vorbereitet.“

Luftrecht und Meteorologie müssen auch gebüffelt werden

Die Ausbildungsdauer ist unterschiedlich lang. Es kommt darauf an, wie oft die Schüler Zeit zum Fliegen haben. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Fluglehrer entscheiden, dass die jungen Flugschüler so weit sind, alleine zu starten.

Neben den praktischen Übungen, muss natürlich auch die Theorie gebüffelt werden. Hier kommt es unter anderem auf Luftrecht, Meteorologie, Aerodynamik oder Navigation an.

Aber nicht nur Fliegen steht auf dem Plan, wenn man in der Flugsportgruppe Mitglied ist. Es sollten auch sogenannte Arbeitsstunden geleistet werden. Die Inhalte reichen von Rasenmähen über Hilfe im Werkstattbereich bis hin zum Polieren der Flugzeuge. „Im Winter werden die Flugzeuge poliert, das ist wichtig, damit die Lackoberfläche wieder geschlossen wird und der Lack nicht spröde wird“, erklärt Fischer. Das ist wichtig für die Aerodynamik.

Arbeitsstunden machen das Segelfliegen günstiger

„Fliegen macht natürlich mehr Spaß, aber die Arbeiten gehören dazu und außerdem wird so das Fliegen günstiger“, sagt Andree Mathias (20), er fliegt seit sechs Jahren im Verein.

Zusätzlich zu dem Vereinsbeitrag muss eine Fluggebühr extra entrichtet werden. Die Höhe der Fluggebühr richtet sich nach den erbrachten Arbeitsstunden im Verein. „Bei durchschnittlichem Engagement, also ca 100 Arbeitsstunden im Jahr, kostet eine Stunde Fliegen ungefähr 11 Euro“, sagt Fischer.

Während andere Jugendliche Hobbys wie Reiten oder Fußball nachgehen, hebt Norina lieber ab. „Die Meinungen gehen da auseinander, ein paar Freunde von mit finden das toll und sind beeindruckt, dass ich schon fliegen kann. Andere fragen, ob ich verrückt bin und ob das nicht gefährlich sei. Es ist nicht gefährlich, ich weiß was ich tue.“

Noch keine Unfälle in Lünen

Tatsächlich kam es in der Geschichte der Flugsportgruppe Lünen bisher zu keinem Unfall, der Verein wurde 1950 gegründet.

Das bedeutet aber nicht, dass es ein grundsätzlich ungefährlicher Sport ist. Erst kürzlich verunglückte ein 15-jähriger Segelflieger in Braunschweig. Sein Segelflugzeug stürzte über einem Friedhof ab, der Junge verstarb. Wie es zu diesem Unglück gekommen ist, ist bisher nicht geklärt.

In den Jahren zwischen 2010 und 2017 gab es jährlich zwischen drei und zehn Unfälle mit Segelflugzeugen, bei denen der Flugzeugführer tödlich verletzt wurde. Wie viele der Opfer minderjährig waren, ist nicht bekannt.

Es sei wichtig darüber zu sprechen, dass es um einen Sport geht, der ein gewisses Gefahrenpotenzial birgt, meint Fischer. „Es geht auch immer darum, wie man den Sport ausübt. Wir machen das sehr gewissenhaft, die Flugzeuge werden regelmäßig gewartet, wir machen vor jedem Flugtag einen Check der Flugzeuge, wir machen Startchecks, wir haben erfahrene Fluglehrer und alle achten auf Sicherheit.“ Wenn dann doch mal eine Landung etwas holprig ist, wird danach darüber gesprochen. Es wird kontrolliert und es wird viel und offen miteinander gesprochen, um Fehler zu analysieren und sie in Zukunft vermeiden zu können.

Gefahrensituationen üben

Wichtig ist es auch, Gefahrensituationen zu üben, nicht nur in der Segelflieger-Ausbildung, sondern auch danach. Außerdem tragen alle Vereins-Flieger einen Fallschirm in der Luft. Nach abgeschlossender Ausbildung ist das keine Pflicht. Sollte der Pilot doch einmal in eine Notsituation geraten, muss er die Plexiglas-Haube des Cockpits öffnen und sich aus dem Flieger fallen lassen. Die Situation muss der Flieger früh genug erkennen, wenn er schon zu tief ist, hilft auch kein Fallschirm mehr.

„Am Anfang haben sich meine Eltern natürlich auch Gedanken gemacht und haben sich gefragt wie das läuft und ob das sicher ist. Aber inzwischen ist es viel entspannter“, sagt der 20-jährige Andree. „Sie sind auch schon mitgeflogen und haben gemerkt, dass das sicher ist.“

Ganz ohne Motor auf über 100 Stundenkilometer

Wie fliegt ein Segelflugzeug eigentlich so ganz ohne Motorantrieb? Die Flugzeuge in Lünen starten an der Seilwinde, sie werden von einem Seil gezogen und beschleunigen dadurch auf über 100 Stundenkilometer, bis sie schließlich abheben. Nach der plötzlichen Beschleunigung, die den Piloten und Mitflieger ganz schön in die Sitze pressen, ist es in der Luft dann ganz ruhig, Motorengeräusche gibt es hier nicht.

Je nach Wind wird das Seil bei einer Höhe von 400 Metern ausgeklinkt. Dann ist der Segelflieger darauf angewiesen Thermik zu finden. Thermik ist warme, in Schläuchen aufsteigende Luft. Fliegt das Flugzeug in einen dieser Schläuche rein, merkt das zum einen der Flieger und zum anderen schlagen dann die Instrumente aus. Hat der Pilot einen Thermik-Bereich gefunden, kreist er ein, das heißt er schraubt sich wie in einer Spirale nach oben. Wenn eine entsprechende Höhe erreicht ist, kann der Flieger die Höhe in Entfernung umsetzen. Bedeutet, bei längeren Strecken ist der Pilot immer wieder auf Thermik angewiesen um erneut an Höhe zu gewinnen.

Zu jung fürs Autofahren, alt genug fürs Segelfliegen

Die Seilwinde zieht die Segelflugzeuge in die Luft. Das Seil ist 1000 Meter lang. © Victoria Maiwald

Beim ersten Flug vier Jahre alt

An ihren ersten Flug kann sich Norina leider nicht mehr erinnern, sie war vier Jahre alt. Ihr Vater ist selbst Segelflieger und Fluglehrer, er hat sie auf den Geschmack gebracht. Ihr erster richtiger Flug, bei dem sie vorne in der Kabine saß und selber fliegen konnte, war etwas ganz besonderes. „Selbst zu fliegen war ein sehr schönes Gefühl, das war echt cool.“ Bei Andrees ersten Alleinflug kamen bei ihm die Gefühle fürs Fliegen richtig durch. „Man ist 14 Jahre alt, sitzt alleine in einem Segelflugzeug und hat die Kontrolle darüber. Das ist echt viel Verantwortung für einen 14-Jährigen.“

Auch Fischer ist nach 11 Jahren Flugerfahrung immer noch begeistert. „Es ist trotzdem noch etwas besonderes, weil jeder Tag anders ist. Man muss ständig mit unterschiedlicher Witterung klar kommen. Man ist immer auf der Suche nach Thermik und versucht sie möglichst gut auszukreisen. Das ist auch eine sportliche Herausforderung. Auch kann man sich immer weiterentwickeln, zum Beispiel beim Strecke fliegen.“ Der Vereinsrekord liegt derzeit bei einer am Stück geflogenen Strecke 750 Kilomtern. Das würde einer Strecke von Lünen nach Lyon (Frankreich) entsprechen.

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