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Väter in Elternzeit müssen sich immer noch fragwürdige Kommentare anhören. Wir haben mit zwei Vätern über ihre Elternzeit gesprochen. Und wir geben Tipps, wie man(n) die Zeit richtig plant.

Lünen

, 07.09.2018 / Lesedauer: 8 min

Es ist Mittag, die Kleinen schlafen, die Väter haben Zeit, über eine besondere Phase ihres Lebens zu sprechen. Danijel Planinic (34) hat im Garten das Babyfon dabei, damit er hört, wenn sein 13 Monate alter Sohn aufwacht. Seine Frau Angela ist noch bei der Arbeit, kommt später dazu. Das Babyfon braucht Richard Zastrow (35) gerade nicht. Seine Frau Mareike ist auch zuhause, schaut nach, wenn die eineinhalbjährige Tochter sich regt. Der drei Jahre ältere Sohn ist in der Kita.

„Auf der Arbeit ist man ersetzbar. Zuhause nicht“ - so sieht es Richard Zastrow. Er ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Lünen und zweifacher Vater. Für ihn und seine Frau Mareike stand fest, dass sie beide Elternzeit nehmen wollen. Zastrow hat Elternzeit jeweils in den ersten sechs Wochen nach der Geburt und dann noch mal im zehnten und elften Lebensmonat von Sohn (4) und Tochter (1,5) genommen. Jedes Elternteil kann seine Elternzeit in bis zu drei Zeitabschnitte einteilen.

Zastrows Nachbar Danijel Planinic, Mitarbeiter beim Autohaus Schmidt, ist noch in Elternzeit. Er hat sich entschieden, insgesamt fünf Monate ganz intensiv mit seinem Söhnchen zu verbringen, bis Ende September läuft seine Elternzeit noch.

Jeder Elternteil hat gesetzlichen Anspruch auf Zeit für die Betreuung und Erziehung seines Kindes bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres. Maximal kann die Elternzeit also 36 Monate betragen.

Arbeitgeber und Kollegen

Zastrow und Planinic haben sich schon früh entschieden, Elternzeit zu nehmen. „Die Frage war nur, wie lange. Beim ersten Kind weiß man ja nicht, wie es so abläuft“, erzählt Planinic. Bewusst sprach er seinen Arbeitgeber auch schon früh auf das Thema an - und fand offene Ohren. Zastrow hatte sich für die Elternzeit entschieden, als er sich in Lünen für die Pfarrstelle bewarb. Dabei ging der evangelische Pfarrer auch ganz offen mit dem Wunsch um, Elternzeit für seine Tochter zu nehmen. „Ich habe ja in Lünen eine Pfarrstelle mit Kinder- und Jugendarbeit als Schwerpunkt angetreten, hätte ich da keine Elternzeit nehmen dürfen, wäre das irgendwie komisch gewesen.“ Die Kollegen und der Arbeitgeber trugen das Ganze mit. Dafür ist Zastrow dankbar.

Wer in Elterzeit ist, kann von seinem Arbeitgeber nicht gekündigt werden. Das Arbeitsverhältnis bleibt während der Elternzeit zwar bestehen, aber die Eltern bekommen kein Gehalt, weil sie ja auch keine Arbeit im Job leisten. Man muss die Elternzeit bei seinem Arbeitgeber anmelden - mindestens sieben Wochen vor Beginn und in schriftlicher Form. Man sollte auch mindestens sieben Wochen vor Beginn mitteilen, wie lange man Elternzeit nehmen möchte. Damit der Arbeitgeber eine Ersatzlösung finden kann. Eine nachträgliche Verlängerung der Elternzeit ist auch möglich.

Ohne Elterngeld ginge es nicht

Als Richard Zastrows Sohn unterwegs war, kam er durch positive Berichte von Vätern über deren Elternzeit auf die Idee, auch Elternzeit zu nehmen. Bei seiner Tochter stand es dann nach seinen eigenen guten Erfahrungen fest. „Für Väter finde ich es sehr wichtig. Ohne Elterngeld ginge es aber oft nicht.“ Das sieht auch Planinic so: „Ich finde auch, dieses Modell von früher - dass einer, meistens die Mutter, ganz zuhause bleibt - geht heute einfach nicht mehr.“

Um die Eltern finanziell zu unterstützen, gibt es das Elterngeld. Es soll das fehlende Einkommen ausgleichen. Beide Elternteile haben zusammen einen Anspruch auf 12 Monatsbeträge Elterngeld. Zusätzlich haben sie Anspruch auf zwei weitere Monatsbeträge (Partnermonate), wenn mindestens ein Elternteil für mindestens zwei Lebensmonate des Kindes auf einen Teil seines bisherigen Erwerbseinkommens verzichtet.

Wieviel Elterngeld gezahlt wird, richtet sich nach dem Nettoeinkommen der Eltern. Bei höheren Einkommen gibt es 65 Prozent, höchstens jedoch 1800 Euro. Eltern mit niedrigerem Einkommen können bis zu 100 Prozent bekommen. Gezahlt wird das Elterngeld vom Staat. Den Antrag stellen Eltern nach der Geburt. Für Lüner Eltern ist der Kreis Unna zuständig.

Zwischen Qual und Wolke 7

Die ersten Wochen nach der Geburt sind nie einfach, das hatte Zastrow vor der Geburt seines Sohnes bei anderen Paaren gesehen: „In den ersten Wochen lebt man ja wie in einer Blase und wundert sich, wie man das alles als Familie mit der Wäsche oder dem Einkaufen noch nebenbei schafft. Ich habe wirklich großen Respekt vor Frauen, die das ganz alleine bewältigen.“

Danijel Planinic ist eine Woche nach der Geburt seines Sohnes wieder arbeiten gegangen: „Aber ich habe auch gemerkt, dass wir in einer komplett anderen Welt waren, irgendwie auf Wolke 7 durch den Kleinen. Die Glückshormone tanzten, als ich ihn das erste Mal auf dem Arm hatte.“ Er wäre da schon „viel lieber zuhause gewesen“, hatte dann ein paar Wochen später drei Wochen Urlaub.

Für seine Frau Angela war der Wiedereinstieg nach zehn Monaten Elternzeit, die sie „24 Stunden mit unserem Sohn zusammen war“ schon eine Qual. Das erzählt sie, als sie von der Arbeit nach Hause kommt. „Danijel musste immer noch mal mit dem Kleinen bei mir im Büro vorbeikommen. Er hat mich vermisst und ich ihn.“ Sie war vor der Geburt ein „totales Arbeitstier“.

Nun hat das Ehepaar schon überlegt, bei einem zweiten Kind die Elternzeit auf 24 Monate zu verlängern. Mit Hilfe von Urlaub wollen sie dann auch zwei Monate gemeinsam rund um die Uhr für die Kinder da sein. Trotz möglicher finanzieller Engpässe, denn das Elterngeld gleicht das normale Gehalt nicht aus. Angela Planinic würde es Vätern „nur empfehlen, Elternzeit zu nehmen. Auch wenn ich zwei Väter kenne, die zwei Monate genommen haben und es so anstrengend fanden, dass sie es nicht noch mal machen würden.“

Soziologe: Widerspricht immer noch Normen

Möglicherweise liegt diese Reaktion auch daran, dass diese Väter während der Elternzeit nicht so zufrieden mit ihrem Leben waren, wie sie es aus der Arbeitswelt gewohnt sind. In Studien des Soziologen Prof. Dr. Martin Schröder (Uni Marburg) kam heraus, dass Männer zufriedener mit ihrem Leben sind, wenn sie 40 bis 60 Wochenstunden arbeiten. „Bei Frauen, insbesondere bei Müttern, hängt die Lebenszufriedenheit sehr viel weniger von der Arbeitszeit ab“, so Schröder auf Anfrage.


Die Elternzeit ist für Väter eine freiwillige Verringerung ihrer Arbeitszeit. Schröder: „Ich denke, auch wenn sich die Männer freiwillig für Elternzeit entscheiden und dafür, bewusst Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, ist es für sie trotzdem schwierig, etwas anders zu machen als viele andere Männer.“

Elternzeit bei Vätern widerspreche immer noch Normen, die andere oder auch man selbst an sich stellt. „Viele Männer haben noch immer die Sichtweise, sie müssten ihre Familie alleine ernähren. Ich vermute, dass das auch hinter dem Ergebnis steckt, dass viele Väter zufriedener mit ihrem Leben sind, wenn sie mehr als Vollzeit arbeiten“, so der Soziologe. Beispielsweise sei das Ergebnis in den ostdeutschen Bundesländern auch weniger ausgeprägt, weil dort in der Gesellschaft stärker akzeptiert wird, dass Frauen arbeiten gehen.

Berufstätige Mütter müssen sich noch oft rechtfertigen

Richard Zastrow stammt aus Potsdam und in Brandenburg gibt es viele Kinderkrippen. Für Mütter ist es dort selbstverständlich, dass sie ihre Kleinen in Betreuung geben. In den westlichen Bundesländern müssen sich Mütter oft noch dafür rechtfertigen. „Als meine Frau sagte, sie wolle wieder arbeiten, ist sie von einigen komisch angeschaut worden“, hat Danijel Planinic erlebt. Sein eigener Vater ist 75 Jahre alt und „findet es super, dass ich Elternzeit genommen habe.“ Auch sein Vater, da ist sich Richard Zastrow sicher, würde seine Entscheidung gut finden. Leider lebt er nicht mehr, hat aber - wie auch seine Frau - im Schichtdienst gearbeitet. Beide haben sich mit der Betreuung der Kinder abgewechselt.

„Ich würde mich immer für Zeit mit den Kindern entscheiden“, sagt Zastrow. Gefühlsmäßig war die Elternzeit für den Pfarrer wie ein schöner Sommerurlaub, der im emotionalen Gedächtnis bleibt. Durch die Elternzeit habe er einen stärkeren emotionalen Zugang zu den Kindern. Er konnte in den zwei Monaten Elternzeit auf das aufbauen, was sie in den ersten sechs Wochen zusammen hatten: „Für uns war ja bei unserer Tochter alles neu, weil wir in der Zeit nach Lünen gezogen sind. Eine neue Stadt, eine neue Kita für den Sohn, neue Wohnsituation, neue Arbeit. Die Elternzeit war schon wichtig, um im neuen Lebensabschnitt anzukommen.“

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Beim zweiten Kind war die Elternzeit für Mareike und Richard Zastrow komplett anders als bei ihrem Sohn. „Da war eben schon ein Kind da. Ein Kind, ds auch auf uns angewiesen ist und einen strukturierten Tagesablauf braucht. Es war toll, das zusammen zu erleben und zu meistern“, so Mareike Zastrow. Das Ehepaar würde es auch wieder genau so machen.

In seinem Bekanntenkreis sind einige Väter, die aus beruflichen Gründen keine Elternzeit nehmen konnten. Das findet die zweifache Mutter schade, auch wenn sie Verständnis hat, dass aus finanziellen Gründen nicht alle Familien von der Möglichkeit Gebrauch machen können: „Das Elterngeld ist wichtig. Auch wenn wir in der zweiten Schwangerschaft nur noch den Mindestbeitrag bekommen haben. Alle Familien müssen sich informieren und nachrechnen, ob es geht oder nicht.“

Diese Bindung bleibt

Daniel Planinic genießt die Zeit mit seinem Sohn. „Ich hoffe, dass diese Zeit bei unserem Sohn im Kopf bleibt, denke auch, dass diese Bindung weiter besteht.“ Die Eingewöhnung in die Kita macht Vater und Sohn richtig Spaß. Planinic war auch beim Pekip (Prager Eltern-KInd-Programm für Kinder im ersten Lebensjahr im Rahmen einer Gruppe) mit seinem Kind und in der Krabbelgruppe. „Die Kursleiterin hat sich gefreut, dass auch mal Männer dabei waren.“

Anfangs gab es eine Art Übergabe, weil Angela Planinic noch Resturlaub hatte. „Ich hatte ja den ganzen Tagesablauf so noch nicht gesehen. Als ich dann die ersten Tage allein mit dem Kleinen war, hab ich schon manchmal das Telefon in die Hand genommen und bei meiner Frau angerufen. Ich musste lernen, die Zeitfenster, in denen er schläft, zu nutzen. Das hat schon ein bisschen gedauert. So ein kleiner Mensch entschleunigt einen aber richtig. Und da ist ja auch eine wirklich bedingungslose Liebe zu seinem Kind.“

Für Mareike Zastrow, die derzeit noch nicht wieder berufstätig ist, war der erste Teil der Elternzeit ein Zusammenfinden: „Erst waren wir ein Paar, nach der Geburt eine Familie. Es war schön, dass mein Mann bei den ganzen neuen Herausforderungen an meiner Seite war. Und ich denke, es war auch eine Bereicherung für ihn als Papa, das alles mitzuerleben.“ Beim zweiten Teil seiner Elternzeit hatte Richard Zastrow als Vater die Möglichkeit zu sehen, wie die Babys zum Kleinkind wurden, war dabei, als sie ihre ersten Schritte machten.

Wenn es finanziell nicht passt

Richard Zastrow und Danijel Planinic fänden es gut, wenn viele Väter die Möglichkeit bekämen, Elternzeit zu nehmen und diese auch nutzen würden. „Es ist ein ganz anderes Erleben der Kinder. Ich finde es schade, dass manche Väter die Elternzeit nicht nehmen, weil es finanziell trotz Elterngeld nicht passt oder weil sie sonst Ärger mit dem Chef bekommen“, sagt Zastrow.

Sein Nachbar wünscht sich, dass es auch in kleineren Betrieben die Chance geben sollte, dass Männer Elternzeit nehmen können. Wie das funktionieren kann, hat Zastrow aus einer Internetfirma in Dortmund gehört: „Da sind auf einen Schlag gleich mehrere Mitarbeiter Vater geworden. Der Chef hat sie gebeten, sich terminlich abzusprechen. So konnten dann alle tatsächlich zeitlich versetzt auch in Elternzeit gehen.“

Zastrow bedauert, dass in unserer Gesellschaft Familienarbeit einen wesentlich geringeren Stellenwert gegenüber der Erwerbstätigkeit hat. Das müsste sich ändern, meint er. Das Ganze ziehe sich ja auch durch, erst sind es die Kinder, später kann die Pflege der betagten Eltern anstehen.

„Lebenszeit, die man so nie wiederbekommt“

Missverständnisse und eine falsche Sichtweise hat auch Danijel Planinic in Sachen Elternzeit erlebt. „Viele haben gemeint, ich hätte ja einen langen Urlaub. Aber das ist kein Urlaub.“ Er hat durch die Elternzeit mehr Verständnis für die Leistung seiner Frau daheim bekommen. „Man ist ja Animateur, man gibt dem Kind Essen - der Tag geht rasend schnell vorbei.“ Viele Freunde haben schon gesagt, sie könnten sich das nicht für sich vorstellen. Für ihn steht aber fest: „Ich kann es nur jedem Vater empfehlen. Das ist Lebenszeit, die man so nie wiederbekommt.“

Die Zahl der Väter im Kreis Unna und Lünen, die Elterngeld beantragen, wächst stetig. Waren es 2014 im Kreis Unna noch 763 Männer und in Lünen 129, verzeichnete der Kreis im Jahr 2017 schon 971 männliche Antragsteller im Kreis und 219 in Lünen. Allerdings ist die Zahl der Frauen, die Elterngeld beantragen, weiterhin deutlich höher 2014 waren es kreisweit 3090 Frauen und in Lünen 784 Frauen. 2017 waren es kreisweit 3225 Frauen und in Lünen 648 Frauen, die Elterngeld beantragt und bewilligt bekommen haben. Kreisweit haben 707 Männer im Jahr 2017 Elterngeld für zwei Monate bezogen. (2016: 642, 2015: 643, 2014 579) 68 Männer haben im vorigen Jahr Elterngeld für zwölf Monate in Anspruch genommen (2016: 48, 2015: 70, 2014: 50). Informationen zum Thema Elterngeld gibt es auch beim Bundesfamilienministerium.
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