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„64“ - Hideo Yokoyamas erster Krimi auf Deutsch

Berlin. Ein Kind wird entführt. Der Täter entkommt. Nach 14 Jahren versucht der Polizeipressesprecher Yoshinobu Mikami herauszufinden, was in diesem Fall schief gegangen ist. Sehr zum Unbehagen seiner Vorgesetzten.

„64“ - Hideo Yokoyamas erster Krimi auf Deutsch

„64“ von Hideo Yokoyama. Foto: Artrium-Verlag

Die letzten Wochen des Jahres könnten für den Polizeipressesprecher Yoshinobu Mikami kaum mehr Stress bedeuten. Der Presseclub rennt ihm die Tür ein, weil man mit der Informationspolitik der Polizei unzufrieden ist.

Er erhält den Auftrag, den Besuch des Generalinspekteurs der Nationalen Polizeibehörde aus Tokio vorzubereiten. Und seine Tochter ist vor einigen Monaten weggelaufen und noch immer nicht wieder aufgetaucht.

In Hideo Yokoyamas erstem ins Deutsche übersetzen Thriller „64“ bilden die Kriminalfälle den Rahmen eines gesellschaftlichen Porträts in den Reihen der Polizei der Präfektur D. Er konfrontiert den Leser mit den Strukturen, die hinter den Kulissen die Gesetzeshüter dirigieren. Mehr als einmal lässt er sie an den lauteren Motiven der einzelnen Kriminalbeamten zweifeln.

Yokoyamas Hauptfigur Mikami ist ein Inspektor, der sich als Ermittler im Kriminaluntersuchungsamt (KUA) einen Namen gemacht hat. Seine Beförderung war nur noch eine Frage der Zeit. Doch der fürs Personal zuständige Inspektor hat noch eine Rechnung offen - Mikami wird zwar befördert, aber in die Verwaltung, in die unbeliebte Rolle des Leiters der Pressestelle. Die beiden Bereiche Verwaltung und KUA misstrauen einander, doch noch mehr misstrauen sie der Presse.

Wenige Wochen vor Weihnachten sieht sich Mikami mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Seine Tochter wird vermisst. Die Zeitungen rebellieren gegen die lückenhaften Daten, die sie über einen aktuellen Fall bekommen. Und er soll dafür sorgen, dass der Vater der vor 14 Jahren entführten Shoko Amamiya den Generalinspektor aus Tokio empfängt. Doch dieser lehnt ab.

Der polizeiintern als „64“ - Sechs Vier - bezeichnete Fall, der seit 14 Jahren als ungelöst das Präsidium belastet, wird zum Hintergrund der folgenden Verstrickungen. Damals wurde am Neujahrstag die siebenjährige Shoko entführt. Der Kidnapper entkam unerkannt nach einer stundenlangen Odyssee zur Übergabe des Lösegeldes. Das Kind selbst wurde wenige Tage später tot aufgefunden. Jetzt soll der Fall neu aufgerollt werden, doch der Vater des Mädchens hat sein Vertrauen zur Polizei verloren.

Auf der Suche nach dem Grund für Amamiyas Abneigung stößt Mikami bei seinen alten Kollegen auf eine Mauer des Schweigens. Die jahrelange Erfahrung als Inspektor weckt seinen detektivischen Instinkt. Was ist während der Ermittlungen wirklich passiert? Was hat das KUA zu verbergen? Und warum will die Verwaltung so verzweifelt hinter dieses Geheimnis kommen? Doch dann wird ein weiteres Mädchen entführt. Nach dem gleichen Muster wie Shoko.

Während seiner Ermittlungen um den Fall 64 wird Mikami auf eine harte Probe gestellt. Freunde, Vorgesetzte, Menschen, zu denen er aufschaut, weisen ihn zurück oder machen eindeutig klar, dass sie seine Untersuchungen missbilligen. Er ist dabei etwas aufzudecken, was dem KUA und damit seinen früheren Kollegen schaden könnte. Er muss sich entscheiden zwischen der Loyalität gegenüber seiner alten Abteilung und seinem Pflichtbewusstsein.

Der 1957 in Tokyo geborene Yokoyama war zwölf Jahre als investigativer Journalist tätig, bevor er begann, Kurzgeschichten zu schreiben. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Kriminalautoren Japans. „64“ erreichte Platz eins der japanischen Bestsellerliste und erfreut sich auch in England und den USA großer Beliebtheit.

„64“ fordert von seinen Lesern viel Aufmerksamkeit. Während Yokoyama auf skrupellose Verbrechen verzichtet, konfrontiert er sein Publikum mit den Verflechtungen im Polizeiapparat, mehreren parallel laufenden Fällen und unzähligen Figuren. Dennoch bleibt jeder Handlungsfaden bis zum Ende, um im großen Geflecht aufzugehen. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Klärung eines Verbrechens auch befriedigend ist.

- Hideo Yokoyama: 64. Atrium Verlag, Hamburg, 768 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-855-35017-9.

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