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Abgesang auf «'68»: «Dutschke» in Bielefeld uraufgeführt

Bielefeld (dpa) Keine Bühne, keine Ränge, kein Orchestergraben - die Zuschauer sitzen auf einem Podest an der Wand, auf Augenhöhe und nur wenige Schritte von den Schauspielern entfernt. Das hat etwas von einem Sit-in zur Zeit der Studentenrevolte - und ist damit der perfekte Rahmen für Michael Wildenhains «Dutschke».

Die Zuschauer spendeten im Bielefelder Theater am Alten Markt der Inszenierung und dem gut aufgelegten Ensemble begeisterten Applaus. Rudi Dutschke, verkörpert von Stefan Imholz, begibt sich in dem Stück auf eine Reise durch das Universum von 1968. Den Zuschauern begegnen Figuren und Szenen aus Dutschkes ostdeutscher Heimat Luckenwalde, dem sozialistischen deutschen Studentenbund SDS, der Kommune 1 und schließlich der Dutschke-Attentäter Josef Bachmann. «Dutschke» ist nicht biografisch - so wird etwa zwischen dem Protagonisten und dem Topmodel Uschi Obermaier, deren Rolle die Darsteller Claudia Mau, Alexander Swoboda und Ingo Tomi abwechselnd übernehmen, eine amouröse Beziehung angedeutet.

Stattdessen will Autor Michael Wildenhain mit seinem Schauspiel die Geschichte der großen Entwürfe von 1968 erzählen. Das funktioniert vor allem über die Sprache, die er plakativ und schablonenhaft einsetzt. Immer wieder zitieren die Darsteller in ausschweifenden Monologen Dutschkes politische Visionen. Hilflos wirken die Figuren, die formelhafte und letztlich austauschbare Schlagwörter herunterbeten, angesichts der Spirale von Gewalt, Verdächtigungen und Bedrohungsparanoia, die sie mehr und mehr umfängt. In einer symbolhaften Szene schwadronieren Dutschke und ein Mitstreiter vom «potenziellen Proletariat» und der «Bewusstmachung der Theorie», während sie, von imaginären Polizisten verfolgt, auf der Stelle rennen.

Den Parolen Dutschkes und der Studentenbewegung stehen Texte des Dichters Rolf Dieter Brinkmann gegenüber. Mit Versatzstücken aus Brinkmanns Gedichtsammlung «Westwärts 1 & 2» hat Regisseur Dariusch Yazdkhasti einen Kontrast zu Dutschkes politischer Utopie in das Stück eingebaut. Brinkmann lebt in seinen Gedichten seine eigene, private Revolte aus, die sich wie Dutschkes Ideen gegen die Zustände in der Bundesrepublik der späten 60er Jahre richtet, die jedoch unempfänglich ist für politische Zukunftsentwürfe.

Wildenhains Dutschke ist ein idealistischer, aber auch naiver Held. Die reale Begegnung mit dem «potenziellen Proletariat» in Gestalt eines Vorarbeiters in einer Fabrik, in die Dutschke sich zu Agitationszwecken eingeschlichen hat, fällt ernüchternd aus und zeigt abermals, was die Wirklichkeit mit seinen Visionen anrichtet: Die Arbeiter wollen keine Revolution. Wildenhains Geschichte der Entwürfe von '68 ist somit am Ende eine Geschichte des Scheiterns. Das gilt auch für Dutschke selbst: Nach dem Attentat verliert er seine Sprache und bleibt schließlich allein auf der Bühne zurück.

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