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Agentur «mehrwert»: Wo das Leben nicht rund läuft

Stuttgart (dpa) «Für mich war es wichtig mal zu sehen, dass nicht alles immer rund läuft.» Sandra Albiez aus dem schweizerischen Laufenburg ist 26 Jahre alt, Nachwuchshoffnung eines Energie-Dienstleisters und nach eigener Einschätzung ein «sehr zahlenorientierter Mensch».

Agentur «mehrwert»: Wo das Leben nicht rund läuft

Zusammenarbeit mit Behinderten: Nur eine von vielen Aufgaben der Teilnehmer, damit diese sich selbst neu und andere Blickwinkel kennenlernen. (Bild: dpa)

Die einwöchige Mitarbeit in den Caritaswerkstätten Hochrhein, die sie über die Stuttgarter Agentur «mehrwert» vermittelt bekommen hat, stand in absolutem Kontrast zu ihrem Alltag. Raus aus dem Kostüm, rein ins Menschelnde. Da galt es, zunächst eine Menge Ängste und Widerstände klein zu kämpfen. «Es war sicher schwer am Anfang, aber ich kann jedem nur raten, das auch mal zu machen», sagt sie.

Seit 2000 gibt es «mehrwert», die «Agentur für soziales Lernen». Sie ist aus der Diakonie hervorgegangen und vermittelt Einblicke in soziale Einrichtungen - von Behindertenwerkstätten über Seniorenheime bis hin zu Obdachlosenunterkünften. Studenten, Lehrer, Azubis und Führungskräfte können eine Woche oder länger in das Leben der Anderen eintauchen und sich auf den Prüfstand stellen. Für dieses Angebot, das sich «Lernen in fremden Lebenswelten» nennt, ist die Agentur mehrfach ausgezeichnet worden, zum Beispiel mit dem Innovationspreis des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung.

Der Effekt ist oft nachhaltig. «Ich habe erfahren, dass es Menschen gibt, die vielleicht nicht ins Raster passen, aber trotzdem sehr wertvoll für unsere Gesellschaft sind», sagt Sandra Albiez. Daraus zieht sie einige Lehren für ihren Alltag. «Ich habe jetzt zum Beispiel mehr Verständnis für Kollegen mit anderen Arbeitsweisen und einem anderen Tempo.»

Solche Erkenntnisse sind auch für Arbeitgeber von einigem Nutzen. «Wenn das Menschliche fehlt, es emotional zu kalt wird, dann ist ein Wirtschaftsstandort nicht mehr interessant », sagt Diplom-Pädagoge Wolfram Keppler, einer der fünf «mehrwert»-Mitarbeiter. Das hätten einige Firmen erkannt. Die Nachfrage sei groß. Rund 1200 Teilnehmer vermittelt die Agentur jährlich an soziale Einrichtungen. Die meisten sind Auszubildende (2007: 550), knapp gefolgt von Lehrern und Schulverwaltungskräften (460). Führungskräfte bilden mit 30 bis 40 pro Jahr die kleinste Gruppe, aber sicher die kontrastreichste.

«Am Anfang gibt es oft eine Verunsicherung von beiden Seiten», sagt Keppler. Die Menschen in den sozialen Einrichtungen hätten nicht selten das Gefühl, dass sie beschnüffelt oder gar belehrt werden sollten, «doch das legt sich meist recht schnell». Wichtig dafür sei eine gute Vorbereitung und Begleitung der Teilnehmer. Wenn sie einfach ins kalte Wasser geworfen würden, sei das weder im Sinn der Einrichtung noch in ihrem. «Sie müssen zum Beispiel wissen, dass sie durchaus auch mal Nein sagen dürfen, wenn sie etwas nicht möchten» - etwa wenn Behinderte ihnen zu nahe kämen. «Natürlich ist es immer eine Frage, wie man etwas sagt.»

Was die Teilnahme kostet, ist sehr unterschiedlich. Je nach Betreuungsaufwand und finanziellen Möglichkeiten der Arbeitgeber liegt es zwischen 200 und 1800 Euro. Aus diesen Einnahmen bestreitet «mehrwert» nach eigenen Angaben die Hälfte des 360 000-Euro-Budgets. Die andere Hälfte kommt vom Stifterverband, aus Spenden und durch Projektmittelförderung - zurzeit durch die Robert Bosch Stiftung.

In der Nachbereitung sei vieles überraschend, berichtet Keppler. Menschen, die sich sonst als eher verschlossen bezeichneten, öffneten sich manchmal ganz weit. Und nicht selten würden Hauptschüler mit ihrem Einsatz einigen Hochgebildeten glatt den Rang ablaufen. Grundsätzlich gelte: «Je besser ich mich kenne, umso mehr kann ich in der Zeit lernen», betont er. Wichtig sei, dass man sich selbst hinterfrage - auch die Vorurteile, die sich im Kopf festgesetzt haben. So hätten sie junge weibliche Azubis mit etwa gleichaltrigen Sehbehinderten zusammengebracht. «Das war spannend, weil die Azubis ein Bild von armen, hilfsbedürftigen Mädchen in Kopf hatten und auf einmal vor sehr selbstbewussten jungen Frauen standen.»

Agentur: www.agentur-mehrwert.de

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