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Apotheken sehen sich in Gefahr

Keine Preisbindung mehr

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH) ärgert zurzeit auch Apotheker im Westmünsterland. Es wurde beschlossen, dass ausländische EU-Versandapotheken sich nicht mehr an die Arzneipreisbindung in Deutschland halten müssen. Wir haben uns bei den Apothekern aus der Region umgehört.

AHAUS/KREIS

von Von Julian Schäpertöns

, 27.10.2016
Apotheken sehen sich in Gefahr

„Wir kennen unsere Kunden. Versandapotheken nicht“, sagt Yvonne Willers (l.) von der Apotheke am Wall.

Der EUGH begründet sein Urteil damit, dass Preisbindungen "eine nicht gerechtfertigte Beschränkung des freien Warenverkehrs" seien. Die deutsche Preisbindung verstoße laut Gerichtshof gegen das EU-Recht. Versandapotheken, wie zum Beispiel das niederländische Unternehmen Doc Morris, profitieren nun davon, da sie ihre Medikamente günstiger in Deutschland anbieten können. Der Konkurrenzkampf zwischen Vor-Ort-Apotheken und Versandapotheken wird verstärkt. "Unlautere Wettbewerbsverzerrung", findet der Ahauser Apotheker Hendrik Niemann. "Wir dürfen und wollen uns an der Rabattschlacht nicht beteiligen."

"Kunden profitieren nicht"

Niemann habe die Nachricht in der vergangenen Woche mit Schrecken gelesen. Er sei nun gespannt auf die Antwort der deutschen Politik. Denn er sieht eine große Gefahr, dass durch den Onlinehandel kleine Familienapotheken vom Markt verdrängt werden. "Wir können nur damit antworten, dass wir unseren Job weiterhin gut machen und Kunden aufklären. Unsere Stärken sind Kompetenz, individuelle Beratung und Service", sagt Niemann.

Apothekerin Yvonne Willers betont: "Der Kunde profitiert nicht von diesem Urteil, sondern nur die Krankenkassen, die günstiger abrechnen können. Die Rezeptgebühr und die Versandkosten müssen vom Kunden ja immer noch zum Teil selbst bezahlt werden." Einen wirklichen Vorteil für Kunden sieht Willers von der Apotheke am Wall nicht.

Der Stadtlohner Apotheker Jürgen Beimesche schließt sich der Meinung an. "Versandapotheken haben nicht dieselben Kosten wie wir", sagt Beimesche. "Dort wird zum Beispiel an der Beratung gespart und es gibt keine Notdienste. Arzneimittel können so günstiger angeboten werden. Ich sehe eine Gefahr für die flächendeckende Gesundheitsversorgung, wenn in Dörfern Apotheken deswegen geschlossen werden müssen."

Zunehmender Konkurrenzkampf

Paul-Winfried Kröger aus Vreden findet: "Beratung in der Apotheke wird durch dieses Gesetz zu einem Luxusartikel." Er sieht die Politik in der Verantwortung, denn er wisse nicht, wie sich Apotheken noch Gedanken machen sollten, wie sie selbst den Preis noch senken könnten. Auch Vinh Vo Huu aus der Maximilian-Apotheke in Heek hat Ängste, dass der zunehmende Konkurrenzkampf seiner Apotheke schade. "Wir können nichts dagegen machen, wenn die Leute lieber Medikamente im Internet bestellen", sagt er.

"Rosinen picken"

"Versandapotheken picken sich nur die Rosinen aus dem Kuchen", dieser Meinung ist Petra Hruby, Sprecherin des Apothekenverbands Borken und Inhaberin der Hubertus-Apotheke in Legden. "Wir Apotheken leben von einer Mischkalkulation. Zum Beispiel sind Nacht- und Notdienste nicht kostendeckend, aber wir bieten sie trotzdem als Service für die Kunden an." Hruby und die anderen Apotheker hoffen, dass die gute Beratung in Apotheken von den Kunden geschätzt wird. Denn Apotheker vor Ort würden ihre Kunden kennen, der Internetversand nicht, hieß es unisone. Weder Kunden noch Apotheker profitierten am Ende von dem neuen Gesetz. Nur die Krankenkassen könnten ihre Vorteile daraus ziehen.

Infos in  Kürze

  • Einen Verstoß gegen das EU-Recht sehen die Luxemburger Richter in der Preisbindung für Versandapotheken.
  • Der freie Warenverkehr solle nicht beschränkt werden und Anbietern aus anderen EU-Ländern soll der Zugang zum deutschen Markt nicht durch die Preisbindung erschwert werden.
  • Preise von Medikamenten in Deutschland fallen allein in die nationale Zuständigkeit. Verschreibungspflichtige Arzneimittel müssen überall das Gleiche kosten.