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Kinder aufnehmen und wieder gehen lassen

Bereitschaftspflege

20 Monate lang hat sich Angelika Groß (Name geändert) um ein Baby gekümmert. Bei ihr wurde aus dem Säugling ein Kleinkind. Dann musste sie es wieder abgeben. Für Groß war das eine sehr emotionale Erfahrung. Dabei hat sie schon oft Kinder in ihre Familie aufgenommen, wissend, dass sie sie wieder würde abgeben müssen.

AHAUS

, 14.11.2014
Kinder aufnehmen und wieder gehen lassen

Nicht alle Kinder wachsen in einem behüteten Familienumfeld auf. Es kommt vor, dass das Jugendamt Kinder in Obhut nehmen muss, um sie zu schützen. Sie kommen dann zunächst in Bereitschaftspflegefamilien.

Angelika Groß ist Mutter zweier inzwischen erwachsener leiblicher Kinder und arbeitet als Pflegemutter. Ein Mädchen und einen Jungen hat sie als Vollzeitpflegekinder bei sich aufgenommen. Verschiedenen Jugendämtern steht sie für die Bereitschaftspflege zur Verfügung. Sie gibt vorübergehend Kindern ein Zuhause, die bei ihren Eltern nicht bleiben können und vom Jugendamt in Obhut genommen werden. "Bei der Inobhutnahme muss man unterscheiden zwischen Jugendlichen und Kindern oder Kleinkindern", sagt Heiner van Weyck vom Ahauser Jugendamt. Jugendliche werden meist infolge eines schweren Konflikts mit ihren Eltern in Obhut genommen. Wenn es zu Hause eskaliert ist, entscheiden oft entweder die Eltern oder die Jugendliche selbst, dass ein Zusammenleben im gemeinsamen Haushalt nicht mehr möglich ist. "Es heißt dann 'Ich geh' nicht mehr nach Hause' oder 'Wir lassen dich nicht mehr rein'", berichtet van Weyck.Jugendliche kehren zurück Die Eltern oder Jugendlichen wenden sich in der Regel in solchen Fällen direkt ans Jugendamt oder an die Polizei. Daraufhin handeln van Weyck und seine Kollegen. Sie versuchen zunächst zu vermitteln. Wenn das nicht möglich ist, werden die Jugendlichen in Obhut genommen, meist in Wohngruppen mit acht bis zehn anderen Jugendlichen aufgenommen. Die Unterbringung soll nur eine Übergangslösung sein, gewünscht ist die Rückkehr in die Familie. Bei 70 bis 80 Prozent der Jugendlichen gelinge dies, so van Weyck. Oft dauere das nur ein paar Tage, viele Jugendliche kehren sogar von allein zu ihren Eltern zurück.

Das Jugendamt unterstützt die Familien aber auch mit ambulanter Hilfe, beispielsweise in Form von Therapien oder sozial-pädagogischer Familienhilfe. Laut van Weyck gehe es darum, den friedlichen und respektvollen Kontakt zwischen den Eltern und ihren Kindern wieder herzustellen. Denn oft sei der Umgang untereinander aggressiv. Anders ist die Situation bei Kindern. "Kinder müssen geschützt werden", sagt van Weyck. Da sei es so, dass die Kinder aus ihren Familien geholt werden, weil sie dort in Gefahr sind. Kinder, die in Obhut genommen werden müssen, sind häufig körperlicher Gewalt ausgesetzt oder werden vernachlässigt.

Man dürfe aber nicht denken, dass nächtliche Notrufe die Regel seien, in denen die Anrufer auf Schreie in der Nachbarwohnung hinweisen. Wenn das Jugendamt Kinder in Obhut nimmt, habe es meist bereits Kontakt zu den Familien. "Das Nachtgeschäft ist eher selten", so van Weyck. Rein rechtlich ist die Inobhutnahme sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen nur mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten zulässig. Wenn sich diese gegen die Inobhutnahme weigern, muss das Gericht der Inobhutnahme zustimmen. Das dauere normalerweise nicht lange, sei aber nur tagsüber möglich. Eine Ausnahme sei es, wenn Gefahr im Verzug ist. "In akuten Fällen holen wir die Kinder aus den Familien und besorgen uns den gerichtlichen Beschluss am Folgetag", so van Weyck.

Die Kinder werden dann in Bereitschaftspflegefamilien untergebracht, zum Beispiel bei Angelika Groß. Meist nimmt sie Säuglinge und Kinder bis zu vier Jahren bei sich auf. In der Regel informiert das Jugendamt sie im Vorfeld wenn absehbar ist, dass ein Kind in Obhut genommen werden muss. Dann hat die Pflegemutter Zeit, sich auf das neue Kind vorzubereiten. "Jedes Kind braucht ein eigenes Zimmer", sagt sie. Wenn das Kind dann da ist, verbringe sie viel Zeit mit ihm und beobachtet es. Schließlich haben die Kinder viel durchgemacht, sind teilweise traumatisiert. "Ein Kind hatte mal große Angst in der Dunkelheit, da musste nachts immer die Nachttischlampe anbleiben. Seine leibliche Mutter hat ihm vom Teufel erzählt", erzählt Groß.

Solche Dinge finde man aber erst mit der Zeit heraus. Die Kinder müssen zuerst Vertrauen aufbauen. Das gehe allerdings schnell: "Kleine Kinder binden sich schnell wieder an einen. Das dauert so zwei Tage, dann kommt das allmählich", schildert sie ihre Erfahrungen. Für die anderen Familienmitglieder gehe der Alltag unterdessen weiter und auch die Pflegekinder gliedern sich in das Familienleben ein. Zurzeit ist die Familie von Angelika Groß dreiköpfig, bestehend aus ihr selbst, ihrem Vollzeitpflegesohn und einem temporären Pflegekind.

Wie bei ihren leiblichen Kindern ist die Pflegemutter bei ihren Pflegekindern in allen Alltagsfragen verantwortlich: Schule, Arztbesuche, gegebenenfalls Therapien... Bei Bereitschaftspflegefamilien findet außerdem eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt statt. Die Unterbringung in den Familien ist da schließlich nur eine Übergangslösung. Langfristig kommen die Kinder normalerweise in andere Vollzeitpflegefamilien.

"Bei Kindern ist es selten, dass sie zu ihren leiblichen Eltern zurück können", sagt van Weyck. Es werde immer geguckt, wie man den Kindern die bestmögliche Perspektive bieten kann. Die Unterbringung im Heim wird dabei zu vermeiden versucht. Van Weyck begründet dies: "Kinder haben das Bedürfnis nach Nestwärme." Jugendliche hingegen wären meist im Aufbruch, koppelten sich von ihren Eltern ab wenn sie in Obhut genommen werden müssen. Deswegen würden sie eher in Heimen oder Wohngruppen untergebracht.

Die Trennung von Bereitschaftspflegefamilie und dem Kind ist nicht einfach, eben weil Kinder sich schnell an die neue Familie binden. Deswegen findet zunächst eine Anbahnung statt. Nachdem für das zweijährige Kleinkind, das seit 20 Monaten bei Angelika Groß gelebt hatte, eine Vollzeitpflegefamilie gefunden worden war, dauerte die Anbahnungsphase drei Monate. „Während der ersten eineinhalb Monate sind die neuen Eltern jeden Tag von 14 Uhr bis abends zu mir gekommen. Danach ging das eineinhalb Monate lang andersherum, da bin ich immer in die Wohnung der neuen Eltern gegangen.“ Ihre Schilderungen beschreiben, wie das Kind sich langsam an seine neue Familie gewöhnen konnte. „Das war hart. Teilweise hat es das gar nicht verstanden“, fügt die Pflegemutter hinzu.

Aber genau so ist die Bereitschaftspflege gedacht. Ein Kind kommt vorübergehend zu Pflegeeltern und dann wird eine Dauerlösung gesucht, meist bei einer Vollzeitpflegefamilie. Es kann auch sein, dass die Bereitschaftspflegeeltern die Kinder behalten. Aber das sei selten, so van Weyck vom Jugendamt. Das wissen auch die Bereitschaftspflegeeltern. „Man muss sich abgrenzen können. Man kann ja nicht ewig leiden, wenn die Kinder wieder gehen“, beschreibt Groß eine Herausforderung ihres Jobs. Auch wenn es sie manchmal schmerze und die Betreuung zunächst fremder Kinder ihr manchmal Geduld und Nervenstärke abverlange, geht sie in ihrem Job voll auf. „Ich freue mich immer wenn Kinder sich positiv entwickeln. Die Kinder geben einem so viel zurück. Oft staune ich über ihre große Lebensfreude, die sie trotz ihrer schweren Lebenswege haben.“

Zahlen
Die Häufigkeit von Inobhutnahmen steigt: 9 in 2011, 13 in 2012, 17 in 2013, 26 bisher in 2014. Das Ahauser Jugendamt nimmt Ahauser Kinder und Jugendliche in Obhut und die, die aus anderen Städten nach Ahaus weglaufen. Besonders die Zahl der auswärtigen Jugendlichen, die in Obhut genommen werden, steigt.
Grundsätzlich kann jeder in der Bereitschaftspflege tätig werden. Die Interessenten werden vom Jugendamt genau geprüft. Informationen gibt es beim Jugendamt und beim LWL.

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