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Neues Leben für Tiere, die niemand mehr will

Gnadenhof

AHAUS Spanferkel haben keinen Namen. Und keine Zukunft. Karlson hat beides. Zufrieden grunzend schlabbert der einstige Hauptgewinn einer Tombola in seinem Stall Obstsalat, zusätzlich zum Gnadenbrot. Denn das dürfen alle Tiere auf dem Pferdehof Ahaus im Alstätter Beßlinghook genießen.

von Von Sylvia Lüttich-Gür

, 10.08.2010
Neues Leben für Tiere, die niemand mehr will

Gestatten: Karlson, das ehemalige Spanferkel.

Kirsten Remmers-Boruzki tätschelt Karslon den tief über den Trog gebeugten, mächtigen Schweinskopf. Es ist 16.30 Uhr. Für die 40-jährige Zahntechnikerin beginnt gerade der Feierabend - und die Arbeit, die ihre eigentliche Berufung ist: die Pflege von Tieren, die niemand mehr will.

Ob Pferd, Esel, Hund, Katze, Schaf, Hahn oder Schwein, eines haben alle Tiere gemeinsam, die rund um das ehemalige Zollhaus leben. Ohne Kirsten Remmers-Boruzkis Einsatz wären sie alle längst tot.

Acht Pferde gerettet

Die Pferde bilden mit acht Tieren die Mehrheit unter ihren Schützlingen. Daher auch der Name "Pferdehof Ahaus". Kaum sind das mit acht Jahren längst erwachsen gewordene Spanferkel Karlson und der vorm Metzger geflohene Schafsbock Anthelonia versorgt, macht sich die dunkelhaarige Frau auf den Weg zur Koppel. Acht Pferde begrüßen sie freudig - und ein Esel, dessen Ruf weit durch die Bauerschaft schallt.

Von jedem Vierbeiner kann sie eine Geschichte erzählen. Rexona etwa sei schon kurz nach der Geburt zum Tod verurteilt gewesen, berichtet Kirsten Remmers-Boruzkis und streichelt die weiche Nase des Ponys. Durch einen Unfall habe das Fohlen ein Auge verloren - und damit jeden Wert für seinen Eigentümer. Heute ist Rexona 26 Jahre alt.

Unglückliche Traberin

Zwei Jahre älter als die rote Floria, die auf der Weide lieber etwas im Hintergrund bleibt. Dass die Stute so scheu ist, hat einen guten Grund: "Sie lief früher Trabrennen", beginnt die Alstätter Tierfreundin. Eine Kolik habe der Karriere als Sportpferd ein jähes Ende bereitet. Zwar hätten die Ärzte der Tierklinik Floria retten können. "Ihr Eigentümer hat sie dort aber nicht wieder abgeholt", da die Rechnung wohl zu hoch war.  Die Folge: Die Traberin blieb - als Blutspendepferd. Bis Familie Boruzki sie rettete. Zusammen mit Klaus und Hannelore Boruzki hat Kirsten ein tolles Team gebildet zum Wohl lästig, alt oder krank gewordener Tiere. Wenn die Tierklinik mal wieder einen "vergessenen" Patienten hatte, Metzger Flüchtlinge meldeten und Tierheime ein Zuhause für schwer Vermittelbare suchten, waren die Drei zur Stelle.

Helferin braucht Hilfe

"Mit drei Gehältern hat das gut funktioniert", blickt die Frau zurück. Doch vor zwei Jahren sind ihre Adoptiveltern mit 64 und 65 Jahren innerhalb von nur sechs Wochen gestorben. Plötzlich stand Kirsten alleine vor der Aufgabe, die tierische Haus- und Hofgemeinschaft zu versorgen - und ererbte Schulden abzuzahlen. "Es ist sehr, sehr schwer", sagt sie.

Attila, der Hofhund, stürmt den Weg zur Weide hoch, springt ungestüm an seinem Frauchen hoch und schleckt ihr durchs Gesicht, als wenn er von ihren Sorgen wüsste. Bei alten, kranken Tieren gilt für Kirsten Remmers-Boruzki der Wahlspruch: "Man darf nicht zu früh aufgeben." Das will sie auch bei ihrem Pferdehof nicht, "aber ohne Hilfe wird es sehr schwer", denn auch Gnadenbrot kostet Geld.

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