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Schlüsseldienst kassiert 426 Euro für 18 Minuten Arbeit

Wüllenerin von Schlüsseldienst abgezockt

Christine Penner steht in Wüllen vor verschlossener Haustür. Sie hat Zeitnot und ruft einen Schlüsseldienst an. Danach folgt eine Ungereimtheit der nächsten.

Wüllen

, 13.03.2018
Schlüsseldienst kassiert 426 Euro für 18 Minuten Arbeit

Wenn sich der Hausbesitzer ausgesperrt hat, ist guter Rat in vielen Fällen teuer. © DPA

Eine Türöffnung für 426,02 Euro. Christine Penner aus Wüllen kann es immer noch nicht fassen. Sie fühlt sich von dem von ihr beauftragten Schlüsseldienst abgezockt.

Auslöser des Ärgers ist ein Waldspaziergang, den die 27-Jährige mit ihrer Hündin Ayla am vergangenen Mittwoch unternimmt. Dabei verliert sie ihren Haustürschlüssel. Zurück an ihrem Eigenheim steht Christine Penner vor verschlossener Tür. Einen Ersatzschlüssel hat sie nicht deponiert. Die letzte Hoffnung auf ein eventuell auf Kipp stehendes Fenster zerschlägt sich. Es ist kalt, es regnet. Die selbstständige Fotografin und Grafikdesignerin steht unter Zeitdruck. Ein Kundentermin steht an. „An dem Tag kam eins zum anderen“, sagt die Wüllenerin am Montag im Gespräch mit der Münsterland Zeitung.

Christine Penner telefoniert mit ihrem Freund, der in Köln unterwegs ist. Von ihm kommt der Hinweis: „Dann musst du wohl den Schlüsseldienst anrufen.“

Die 27-Jährige googelt auf dem Handy nach einem Schlüsseldienst. „Der Schlossfachmann“ wird angezeigt. „Türöffnung: Wüllen“ ist zu lesen, gefolgt von einer Mobilnummer. Die Eigenwerbung lautet: „Der faire und freundliche Notdienst in Ihrer Nähe“. Christine Penner ruft die Handynummer an. „Ich habe gedacht: Super, Türöffnung in Wüllen, das passt perfekt.“ Es meldet sich eine männliche Stimme. Es dauere eine Stunde, bis der Mitarbeiter bei ihr sei, erklärt der Mann. 15 Minuten vorher werde sie noch einen Anruf erhalten. Christine Penner will eigentlich nicht so lange warten und erwägt, eine andere Firma zu kontakten. Doch der Mann sagt ihr, sie werde in der Nähe sowieso keinen anderen Schlüsseldienst finden, der die Tür schneller öffnen könne. Christine Penner erteilt dem Schlüsseldienst schließlich den Auftrag. „Das war ein Fehler.“ Denn eine Auskunft über den Preis gibt es am Telefon nicht. „Der Mann hat gesagt, zuerst müsse man sehen, was für eine Tür das sei.“

139 Euro Einsatzpauschale

So kommt es dann auch. Als der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes die Tür begutachtet, sagt er „ab 139 Euro“ und macht sich ans Werk. „Zuvor hat er noch gesagt, dass er bei einem Schlüsseldienst in Epe beschäftigt ist.“ Der Mann öffnet nicht nur die Haustür, er tauscht gleich den Zylinder aus und übergibt Christine Penner fünf Schlüssel, das alte Schloss behält er. 18 Minuten hat er für seine Arbeit benötigt, von 16.55 bis 17.13 Uhr. So steht es auf der Rechnung, die der Münsterland Zeitung vorliegt. 426,02 Euro (netto 358 Euro) soll Christine Penner bezahlen. Die beiden größten Brocken: 139 Euro Einsatzpauschale und 125 Euro für einen Profilzylinder mit fünf Schlüsseln. Dann noch 34,50 Euro Arbeitswert für eine angefangene Viertelstunde, 30 Euro Pauschale für die An- und Abfahrt und 29,50 Euro Fräseinsatzgebühr.

Die 27-Jährige hält die Summe für zu hoch, „aber was sollte ich tun?“ Der Auftrag war erteilt, die Arbeit ausgeführt. Den Betrag will sie per EC-Karte bezahlen, der Mann hat ein Kartenlesegerät dabei. Doch der Bezahlvorgang bricht zweimal ab. „Defekt“, sagt der Mann. „Wahrscheinlich war das auch so eine Masche“, sagt Christine Penner heute. Der Mitarbeiter sagt, er brauche das Geld dann auf jeden Fall in bar. Eine Überweisung sei nicht möglich – die Rechnung enthält nicht einmal Bankdaten. Christine Penner geht zur Sparkasse, holt Bargeld und bezahlt. „Im Nachhinein gab es so viele Ungereimtheiten.“ Natürlich habe sie schon Reportagen über die Abzockmethoden von Schlüsseldiensten gesehen. Aber: „Ich habe immer gedacht, so etwas würde mir nie passieren.“

Sonn- und Feiertagszuschlag

Dabei hätte es Christine Penner finanziell noch weitaus schlimmer treffen können. Laut der Rechnung beträgt der Sonn- und Feiertagszuschlag des Schlüsseldienstes 100 Prozent. Bis zur 1000 Euro-Rechnung wäre es dann nicht mehr weit gewesen.

„Der Schlossfachmann“ lehnte es unter der angegebenen Handynummer am Dienstag ab, sich gegenüber der Münsterland Zeitung zum Vorfall zu äußern. Am Telefon erklärte ein Mitarbeiter, er habe keine Zeit, Presseanfragen zu beantworten, er müsse arbeiten. Hinter der Internet-Adresse „Schlossfachmann“ stehen Mitarbeiter in ganz Deutschland, die die Aufträge ausführen. Anrufern wird suggeriert, dass es sich um ein lokales Unternehmen handelt, sie werden aber in eine Telefonzentrale umgeleitet.

Die Verbraucherzentrale rät, einen Auftrag an einen Schlüsseldienst nicht übereilt zu erteilen. In einer bundesweiten Umfrage wurden 600 Schlüsseldienste nach den Preisen für eine einfache Türöffnung gefragt. Ein Betrag von 80 Euro erscheint in NRW an Werktagen tagsüber angemessen; für eine Türöffnung nachts, sonn- und feiertags werden 133 Euro als Durchschnittswert genannt.
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