Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Alexander Solschenizyn in Moskau beerdigt

Moskau (dpa) Alexander Solschenizyns Grab liegt gleich an einem alten Ahornbaum auf dem parkähnlichen Friedhof des Moskauer Donskoj- Klosters.

Alexander Solschenizyn in Moskau beerdigt

Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn wurde in Moskau beerdigt.

Schon vor fünf Jahren hatte sich der tief religiöse Literaturnobelpreisträger und Bürgerrechtler, der einst die Welt über den Terror unter dem Sowjet-Diktator Josef Stalin aufklärte, diese Grabstätte ausgesucht. Die Beerdigung nach seinem plötzlichen Tod am vergangenen Sonntag war kein Staatsbegräbnis, wie es manche wegen der Bedeutung dieses Humanisten und Moralisten erwartet hatten.

Trauergäste nannten die Zeremonie der russisch-orthodoxen Kirche einen «sehr würdigen Abschied» von dem zuletzt nicht unumstrittenen 89-Jährigen. Hunderte Menschen, die meisten schlicht gekleidet und höheren Alters, fanden sich schon am Morgen in der Hauptkathedrale des Jahrhunderte alten Klosters ein. Solschenizyns Witwe Natalia, die beiden Söhne und die Enkel wachten zum letzten Mal am offenen Sarg der lange politisch verfolgten Schriftstellers. 

Wie schon am Vortag in der Akademie der Wissenschaften defilierten Hunderte Menschen an dem mit einem Anzug bekleideten Leichnam vorbei. Sie lobten Solschenizyn als «großen Menschen mit festen Prinzipien». Viele Trauernde sprachen Gebete und hielten brennende Kerzen. Ihre Gesichter waren konzentriert, aber nur selten waren Tränen zu sehen. Die meisten legten Blumen nieder. «Er ist das Gewissen unseres Landes, ich habe noch als Kind seine im Selbstverlag erschienenen verbotenen Bücher gelesen», sagte die Moskauerin Nadja.

Solschenizyn hatte den Terror in den sowjetischen Straflagern, dem Gulag, in seinem Monumentalwerk «Archipel Gulag» (1973) detailreich geschildert und Millionen Menschen die Augen über den Kommunismus geöffnet. «Für mich ist das ein sehr versöhnlicher Abschied», sagte der Moskauer Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Lars Peter Schmidt (40), am Rande der Zeremonie. Er habe in der DDR als 14-Jähriger eine aus dem Westen geschmuggelte Ausgabe von «Archipel Gulag» gelesen. «Das war ein einschneidendes Erlebnis für mich», erzählte er.

Unter den Gästen waren viele Intellektuelle, Künstler und Politiker. Weil Solschenizyn noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, trug eine militärische Ehrengarde den offenen Sarg zum Friedhof. Soldaten waren es auch, die wenig später zum Salut in die Luft schossen und damit viele Anwesenden entsetzt zusammenschrecken ließen. So wollte es eben die Tradition.

Bei herbstlichem Wetter begleiteten prunkvoll in Weiß gekleidete Kirchenvertreter mit liturgischen Gesängen den Sarg. Davor trugen Helfer ein großes Schwarz-Weiß-Foto Solschenizyns. In der Menge war auch Präsident Dmitri Medwedew, der sich später sichtlich bewegt am Grab verbeugte. Der 42-Jährige, der seinen Urlaub wegen des weltweit beachteten Todesfalls unterbrochen hatte, verfügte am Mittwoch per Dekret die Vergabe von Solschenizyn-Stipendien und die Benennung von Straßen, um «die Erinnerung an den großen Denker des 20. Jahrhunderts zu bewahren».

Solschenizyn, der als Verfolgter seine Heimat einst verlassen musste, war zuletzt trotz der andauernden Verletzung von Menschenrechten in Russland im Reinen mit dem Staat. Besonders befürwortete er den wachsenden Einfluss der orthodoxen Kirche sowie deren Widerstand gegen die «westliche Demokratie mit ihren liberalen Freiheiten». Zuletzt handelte er sich auch den Vorwurf ein, Antisemit zu sein. Zwar sei der Autor ein Klassiker der russischen Literatur, doch seien jungen Menschen die «schwer zu lesenden Bücher» heute kaum geläufig, sagte die Moskauer Politologin Maria Lipman der Deutschen Presse-Agentur dpa.

«Es ist ein Dilemma, dass es trotz seiner Bücher keine echte Aufarbeitung der Geschichte gibt; der Staat verhindert, dass die Schuldigen benannt werden», sagte die Expertin des Carnegie-Centers. So fehle in Russland noch immer eine Nationale Gedenkstätte für die Millionen Opfer des Stalin-Terrors. Der von Solschenizyn unterstützte Regierungschef Wladimir Putin habe die Bewältigung der Vergangenheit der Kirche überlassen. Diese könne aber, sagt Lipman, keine Forschung leisten, sondern bestenfalls Trost spenden und Trauer zulassen.

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch

Maja Lunde ist Botschafterin der Bienen

Oslo (dpa) Maja Lunde wollte eigentlich nur ein Buch schreiben, das sie selbst gern lesen würde. Das Ergebnis, "Die Geschichte der Bienen", gefällt auch Tausenden Lesern. Doch die Norwegerin ist mit dem Thema Klima noch nicht fertig.mehr...

Buch

Verbrechersuche in den italienischen Alpen

Berlin (dpa) Abseits von Donna Leon oder Andrea Camilleri haben es italienische Krimi-Autoren nicht leicht. Dass trotzdem spannende Literatur geschrieben wird, beweist der neue Roman von Donato Carrisi.mehr...

Buch

Autor Franzobel erhält Nicolas-Born-Preis

Hannover (dpa) "Das Floß der Medusa" war für den Österreicher der größte literarische Erfolg in Deutschland. Für sein Werk wird er mit dem Nicolas-Born-Preis geehrt. Als Debütatin wird Julia Wolf ausgezeichnet.mehr...