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Als Erwachsener zurück ins Kinderzimmer

Berlin. Lange galten Haushalte mit mehreren Generationen unter einem Dach als Auslaufmodell. Doch in vielen Ländern scheinen hohe Wohnkosten und Arbeitslosigkeit dazu zu führen, dass junge Erwachsene wieder zuhause einziehen. Was bedeutet das für Familien?

Als Erwachsener zurück ins Kinderzimmer

Gerade während der Jobsuche können sich viele junge Menschen keine eigene Wohnung mehr leisten. Oft bleibt ihnen nur das frühere Zuhause als Zuflucht. Foto: Silvia Marks

„Es war so richtig mit Rumschreien und Türenknallen.“ Wenn sich Karina an die Entscheidung erinnert, mit 22 noch mal bei den Eltern einzuziehen, dann spricht sie von einem Fehler - für beide Seiten.

Sie hatte ihr Studium nach mehr als vier Jahren abgebrochen und lebte in der belastenden Phase der Ausbildungsplatzsuche wieder bei den Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern. Nach Jahren selbstständigen Lebens galt es plötzlich wieder Regeln wie feste Abendbrotzeiten einzuhalten. „Es war extrem belastend“, bilanziert Karina, die ihren Nachnamen nicht nennen will, 15 Jahre danach.

Im Englischen gibt es für junge Erwachsene, die nach dem Studium oder nach einer Trennung wieder bei den Eltern auf der Matte stehen, den Begriff „Bumerang-Generation“ - weil sie zurückgeflogen kommen wie das Sportgerät. Insbesondere in Ländern, wo der Auszug nach der Schulzeit weniger Tradition hat und es keinen so großen Mietmarkt gibt wie in Deutschland, widmen sich Wissenschaftler dem Phänomen schon länger. Kürzlich kamen Forscher aus Großbritannien in einer Studie zu dem Schluss, dass die Rückkehr eines erwachsenen Kindes ins heimische Nest für Eltern eine sinkende Lebensqualität mit sich bringen kann.

Die Forscher hatten Daten aus einer Langzeitstudie von 2007 bis 2015 von Eltern zwischen 50 und 75 Jahren untersucht. Darunter waren rund 1000 Fälle aus mehr als 15 europäischen Ländern, in denen ein Kind nach Hause zurückkehrte. Diese sahen sich die Forscher näher an - und sie erkannten Muster: Die Lebensqualität der Eltern verschlechterte sich insbesondere dann, wenn keine anderen Kinder mehr zuhause lebten, ein leeres Nest also wieder bezogen wurde, wie die Forscher in „Social Science & Medicine“ schreiben.

Die Gründe? Nach dem Auszug eines Kindes fänden Eltern normalerweise ein neues Gleichgewicht, erklärt Studienautor Marco Tosi von der London School of Economics. „Sie genießen diese Phase im Leben, finden neue Hobbys und Aktivitäten.“ Komme ein erwachsenes Kind zurück, könne diese Sphäre verletzt werden - Stress und Konflikte, ausgelöst etwa auch durch die Arbeitslosigkeit des Rückkehrers, können die Folge sein. Insbesondere in nordeuropäischen Ländern, wo Selbstständigkeit traditionell eher erwartet werde, sahen die Autoren diesen Effekt.

Auch Susan, die im Alter von 28 Jahren ohne eigene Sorgen übergangsweise wieder zu Hause einzog, berichtet von unerwarteten Reibungsmomenten in der eigentlich guten Beziehung zu den Eltern. In Alltagsfragen prallten unterschiedliche Gewohnheiten und Ansichten aufeinander. „Wenn man gewöhnt ist, sein eigenes Leben zu organisieren und sich dann vom Einkaufen bis zur Freizeitgestaltung wieder eingliedern muss, ist das eine Art Kulturschock“, erzählt sie.

In der Rückwärtsbewegung in frühere Kinderzimmer und Rumpelkammern sehen die Studienautoren einen Trend, der sich europaweit widerspiegele: Die Mieten sind teils explodiert, die berufliche Situation vieler junger Menschen ist von Unsicherheit geprägt.

In Deutschland seien vor allem der Abschluss des Studiums, eine Trennung vom Partner, Arbeitslosigkeit und Übergangsphasen etwa nach einer Zeit im Ausland Gründe, aus denen junge Erwachsene zu den Eltern zurückkehren, sagt Anne Berngruber vom Deutschen Jugendinstitut in München, die zu dem Thema forscht. Klassisches Alter dafür sei etwa Anfang bis Mitte 20 - wie in Karinas Fall. In der britischen Studie waren die Rückkehrer im Schnitt bereits 36,6 Jahre alt, was Berngruber darauf zurückführt, dass den Forschern Daten relativ alter Eltern - und damit einhergehend auch älterer Kinder - vorlagen.

Offizielle Statistiken zu dem Phänomen gibt es in Deutschland nicht. Klar ist für Anne Berngruber aber, dass es hierzulande seltener vorkommt als etwa in Kanada, Großbritannien und den USA - und auch seltener als in Südeuropa, wo die Vorstellungen familiären Zusammenlebens traditionell anders aussehen. Die stark gestiegenen Mieten in vielen deutschen Städten könnten aus Berngrubers Sicht eher dazu führen, dass sich der erste Auszug, etwa nach dem Abitur, hinauszögert. Ob die Entwicklung auch zu verstärkten Wiedereinzugsbewegungen führt, müsse sich zeigen.

Eine Rückkehr nach Hause müsse nicht zwangsläufig Konflikte bedeuten, sondern könne auch Trost spenden, betont die Wissenschaftlerin. „Es kann ein Sicherheitsnetz bedeuten, wenn man sieht, da ist jemand, der zu einem steht.“ Auch die Studienautoren merken an, dass es durchaus Eltern gebe, die die Rückkehr ihres Kindes begrüßen und das Zusammenleben genießen.

Genießen - das war bei Karina ab dem Wiederauszug der Fall. „Als ich den Ausbildungsvertrag unterschrieben hatte, atmeten alle auf.“ Ihre Eltern gaben sogar freiwillig einen Zuschuss zur Miete. Auch Karinas Geschwister unterstützten sie später stärker finanziell - damit sich das Bumerang-Phänomen bloß nicht wiederholt.

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