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Als Studenten im Jahr 1950 ins Schloss Nordkirchen zogen

Fachhochschule

Nordkirchen ist ein besonderer Hochschulstandort: 1800 Studenten lernen und leben auf dem Gelände des barocken Wasserschlosses. Dabei hatte ein Todesfall die Einweihungsfeier überschattet.

Nordkirchen

von Hildegard Schlutius

, 26.06.2018
Als Studenten im Jahr 1950 ins Schloss Nordkirchen zogen

Umfangreiche Sanierungsarbeiten wie hier an der Gräfte waren nötig, bevor das leer stehende Schloss 1950 Finanzschule werden konnte.

Es war vor 70 Jahren, im Sommer 1948, als der kunstsinnige spätere Oberfinanzpräsident Dr. jur. Kurt Hasslinde auf einer Reise durch das Münsterland das Schloss Nordkirchen kennenlernte. Sogleich kam ihm die Idee, dass man dort eventuell die schon länger geplante Landesfinanzschule unterbringen und damit „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ könnte. Einmal hätte man endlich einen Platz gefunden für die notwendige Unterrichtseinrichtung und zugleich könnte man mit Landesmitteln das Schloss wieder in einen guten baulichen Zustand versetzen.

Für Nordkirchen war es ein wichtiger Augenblick, als man im Finanzministerium in Düsseldorf tatsächlich den Beschluss fasste, das Schloss als Ausbildungsstätte für Steuerrecht zu wählen.

In dieser Zeit, drei Jahre nach Kriegsende, war die Wohnungsnot drückend. In den Städten waren viele Gebäude noch zerstört und auch wegen der erheblichen Anzahl von Flüchtlingen lebte man äußerst beengt. In Nordkirchen stand ein großes Schloss leer. Eine Schule aber beanspruchte Raum für die Unterkunft von Schülern, Lehrern, für anderes Personal und natürlich für Lehrsäle.

Restaurierung nötig

Das großartige Schlossgebäude sah damals traurig aus. Herzog Engelbert Marie von Arenberg, seit 1903 Eigentümer des Schlosses, hatte es als Familiensitz nur bis zum Ende des Ersten Weltkrieges genutzt. Es war sehr reparaturbedürftig, da in all den Jahren seit 1914 keinerlei Instandhaltungsmaßnahmen mehr vorgenommen worden waren. Die Feuerwehr hatte im Brandfall die Anweisung, das Schloss nicht zu betreten, weil es auch nicht zuletzt wegen seiner Holzdecken und seiner altertümlichen Kaminkonstruktionen einsturzgefährdet war.

Für eine Mark gepachtet

Noch im Jahr 1948 pachtete das Land NRW das Schloss vom Herzog von Arenberg für eine D-Mark als Anerkennungsgebühr mit der Verpflichtung, die Gebäude instandzuhalten, was bei deren schadhaftem Zustand eine große und aufwendige Aufgabe war.

Daneben musste mit dem Bau einer Zentralheizungsanlage, der Erneuerung des Stromnetzes für Licht und Kraft, wie auch mit dem Einbau sanitärer Einrichtungen begonnen werden.

Zwei Jahre später, am 7. Juni 1950, feierte man die Einweihung die Landesfinanzschule. Der erste Direktor war Dr. Hermann Morgen. Dem Gottesdienst zur festlichen Eröffnung wohnten der Finanzminister des Landes NRW, Dr. Weitz, sowie wichtige Herren aus Düsseldorf, Köln und Münster und alle Honoratioren des Dorfes bei. Da aber passierte etwas Schreckliches.

Bei seiner Predigt erlitt der Pastor Bernhard Vornholt einen tödlichen Herzinfarkt. Dieses tragische Ereignis war aber kein böses Omen – wie sich in den folgenden Jahren zeigte.

Der Schulbetrieb war am 3. Mai mit 115 Schülern und drei Lehrern begonnen worden. Wo früher der Adel repräsentiert wurde, getafelt oder getanzt hatte, wurde nun die komplizierte Materie des Steuerrechtes gelehrt. Die Festräume boten sich als Unterrichtsräume sogleich problemlos an, da sie damals noch nicht mit Elektroanschlüssen und Verkabelungen ausgestattet werden mussten. Das einzig vorhandene technische Gerät war eine Schreibmaschine, wobei noch im gleichen Jahr die Anschaffung einer zweiten beschlossen wurde.

Etagenbetten für Finanz-Schüler

Zunächst ließ auch der Schlafkomfort noch sehr zu wünschen übrig. In den Zimmern standen Zweistockbetten für jeweils fünf bis acht Schüler. Die Waschgelegenheit befand sich auf dem Flur. Die Dozenten wohnten nicht besser. Sie schliefen in relativ großen, durch Vorhänge unterteilten Räumen.

Die Mahlzeiten wurden im Souterrain des Hauptgebäudes neben der Küche eingenommen, der damaligen Mensa. Der Verpflegungssatz betrug 2,20 DM und reichte „zu einer guten Verpflegung mit vier Mahlzeiten“ aus.

Voraussetzung für den Besuch der Landesfinanzschule war damals das Abitur oder der Abschluss einer höheren Handelsschule. Die Ausbildung dauerte drei Jahre. Sie bestand aus einem Einführungslehrgang von drei Monaten in Nordkirchen, einem Aufenthalt von etwa 20 Monaten an den Finanzämtern, wo die Schüler einmal in der Woche theoretisch unterrichtet wurden und einem Abschlusslehrgang von sechs Monaten in Nordkirchen mit einer anspruchsvollen Abschlussprüfung zum Steuerinspektor.

Fahrkarten im Schloss

Bald schon zeigte sich, dass das kleine Dorf Nordkirchen doch recht abgelegen war. Die Schüler kamen aus ganz NRW. Viele Schüler blieben am Wochenende in Nordkirchen, zumal auch am Samstagmorgen noch Unterricht stattfand. Autos hatte man damals noch nicht, die nächste Bahnstation Capelle war sechs Kilometer entfernt, und der Zugverkehr von dort war mühsam, zunächst ging es zu den Umsteigestationen in Dortmund oder Münster und von dort zu den Heimatorten.

Wenn die Schüler samstags mit dem Extrabus in Capelle am Bahnhof ankamen, war der damalige Vorsteher der kleinen Bahnstation, Wilhelm Nägeler, mit der Ausgabe der vielen Fahrkarten in alle Himmelsrichtungen völlig überfordert. Er wusste sich aber zu helfen. Er richtete, nach Absprache mit dem Leiter der Landesfinanzschule, im barock gestalteten Speisezimmer einen provisorischen Schalter ein. Die ungewöhnliche Kartenausgabe stand unter dem großen Tafelbild Kurfürsten Joseph Clemens August von Köln, der milde auf das seltsame Geschehen hernieder blickte.

Viele Schüler aber blieben am Wochenende in Nordkirchen, frequentierten die gemütlichen Kneipen, Tenhoff, Westermann, Lücke und Bieker und bandelten mit den Schönen des Dorfes an, wobei auch einige Ehen entstanden. Bitter für die feierfreudigen Schüler war die Tatsache, dass abends schon um 22 Uhr alle Tore schlossen. Eine spätere Heimkehr war nur bei gefrorenen Gräften möglich, wie etwa im bitterkalten Winter 1962/63.

Die Tätigkeit an der Landesfinanzschule bedeutete für die Dozenten einen Schub für die Karriere, damit verbunden war aber die Residenzpflicht in Nordkirchen. Das hieß der Umzug aus großen, lebhaften Städten fernab nach Nordkirchen. Und die Frauen der Dozenten gingen damals brav mit, obwohl einige von ihnen eine vollständige Berufsausbildung hatten oder zumindest großstädtisches Leben gewohnt waren. Es kursierte jedoch der Satz: „Die Frauen kommen mit Tränen und gehen mit Tränen,“ und das traf auch oft zu, wenn die Dozenten nach sieben Jahren an die Finanzämter zurückkehrten. Länger sollten sie nicht bleiben, damit der Unterricht recht praxisnah blieb.

Zu den Herzogskindern

Wenngleich die „Finanzer“ auf dem Schloss bei den „Herzogskindern“, wie man die Nordkirchener Bürger scherzhaft nannte, ein wenig als Eindringlinge galten, hatte das friedliche Leben im Münsterland seinen Reiz. Zumal sich in den großen Städten die Wohnsituation auch nur langsam besserte.

In den folgenden Jahren nahm die Ausbildungsstätte eine rasante Entwicklung. Aus den bescheidenen Anfängen wurde 1976 eine Fachhochschule für Finanzen, die größte in der Bundesrepublik.

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