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Anne-Sophie Mutter gönnt sich Halbjahres-Sabbatical

München (dpa) Die weltberühmte Geigerin Anne-Sophie Mutter hat eine längere Pause vom Konzertbetrieb angekündigt.

Anne-Sophie Mutter gönnt sich Halbjahres-Sabbatical

Die Violinistin Anne-Sophie Mutter will pausieren,

«Es kann sein, dass ich nach einem Halbjahres-Sabbatical, das nächsten Sommer beginnt, genauso stark weiter konzertiere oder meine Reisestruktur völlig über den Haufen werfe», sagte die 45-Jährige im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. In dem Gespräch gab die in München lebende Geigerin auch Einblicke in ihr Familienleben: Obwohl sie Instrumente spielen, strebt keines ihrer beiden Kinder eine Karriere als Musiker an. «Kein Berufsmusiker - ein Wahnsinniger in der Familie reicht», sagte Anne-Sophie Mutter.

Wie viele Konzerte geben Sie im Jahr und wie oft nehmen Sie CD's auf?

Mutter: «Die Anzahl kann ich ihnen gar nicht genau nennen. Meine Konzertpläne sind nicht im Hinblick auf eine bestimmte Anzahl von Auftritten geplant. Sie entstehen nicht in einem Jahresrhythmus, sondern in Repertoire-Zyklen, die sich sehr oft nicht in zwölf Monaten abschließen. Da ist zum Beispiel der Mozart-Zyklus, der sich mit seinen 16 Sonaten, sechs Violinkonzerten und drei der Piano-Trios einfach nicht über nur zwölf Monate weltweit spielen ließe. Die Anzahl der Konzerte ist für mich weniger relevant als die Frage, ob und wann ich das mir im Moment wichtig erscheinende Repertoire spielen kann. Ich bin eher ein Musiker, der gern geballt konzertiert. In der Regel produziere ich eine CD pro Jahr.»

Frage: Wie haben sich Ihre Vorlieben für die von Ihnen gespielte Literatur im Verlauf der Karriere verändert?

Mutter: «Ich versuche schon seit meiner Entdeckung der zeitgenössischen Musik Mitte der 80er Jahre eine Balance zu finden versucht zwischen dem romantisch-klassischen Repertoire und der Barockmusik und der Moderne, so dass ich gar nicht sagen kann, dass es wirklich Schwerpunkte gibt. Ich versuche in allem einigermaßen gut zu sein, weil mich alles gleichermaßen interessiert. Dass natürlich ein Komponist wie Mozart oder Beethoven, der sich so viel mehr mit der Geige auseinandergesetzt hat, für mich interessanter ist als etwa Bach, der abgesehen von den großen Solo-Sonaten und den wenigen Konzerten weniger Volumina hinterlassen hat, liegt in der Natur der Sache. Es gibt aber auch Repertoire wie jetzt im Falle des Violinkonzertes von Mendelssohn-Bartholdy, das ich lange Zeit nicht gespielt habe, an das ich vielleicht sogar Jugenderinnerungen habe, die nicht zu den allerbesten gehören, und das ich plötzlich wieder entdecke - nicht nur musikalisch, sondern durch das Studium seiner Biografie.»

Frage: Sie treten seit 30 Jahren in der ganzen Welt auf und sind dennoch in einem Alter, in dem andere Künstler ihr Wirken oft erst beginnen. Wie lange halten Sie das noch durch?

Mutter: «Ich bin kein Prophet. Ich lege in regelmäßigen Abständen Pausen ein, entweder einjährige oder wenigstens mehrmonatige, um aus der Distanz zu überprüfen, ob das Hamsterrad, in dem jeder von uns sich bewegt, das Hamsterrad ist, in dem ich leben möchte. Es kann sein, dass ich nach einem Halbjahres-Sabbatical, das nächsten Sommer beginnt, genauso stark weiter konzertiere oder meine Reisestruktur völlig über den Haufen werfe. Dieses halbe Jahr ist dazu gedacht, nicht nur Kraft zu schöpfen, sondern meine Lebensweise zu überdenken, und zwar jeden Aspekt davon. Ich liebe die Illusion der Selbstbestimmung, und die wird sicherlich durch diese Monate des Abstandes von der täglichen Hetze unterstützt.»

Frage: Fassen Sie in diesem Sabbatical die Violine gar nicht an?

Mutter: «Ich hatte eigentlich gar nicht geplant, irgendwas zu planen für dieses halbe Jahr. Ich gehe davon aus, dass ich in der Zeit neues Repertoire erarbeite. Das bezieht sich auf zeitgenössische Werke, die ich im darauffolgenden Jahr uraufführe. Aber ich werde mich sicherlich auch mit den Bach-Solosonaten auseinandersetzen und es wird bestimmt Wochen, wenn nicht Monate geben, in denen ich überhaupt nicht übe, in denen ich einfach mal aufräume beispielsweise.»

Frage: Kann sich eine Anne-Sophie Mutter tatsächlich abverlangen, einige Wochen nicht Geige zu spielen?

Mutter: «Ich hab's immer so gehalten. Ich war nie ein Vielüber im Sinne von endlosen Stunden täglich. Ich war immer ein sehr intensiver und konzentrierter Studierer. Aber ich liebe es fast noch mehr, Probleme musikalischer oder technischer Natur aus der Distanz zu lösen. Das heißt, einfach über die Analyse als über die ständige, fast stumpfsinnige Wiederholung eines Bewegungsablaufes, der, wenn er innerhalb kürzester Zeit nicht sitzt, sowieso nicht funktionieren kann. Da steckt dann ein gedanklich Fehler drin und den kann man nur in Abwesenheit des Instrumentes lösen.»

Frage: Strapaziert Sie das viele Reisen als Weltklasse-Geigerin?

Mutter: «Das Reisen ist sehr viel unbequemer geworden. Es ist auch mit Instrumenten zu reisen schwieriger, weil man sehr oft aus Sicherheitsgründen den Geigenkasten öffnen muss und Todesqualen aussteht, wenn ein Sicherheitsbeamter verständlicherweise keine Ahnung hat von dem Wert - und damit meine ich nicht nur den materiellen Wert einer Stradivari - und dieses Instrument in die Hand nimmt wie ein Ikea-Teil. Das sind Augenblicke, die einen sehr viele Nerven kosten.»

Frage: Ihnen liegt die Ausbildung talentierter junger Geiger sehr am Herzen. Wie betreuen Sie den Nachwuchs?

Mutter: «Die Förderung des Nachwuchses steht für mich auf zwei Beinen: zum einen auf dem Bein des Freundeskreises, dem sich das zweite der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung hinzugesellt. Wir fördern weltweit Streichernachwuchs, also nicht nur Geiger, sondern auch Cellisten, Bratschisten und Kontrabassisten. Wir vergeben zudem Kompositionsaufträge, was ich besonders spannend finde, weil natürlich immer noch große Repertoire-Lücken vorhanden sind. Wir beschaffen Instrumente, verleihen diese, suchen Lehrer, stellen Verbindungen her zu großen Kollegen. Das ist Spitzenförderung, die eigentlich keinen Wunsch offen lassen sollte.»

Frage: Sie engagieren sich auch für Musikerziehung in ganz jungen Jahren?

Mutter: «Das ist das andere Bein, das ist etwas kürzer und nicht so gut entwickelt. Das ist der Versuch, wenigstens bayernweit Musik in die Kindergärten zurückzubringen. Es gibt eine Pilotstudie und den freiwilligen Einsatz, der nur von Kindergärtnerinnen zu bewerkstelligen ist, die einen gewissen musikalischen Hintergrund haben, das heißt, wenigstens Notenschrift lesen können. Sie können sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich in meiner Generation viele Menschen gibt, die nicht Noten lesen können. Natürlich ist dann auch das Singen von Liedgut schwierig. Da sind Versäumnisse aufzuholen, die nicht erst gestern entstanden sind.»

Frage: Wie bewerten Sie den Streichernachwuchs? Ist eine neue Anne-Sophie Mutter in Sicht?

Mutter: «Ich denke, es kann ja nicht Sinn und Zweck der Kunst sein, dass wir versuchen, Klone heranzubilden. Es gibt eine große Fülle an Streichern, vielleicht mehr als in den Jahren zuvor. Ich erinnere mich nicht, dass es je so viele junge Geigerinnen gegeben hätte. Ich wünsche mir, dass wir wieder eine Generation von Musikern ausbilden, die Individualität des musikalischen Ausdrucks und Verantwortungsbewusstsein gegenüber modernem Repertoire, aber auch ein soziales Gewissen mitbringen, die sich als Musiker gewissermaßen in den Dienst der Sache stellen. Musiker sein bedeutet für mich nicht, brillant zu spielen, sondern eine Verantwortung zu übernehmen und einen Teil dessen, was Lehrer Gutes an mir getan haben, an die Gesellschaft zurückzugeben.»

Frage: Was bedeutet vor dem Hintergrund Ihrer oft langen Abwesenheit von zu Hause für Sie Heimat?

Mutter: «Heimat ist für mich primär immer da, wo meine Kinder sind. Heimat kann für mich in San Francisco sein, wenn meine Kinder da sind. Heimat sind die Augen meiner Kinder, und so ist meine Heimat überall da, wo die beiden mich begleiten. Schon ein Gedanke an sie ist ein Stück Heimat. Ich lebe gerne in München. Es ist die Nähe zu den Bergen, zu den Seen. Es ist die Mitte Europas. Es ist die Offenheit, die mich an Bayern reizt, es ist die Natürlichkeit, die Direktheit der Menschen, ihre Kunstsinnigkeit. Ich liebe die Museen in München, nicht umsonst habe ich mich ja am Bau der Neuen Pinakothek aktiv beteiligt. Und wir sind eine der Städte in Deutschland, die über die besten Orchester und Dirigenten verfügen.»

Frage: Musizieren Sie mit Ihren Kindern?

Mutter: «Wir haben sehr viel zusammen gesungen, die ersten acht Jahre gehörte das zum abendlichen Ritus. Sie spielen natürlich Instrumente und haben auch Privatunterricht. Wir musizieren selten zusammen, weil das Haus schon so voll ist mit Musik, dass man dann doch, wenn man sich außerhalb dieser Insel befindet, andere Dinge macht. Meine Tochter ist eine wahrhaft leidenschaftliche Tänzerin und mein Sohn, ich weiß nicht, ob er eine Sportskarriere anstrebt, jedenfalls macht ihm das sehr viel Freude. Kein Berufsmusiker - ein Wahnsinniger in der Familie reicht.»

Interview: Paul Winterer, dpa

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