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Armin Petras und die Gefahr, missverstanden zu werden

Stuttgart (dpa) Für sein erstes Theaterfestival in Stuttgart wählte der Schauspiel-Intendant Armin Petras ein sperriges Thema: TERRORisms/Terrorismen. Die Gefahr, missverstanden zu werden, ist ihm bewusst.

Armin Petras und die Gefahr, missverstanden zu werden

Armin Petras, der Intendant des Schauspiels Stuttgart, will das Theaterpublikum mit schwerem Stoff ins Haus locken. Foto: Bernd Weißbrod

TERRORisms/Terrorismen» - der ungewöhnliche Plural im Titel des Stuttgarter Theaterfestivals ab Mittwoch steht laut Intendant Armin Petras (50) für die Vielschichtigkeit des Themas. «Der Begriff ist unschärfer geworden.»

In Stuttgart untrennbar mit der RAF-Zeit der 70er Jahre verbunden, müsse man ihn heute von vielen Seiten aus beleuchten. Geplant sind speziell für das Festival entwickelte Gastbeiträge aus Belgrad, Tel Aviv, Reims und Oslo. 

Frage: Ihre Intendanz gilt als eher unpolitisch, zumindest als unpolitischer als die von ihrem Vorgänger Hasko Weber. Und jetzt dieses höchstpolitische Festival - warum?

Antwort: Ich glaube nicht, dass unser Theater unpolitisch ist - auch wenn unser Zugang sicher ein anderer ist: Wir sind überzeugt davon, dass es auf der Bühne nicht darum geht, Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu geben, sondern so genau wie möglich Fragen zu stellen.

Frage: Auch zum Thema Terrorismus?

Antwort: In unserem Repertoire finden sich ein halbes Dutzend Titel, der sehr direkt mit Phänomenen des Terrorismus umgehen.

Frage: Und andere politische Themen?

Antwort: «Pfisters Mühle» etwa befasst sich mit fortschreitender Umweltzerstörung, mit Strukturveränderungen am Ende des 19. Jahrhunderts, mit der Frage, was Industrialisierung mit einer Gesellschaft macht. All das ist hochpolitisch - aber nicht unbedingt plakativ oder Position ergreifend.

Frage: Warum wählten Sie diesen - mit Verlaub - sperrigen Titel «TERRORisms».

Antwort: Terrorismus ist ein Begriff, den man nicht naiv verwenden kann. Er hat viele Facetten, ist ein Kampfbegriff. Der «Kampf gegen den Terrorismus» und der Vorwurf des «Staatsterrorismus» bezeichnen dasselbe Phänomen. Der Plural im Titel macht deutlich, wie missverständlich der Begriff ist, dass man ihn von vielen Seiten aus beleuchten kann. Und muss.

Frage: Terrorismus wird in Stuttgart automatisch mit der RAF-Zeit verbunden. Wie haben Sie die RAF-Zeit erlebt?

Antwort: Gar nicht. Das war für mich sehr weit weg und fremd. Ich lebte ja im Osten. Wir haben hier im Haus aber kulturelle Artefakte aus der Zeit: Schmähbriefe gegen Claus Peymann etwa, und eine ganze Reihe von Mitarbeitern, die damals schon am Haus engagiert waren und von dieser Zeit erzählen können. Die Zeit bildet in der ganzen Stadt noch sowas wie einen politischen Humus. Das bleibt eine Phase der Stadtgeschichte, die sich tief eingebrannt hat.

Frage: Welchen Stellenwert hat die RAF-Zeit unter den Terrorismen?

Antwort: Es gibt während des Festivals Theatervorstellungen und Gespräche zum Thema. Trotzdem ist die RAF für uns ein Prisma unter vielen Prismen. Sie bildet nicht das Zentrum unserer Recherche. Das Phänomen des Terrorismus hat sich seit damals sehr verändert. Es richtet sich nicht mehr gegen ausgewählte Vertreter von Staat und Wirtschaft. Der Begriff ist unschärfer und vielschichtiger geworden.

Frage: Welches Risiko geht man mit so einem Festival ein?

Antwort: Jeder, der den Begriff des Terrorismus verwendet, läuft Gefahr, missverstanden zu werden. Aber wir sind keine politische Forschungseinrichtung, wir versuchen mit künstlerischen und kulturellen Mitteln Menschen zusammenzubringen - ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen. Es kommen Politologen, Journalisten, Autoren, Regisseure, Politiker. Die Idee ist, dass durch viele kleine Pixel ein vages Bild entsteht von einem komplexen Phänomen, das für die heutige Generation spätestens seit 9/11 ein Teil ihrer Welt ist.

Frage: Gab es Bedrohungen wegen des Themas?

Antwort: Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht auch Demonstrationen geben wird. Das ist denkbar.

Frage: Besteht auch die Gefahr, dass das Publikum so ein Festival gar nicht haben möchte?

Antwort: Absolut. Es ist ja nicht leichtes Entertainment, sondern schwerer Stoff - und nur bedingt Unterhaltungstheater.

ZUR PERSON: Armin Petras (50) ist seit 2013 Intendant des Schauspiels Stuttgart. Er gilt als rastloser Theaterregisseur. Zugleich ist er produktiver Autor unter dem Pseudonym Fritz Kater. Geboren wurde Petras in Meschede in Nordrhein-Westfalen. Er war fünf, als seine Eltern mit ihm in die DDR übersiedelten. Bevor er nach Stuttgart kam, war er Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin.

Staatstheater Stuttgart

Festival TERRORisms

Theater über Petras

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