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Atommüll-Transport heizt Streit um Endlager an

Hannover/Berlin (dpa) Der durch ungewöhnlich scharfe Proteste tausender Kernkraftgegner verzögerte Atommüll-Transport nach Gorleben hat den Endlagerstreit in Deutschland kräftig angeheizt.

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Der Transport mit hochradioaktivem Atommüll erreicht das Zwischenlager in Gorleben im Kreis Lüchow-Dannenberg.

Polizeibeamte arbeiten nahe dem rheinland-pfälzischen Berg an der Befreiung der letzten von insgesamt drei Atomkraftgegnern, die sich an einen Betonblock gekettet hatten.

Einsatzkräfte der Bundespolizei sichern die Brücke über den Elbe-Nebenfluss Jeetzel bei Hitzacker (Kreis Lüchow-Dannenberg).

Polizisten nehmen einen Demonstranten nach einer Straßenblockade bei Metzingen fest.

Atomkraftgegner tanzen den «WidersTanz» gegen den Atommüll-Transport.

Die ersten Atomkraftgegner demonstrierten bereits am 01. November.

Gespenstischer Protest in einem Wald in der Nähe von Gorleben.

2006 standen Atomkraftgegner zuletzt der Polizei im Wendland gegenüber. Davon zeugt diese Protest-Aufschrift.

Zwei Polizisten passieren den abgesicherten Castor-Verladebahnhof in Dannenberg.

Bereits im Vorfeld wurde im Landkreis Lüchow-Dannenberg gegen den Castor-Transport protestiert.

Mehrere hundert Menschen trotzen bei einer Sitzblockade in Gorleben der Dunkelheit.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte am Dienstag erneut einen «ergebnisoffenen Standortvergleich» der verschiedenen infrage kommenden Lagerstätten für Atommüll in Deutschland. Die neu erstarkte Anti-Atom-Bewegung rief die Bundesregierung zum Ausstieg aus der Atomenergie auf und kündigte weitere Proteste an. Die Kosten des elften Transports nach Gorleben betrugen allein in Niedersachsen rund 20 Millionen Euro. Landesinnenminister Uwe Schünemann (CDU) verlangte eine Beteiligung anderer Bundesländer an den Kosten und will künftig auch Blockierer zur Kasse bitten.

Der elfte Transport ins Zwischenlager Gorleben erreichte sein Ziel in der Nacht zum Dienstag mit fast einem Tag Verspätung, streng bewacht von tausenden Polizisten. Beim Protest gegen die atomare Fracht erlebte die Anti-Atom-Bewegung eine neue Stärke: Der Widerstand mit mehr als 15 000 Demonstranten aus ganz Deutschland war deutlich größer als in den Vorjahren. «Der Protest ist groß, vielfältig und entschlossen. Der Traum der Atom-Lobby von einer ?Renaissance der Atomkraft? ist ausgeträumt», sagte eine Sprecherin der Organisation Robin Wood.

Um die Proteste einzudämmen, setzte die Polizei unter anderem Schlagstöcke ein. Einsatzleiter Thomas Osterroth sprach am Dienstag von teils «massiven Übergriffen» auf die Beamten. Zahlreiche Menschen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen. Die Polizei schätzte die Zahl gewaltbereiter Gegner auf 1500. Brennende Barrikaden auf der Strecke zum Zwischenlager wurden mit Wasserwerfern gelöscht. Acht Protestierer ketteten sich an Betonpyramiden fest. Die Polizei benötigte rund elf Stunden, bis sie am späten Montagabend die Atomkraftgegner frei bekam. 46 Demonstranten wurde festgenommen und 95 Strafverfahren eingeleitet.

Gabriel gab der Union die Verantwortung für die Schärfe der Proteste. Grund für die Auseinandersetzungen sei die Ankündigung von CDU und CSU gewesen, sich von dem unter Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg zu verabschieden. Dies habe dazu geführt, dass die Menschen auf die Straße gegangen seien, sagte Gabriel in Berlin. Niedersachsens Umweltminister Hans Heinrich Sander (FDP) verlangte von Gabriel konkrete Alternativen zu Gorleben. Sander warf der großen Koalition in Berlin vor, in der Frage der atomaren Endlagerung keinen Schritt weitergekommen zu sein als vorher die rot-grüne Bundesregierung.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sprach angesichts der Proteste von einer nicht verantwortbaren Energie und sah keine Zukunft für die Atomkraft in Deutschland. Der Ausstiegskonsens unter der rot-grünen Bundesregierung sei wichtig und richtig gewesen. Nicht zuletzt wegen des Drucks der Anti-Atom-Bewegung sei Deutschland heute bei der Suche und Entwicklung alternativer Technologien weiter als die meisten anderen Länder. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) zeigte wenig Verständnis für die Proteste. Es müsse jetzt eine Lösung in der Endlagerfrage gefunden werden, sagte er.

Der Salzstock Gorleben in unmittelbarer Nähe zum Atommüll-Zwischenlager ist der einzige Ort, der bisher als Endlager für den hoch radioaktiven Abfall aus deutschen Atomkraftwerken untersucht wurde. Umstritten ist aber seit Jahrzehnten, ob der Salzstock sicher genug ist. Ein Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover erklärte, 90 Prozent der Erkundungsarbeiten in Gorleben seien erledigt. Die Entscheidung über die Fortführung der seit 2001 gestoppten Arbeiten liege aber bei der Bundesregierung.

Streit gab es um die Strahlung des Transportes. Bei den offiziellen repräsentativen Messungen von insgesamt drei der elf Behälter in Dannenberg seien alle Grenzwerte eingehalten worden, betonte das niedersächsische Umweltministerium. Dagegen kritisierte Greenpeace unter Hinweis auf eigene Messungen, die erstmals für die Fahrt nach Gorleben verwendeten französischen Atommüll-Behälter TN 85 setzten deutlich mehr Strahlung frei als die alten Castor-Behälter. Die Strahlung sei 40 Prozent höher als beim Castor-Transport 2005. Auch die Umweltschutzorganisation ging aber davon aus, dass die Grenzwerte eingehalten werden.

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