"Auch Quatsch hat seine Berechtigung"

Interview mit Sascha Grammel

Sein Soloprogramm „KEINE ANHUNG“ war ruckzuck ausverkauft. Das gilt auch für seine Auftritte im August in Dortmund, Bochum und Essen. Sascha Grammel, Comedian, Puppenspieler und Bauchredner, ist vor anderthalb Wochen 40 Jahre alt geworden und steht ganz oben auf der Karriere-Leiter.

Dortmund

, 01.03.2014, 06:00 Uhr / Lesedauer: 6 min
Der Puppenspieler und Bauchredner Sascha Grammel tritt am 14.11.2013 bei der 65. Bambi-Verleihung im Stage-Theater am Potsdamer Platz in Berlin auf. Die Auszeichnung in 17 Kategorien wird vom Verlagshaus Burda vergeben. Foto: Michael Kappeler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Puppenspieler und Bauchredner Sascha Grammel tritt am 14.11.2013 bei der 65. Bambi-Verleihung im Stage-Theater am Potsdamer Platz in Berlin auf. Die Auszeichnung in 17 Kategorien wird vom Verlagshaus Burda vergeben. Foto: Michael Kappeler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Im Grunde schon, weil ich gemerkt habe, dass Bauchreden und Puppenspiel nicht so weit voneinander entfernt sind. Und beim Puppenspiel geht es ja auch nicht nur darum, Witze zu erzählen, sondern etwas miteinander zu erleben und aus der Situation heraus witzig zu sein. Und über die Jahre hat das immer besser funktioniert.

Das hätte ich selbst nie geglaubt. Inzwischen habe ich mich natürlich ein bisschen an die Fernsehlandschaft gewöhnt, finde es aber immer noch skurril, wenn man erst hinter den Kulissen in der Garderobe sitzt, irgendwas knabbert und auf den Monitor schaut, was draußen abgeht. Dann steht man auf und ist plötzlich Teil des Geschehens auf eben diesem Monitor und macht in der Sendung mit. Interaktives Fernsehen sozusagen. Manchmal sitze ich zuhause und denke, ich könnte da vorn im Fernsehen eigentlich mitmachen. Geht dann aber leider nicht.

Nein, soweit ist es noch nicht. Eine schöne Idee allerdings. Dann hätte ich mehr für mich. Ich esse wirklich gern. Sieht man aber nicht. Ich schiebe Disziplinphasen ein. Aber pünktlich zu meiner RTL-Show hatte ich mal kurz fünf Kilo zugenommen. Sah man auch schön im Profil. Ich bin halt auch nur ein Mensch...

Ich musste es mir echt draufschaffen und bin fast verwundert, dass es bei ihm so einfach ging. Man muss ja eine völlig neue Technik erlernen. Vor allem muss man sechs Laute völlig neu bilden. V, W, P, B, M und F, also alle Labiallaute. Sie müssen mit der Zunge die Bewegung der Unterlippe imitieren, mit Hilfe des Gaumens und der Frontzähne. Das ist echt schwierig. Ich versuche auch heute noch, beim Schreiben der Texte diese Laute zu vermeiden. Das Schwierigste daran ist nicht, die Laute neu zu lernen, sondern die alten nicht mehr zu benutzen. Dafür habe ich über ein Jahr gebraucht.

Ich würde das mal mit einem Flicflac vergleichen. Den kann im Prinzip auch jeder lernen. Man braucht eben gewisse Voraussetzungen und viel Fleiß, dann klappt es noch besser. Wer Bauchreden lernt, muss es auch dauerhaft nutzen, sonst verliert er es schnell wieder.

Ich habe diese anzüglichen Sachen nicht lange gemacht, weil es auch nicht zu mir passte. Man hat es mir schlicht nicht abgenommen. Es waren halt einfach Witze aus einem Buch, die ich da erzählt habe. Ich stelle mich selbst viel infrage, nehme jede Show auf und kritisiere mich hinterher selbst. Da bin ich sehr akribisch und merke auch schnell, was eben nicht funktioniert. Der Mensch ist nicht von Natur aus Komödiant.

Ich komme ja von der Zauberei und habe schon mit neun Jahren einen Zauberkasten gehabt. Mit zwölf bin ich dann vor Freunden und Familie aufgetreten und wollte immer mystisch sein. Die haben aber ständig gelacht, auch wenn ich es echt ernst gemeint habe. Irgendwann habe ich dann eingesehen, dass ich besser was Lustiges mache. Aber die ersten Texte für meine Bauchredner-Shows sind wirklich über Jahre entstanden. Comedy ist schon mühsam, man muss viel ausprobieren, damit die Leute Spaß haben und man Lacher bekommt. Trotzdem liegt man ab und zu daneben und findet Sachen unglaublich lustig, über die sonst keiner lachen kann.

Meine Freunde lasse ich in Ruhe, weil sie meine Freunde bleiben sollen. Da habe ich echt ein privates Rückzugsgebiet. Nein, ich spiele ja seit 2007 ein Benefizprogramm im Kulturhaus bei mir um die Ecke. Und zwar deshalb, weil ich da am Anfang mal gefragt habe, ob ich da auftreten kann. Da kannte mich kein Mensch, und die waren total nett zu mir und haben mir einen Saal für etwa 140 Leute zur Verfügung gestellt. Am Anfang waren meist nicht mal 20 da. Ich bin halt durch die Berliner Altstadt gelaufen und habe Zettelchen verteilt nach dem Motto: Wer Lust hat, soll kommen. Auf Galas bin ich schon mal mit kleinen Nummern gebucht worden. Die habe ich dann aneinandergereiht und ein Programm draus gemacht, das ich dort zum ersten Mal gezeigt habe.

Ich bin früher mal auf Stationen für krebskranke Kinder aufgetreten. Das ist mir aber immer so nahe gegangen, dass ich es irgendwann nicht mehr konnte. Dann dachte ich aber: wie feige. Und mache jetzt zwölf Benefizshows im Jahr für die „Roten Nasen“, die Clowns in Krankenhäuser schicken. Und bei diesen Auftritten probiere ich heute noch Neues aus. Die Leute da sind sehr ehrlich, ich kriege ein wirklich objektives Feedback. So eine Art Testpublikum halt. Da sind auch viele Ältere dabei und nicht unbedingt die Hardcore-Fans. Und wenn dieses Publikum lacht, tun es die Fans auch.

Bis 1997 war ich ja Zahntechniker und bin nebenbei aufgetreten. Das wurde aber zu viel und ich musste mich entscheiden. Das Ergebnis ist bekannt. Natürlich war es ein Risiko, aber ich bin nie einer gewesen, dem Geld so furchtbar wichtig gewesen ist. Ein Antrieb war es sowieso nie. Ich bin aber schon froh, dass das Wagnis geglückt ist. Ich mache es nach wie vor unglaublich gerne.

Ich bin vorher schon auch vor 1000 Leuten aufgetreten, aber nur als Teil eines Programms. Die Leute sind nicht nur wegen mir gekommen. Dann kam der Plattenvertrag mit Universal, wo ich dachte: Bingo, jetzt bin ich auf DVD, jetzt geht es ab, jetzt bin ich bekannt. Konnte man sich auch abschminken, da liegt dann eine DVD bei Saturn hinter allen anderen. Ich habe die zwar immer nach vorne gestellt, aber der Durchbruch war das nicht. Dann hat mich mal Mario Barth eingeladen, das sehen dann fünf Millionen Zuschauer. Und da ging es dann wirklich ab. Plötzlich war ich in einem Jahr in über 30 Sendungen.

Ja. Deshalb hatte ich nie Angst, dass ich von dieser Sache nicht existieren könnte. Es ist ja anders als bei den Casting-Stars. Ich mache meine Sachen selbst, und irgendwann hat sie einer abgefilmt. Und ich weiß immer, wenn die mich mal nicht mehr abfilmen, geht es trotzdem weiter. Dann trete ich halt wieder für Langnese auf und habe Spaß. Wenn ich Fernsehen mache, will ich auch selbst bestimmen. Ich schneide die Sachen selbst, suche die Deko aus und bestimme, was gezeigt ist. Das ist für die Sender nicht immer leicht. Das Geld ist da nicht so wichtig, ich habe mich am Anfang auch häufig über den Tisch ziehen lassen.

Ich hatte mal den Anspruch, die selber zu bauen. Die Dinger habe ich mal in einer Talkshow gezeigt und alle sagten, es sei gut, dass ich es gelassen habe. Die mochte keiner. Inzwischen ist es ein ganzes Team, das nach meinen Ideen arbeitet. Darunter zwei Comiczeichner, die auch für Disney gearbeitet haben. Und tolle Schneider und Modellbauer sind dabei. Ganz wichtig ist auch unser Daniel Düsentrieb, der die ganze Mechanik macht. Den trage ich auf Händen. Der wird immer besser.

Der erste Teil ist ein bisschen wie „Hetz mich nicht, Teil 2“. Nach der Pause wird es dann etwas abgedrehter. Ich weiß, dass ich damit vielleicht den einen oder anderen Fan verunsichere oder verliere, aber ich gewinne ganz viele, die skurrilen Humor mögen.

Es gibt schon Situationen im Alltag, da ist es schon merkwürdig. Wenn wir zum Beispiel darüber reden, ob ein Huhn auf der Bühne sprechen darf oder nicht. Ich bin ja auch auf der Bühne sehr mit dabei und zunächst mal Schauspieler. Aber manchmal geht einem schon auf, was für einen riesigen, schönen Unsinn man da macht. Auch Quatsch hat in der Gesellschaft seine Berechtigung.

Da muss ich viel diskutieren. Ich komme von der Kleinkunst und glaube, dass diese Puppen einen etwas intimeren Rahmen brauchen. Und Erfolg hat nichts mit der Größe der Halle zu tun. Ich persönlich liebe Theater, aber das kann ich ja nicht nur machen, weil dann viele Leute mich nicht sehen könnten. Bei 2000 Zuschauern ist für mich im Grunde die Grenze. Zehntausender-Hallen wird es nicht geben, obwohl die Nachfrage sehr groß ist. Da schreiben viele Fans, die keine Karte bekommen haben: Spiel doch größere Hallen. Es ist ein Spagat. Wir haben auch mal eine Viertausender-Halle gespielt. Mein Ding ist es nicht. Ich könnte mir aber mal ein Event zum Abschluss einer Tour vorstellen, das ein bisschen größer wird.

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