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Ballett der extremen Kontraste

WITTEN New York, Schloss Ludwigsburg, Salzburg … und nun Witten! Das St. Petersburger Ballett-Theater Boris Eifman erwies sich für die Kulturgemeinde als Publikumsmagnet. Gewichtigen Anteil daran hatten russische Ballettfreunde, die aus großem Einzugsbereich angereist, sich selbst teils schillernd inszenierten.

von Von Martin Schreckenschläger

, 29.10.2007
Ballett der extremen Kontraste

Kunstvolle Hebung russischer Ballettschule: das Pas de Deux Arkadina (Natalia Poworozniuk) und Trigorin (Oleg Markow) vor der Kompanie.

Sehr eigenwillig dichtete Starchoreograph Eifmann die Tschechow-Komödie „Die Möwe“– ein Werk von der menschlichen Ohnmacht und des notwendigen Scheiterns – zu einem faszinierenden Tanzdrama um. So ließ er den aufbegehrenden Geist des Treplew (Oleg Gabyschew) sich aus kubischer Umhüllung freie Formen kreierend selbst erschaffen. Dessen Ausdruckswille des Neuen offenbarte sich in akrobatisch-linkischen Verrenkungen, im Breakdance einer Straßenszene.

An der Seite der Prima Ballerina Irina Arkadina (Natalia Poworozniuk), hier mehr in Hassliebe zugetane, mütterliche Freundin, bewegte er sich als äffisches Kind, versuchte im Pas de Deux den schwachen Part, den Sprung in zwangsläufig selbst aufgefangene Hebefiguren. Im Ballettsaal setzte Eifman Treplews Modern Dance in unmittelbaren Kontrast zum klassischen Tanz der Kompanie, ließ ihn vom strengen Ballettmeister Trigorin (Oleg Markow) demütigend zurecht weisen.

Doch auch die jungen Tänzer zeigten Momente des Ausbruchs, mussten aus Techno-Anwandlungen zur Disziplin gerufen werden. Nina (Anastasia Sitnikowa), aufstrebende Solotänzerin, verschmähte ganz nach Tschechows Vorlage den rebellischen Jungkünstler, biederte sich lieber dem Ballettmeister an.            Nach kurzem Glanz und Verdrängung der Arkadina von der Seite Trigorins folgte der Showdown der Tänzerinnen: Nina nahm wörtlichst ihr Bündel. Als Treplew sie wiedersah, ließ sie sich im Rotlichtmilieu hinter einer Panzerglas-Zielscheibe von zahlenden Gästen erschießen. Letztlich passierte für ihn das Vergangene noch einmal Revue. Ein Schrei der Verzweiflung, und das verschmähte Genie ‚würfelte' sich wieder ein.

In kargem Bühnenbild, wehenden Vorhängen zur Überleitung der Szenen, entfalteten die Tänzer durch Kostümwechsel stets neue Welten. Der romantischen Musik Rachmaninoffs standen verfremdete Passagen des ebenfalls russischen Komponisten Skriabin gegenüber, mal verarbeitet in futuristischen Maschinenwelten á la Pink Floyd, mal überlagert mit Stimmformungen im Didgeridoo-Klang. Wagnerianische Musik und deutscher Gruß der Tänzer befremdeten ein wenig. Zum Schluss aber gab es begeisterten Beifall bis hin zu Bravo-Rufen.