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Befreiungsschlag statt Schweigegeld

WITTEN „Es war so eine Art Befreiungsschlag für uns“, bewertet Dr. Henning Stein die Tatsache, dass alle sechs Familienmitglieder jetzt vor eine ZDF-Kamera getreten sind, um eine lange Leidensgeschichte zu erzählen.

von Von Susanne Linka

, 26.10.2007
Befreiungsschlag statt Schweigegeld

Henning Stein kämpft um Gerechtigkeit für seinen Sohn: "Das ist meine Art, die schlimmen Vorfälle zu verarbeiten."

Seit im Mai 2005 klar wurde, dass ein Sohn der Familie in seinem Internat bei Heidelberg 16 Monate lang immer wieder von einem Mitbewohner vergewaltigt worden ist, hatte sich ein erdrückender Schatten über die Familie gelegt. Jetzt lüftet er sich langsam. Öffentlich spricht die Familie nun aus, was sie so lange belastet hat.

Am Pranger steht das Internat, in dem sich die Übergriffe unbemerkt über einen so langen Zeitraum ereignen konnten. Es gehört zur Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH). „Das sind diejenigen, die die Universität Witten übernehmen wollten“, erinnert Henning Stein, der als Pathologe am Klinikum Dortmund arbeitet. Er wirft der Stiftung vor, dass sie die Ereignissen unter den Teppich kehren wolle. Die Zahlung einer finanziellen Entschädigung von 20 000 Euro, die sie der Familie zunächst angeboten hatte, habe sie zum Beispiel an die Forderung geknüpft, Stillschweigen über die Vorgänge zu bewahren. Als die Steins sich daran nicht hielten, zog sie ihr Angebot zurück.

Spastische Lähmung

Dabei ist unbestritten, dass der damals 12-Jährige Wittener, der unter einer spastischen Lähmung leidet, Opfer eines zwei Jahre älteren und kräftigeren Mitbewohners wurde. Und keiner hat es bemerkt. „Er hat unseren Sohn mit dem Tode bedroht“, erklärt Henning Stein, warum der Junge so lange geschwiegen hat. Der Familie war wohl aufgefallen, dass er nach Aufenthalten daheim nicht mehr so gerne nach Heidelberg zurückkehrte.

Erst das Kind nach den Pfingstferien wieder ins Internat zurückfahren sollte, da war Schluss: „Er hat sich aufs Sofa gesetzt und sich geweigert“, erinnert sich seine Mutter Monika Stein. Warum er nicht ins Internat zurück wollte, das erklärte der Junge erst einem Freund der Familie, der in der Not herbeigerufen wurde. „Er hat es ihm auf einen Zettel geschrieben“, präzisiert Monika Stein. Das Kind konnte nicht über die Lippen bringen, was ihm widerfahren war.

In Heidelberg

Gleich am nächsten Tag war seine Mutter in Heidelberg. „Wissen Sie, was der Schul-Psychologe da zu meiner Frau gesagt hat?“, fragt der immer noch fassungslose Henning Stein. „Er sagte: ,Da fügt sich ja so manches zusammen.'“ Gerade so, als hätte es ihm und den Erziehern nicht schon eher auffallen müssen, was da nicht stimmt.

„Unser Sohn hat sich im Internat zum Beispiel beschwert, dass sein Nachbar nachts in sein Zimmer kommt und das Licht einschaltet. Daraufhin erhielt er einen Schlüssel“, erläutert der Vater bitter, denn die Qual des Kindes hatte damit kein Ende. Sie setzte sich in Badezimmern und bei einem Ausflug nach Spanien fort.

Keine Alarmsirene

Auch die Tatsche, dass der Betroffene sich nicht mehr waschen wollte, hatte bei seinen Betreuern offenbar nicht die Alarmsirene schrillen lassen. Familie Stein zeigte die Betreuer darum an, doch der Staatsanwalt eröffnete das Verfahren mit Hinweis auf die mangelnde Spezialausbildung der Beschuldigten nicht. Henning Stein hält das für ein wenig stichhaltiges Argument: „Das bedeutet doch im Umkehrschluss, dass man sein Kind einer solchen Einrichtung gar nicht guten Gewissens anvertrauen kann.“ Die SRH-Stiftung als Trägerin räume jedenfalls bis heute keinen Fehler ein.

Das Kind - und mit ihm die ganze Familie - litt seit den Vergewaltigungen unter schwersten psychischen Störungen und hat nach einer harten Therapie langsam wieder im Leben Fuß gefasst. Von der Landesstiftung Opferschutz in Baden-Württemberg hat es 5000 Euro erhalten, und es bezieht inzwischen eine kleine monatliche Opferrente.

"Wir wollen Gerechtigkeit" Doch seine Eltern wollen mehr: „Wir wollen Gerechtigkeit. Das kann eine strafrechtliche Verurteilung eines Verantwortlichen leisten, aber auch eine Änderung am Internats-System, die verhindert, dass sich so etwas wiederholt.“ Darum hat die Familie auch wieder Anzeige erstattet - wegen Vernachlässigung der Fürsorge- und Erziehungspflicht: „Es hat in der Außenwohngruppe auch schlimme Alkoholexzesse gegeben.“  Das ZDF-Magazin „Mona Lisa“ greift den Fall ab 18 Uhr am kommenden Sonntag, 28. Oktober, auf.