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Bei sexueller Belästigung im Job frühzeitig zur Wehr setzen

Berlin (dpa/tmn) Tagebuch führen, Dritte hinzuziehen und sich beraten lassen: Wer Opfer von sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz wird, sollte nicht aus Scham schweigen. Besser ist es, sich gleich massiv zur Wehr zu setzen. Denn sonst drohen schnell weitere Angriffe.

Bei sexueller Belästigung im Job frühzeitig zur Wehr setzen

Viele Frauen schweigen aus Scham, wenn sie im Job sexuell belästigt werden. Das muss jedoch nicht sein. Foto: Britta Pedersen

Verbale Anzüglichkeiten, körperliche Berührungen, Fragen nach Intimitäten, Hinterherpfeifen: Was manche Kollegen für Spaß halten, ist für die betroffene Kollegin zumeist alles andere als lustig. Dennoch sind viele Frauen regelmäßig solchen sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz ausgesetzt und wehren sich nicht dagegen.

Dabei besteht nach Ansicht von Experten die einzig sinnvolle Reaktion auf das Verhalten der Kollegen, sich zur Wehr zu setzen und dem männlichen Kollegen deutliche Abwehrsignale zu geben. Das Problem vieler Betroffener: Die Hemmschwelle, mit der Beschwerde zum Chef oder Betriebsrat zu gehen, ist recht hoch. «Viele trauen sich nicht, weil es in manchen Fällen sogar der Chef selbst ist, der die weiblichen Kollegen belästigt», sagt Bernhard Franke, Referatsleiter bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin. Doch genau dies sei das falsche Signal. Setze man sich nicht zur Wehr, ermuntere man den anderen nur dazu, weiterzumachen.

Auch die Zuhilfenahme von Dritten spiele eine wichtige Rolle. «Eine sexuelle Belästigung spielt sich ja meistens im Vier-Augen-Verhältnis und ohne Zeugen ab. Für das Opfer besteht daher noch zusätzlich das Problem, die Belästigung überhaupt nachweisen zu können, um sich nachher nicht den Vorwurf der üblen Nachrede anhören zu müssen», so Franke. Sinnvoll sei es daher - ähnlich wie beim Mobbing - ein Tagebuch zu führen und darin genau aufzuführen, wann und wo welche Art von Belästigung stattgefunden habe.

Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes spielen Beschwerden bezüglich sexueller Belästigung eine eher untergeordnete Rolle. Franke vermutet jedoch, dass die Dunkelziffer hoch ist. «Viele trauen sich nicht, über dieses Thema zu reden, das sollte sich ändern», sagt der Experte. Bei einer massiven Belästigung sollte man sich rechtliche Schritte bis hin zu Schadensersatz- und Entschädigungsforderungen überlegen.

Auch wenn eine Kündigung des Täters nicht immer gleich erfolgen muss, so ist sie bei einer gewissen Massivität durchaus vorstellbar. So entschied etwa das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, dass ein Angestellter fristlos gekündigt werden darf, weil er die «allgemein übliche minimale körperliche Distanz nicht gewahrt» habe (Aktenzeichen: 3 Sa 163/06). Der Mann hatte seine Mitarbeiterinnen jahrelang sexuell belästigt, indem er sie gezielt unnötig und wiederholt unerwünscht anfasste und berührte.

Wer von sexueller Gewalt am Arbeitsplatz betroffen sei, sollte sich möglichst früh an Beratungsstellen wenden, sagt Anita Eckhardt vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Berlin. Viele Frauen kämen erst zu den Beratungsstellen, wenn es schon zu spät sei und sie entweder psychisch extrem belastet seien oder sie wegen des hohen Leidensdrucks bereits selbst gekündigt hätten.

Eine rechtzeitige, externe Beratung sei daher extrem wichtig. Gleich mit der Beschwerde zum Chef zu gehen, sei nämlich nicht immer der richtige Weg. «Eine Beschuldigung - auch wenn sie gerechtfertigt ist - kann ein Team innerhalb des Betriebes extrem spalten und ein schlechtes Arbeitsklima schaffen, und das möchte ja eigentlich keiner der Beteiligten.» Sinnvoll sei daher zunächst eine Beweisaufnahme, etwa das Sichten und Sichern von Handy-Kurznachrichten.

Im Übrigen unterliege die Bezeichnung der sexuellen Belästigung keiner genauen Definition. «Da gibt es einen enorm hohen Graubereich, es kommt ja auch immer auf die Massivität an und auf das subjektive Empfinden des Opfers», so Anita Eckhardt. Fühle sich eine Frau aber erst einmal latent bedrängt und belästigt, könne sich das massiv auf ihre Gesundheit auswirken. Ansteigende Krankheitsraten und die Abnahme der Leistungsfähigkeit seien keine Seltenheit.

Generell werde heute aber anders mit den Beschwerden der Opfer umgegangen. Zwar trauten sich viele Frauen noch immer nicht, zu den Beratungsstellen zu gehen. «Aber diejenigen, die sich endlich trauen, werden auch ernst genommen, ihre Beschwerden werden nicht mehr so unter den Tisch gekehrt wie früher», sagt Monika Lersmacher von der IG Metall in Stuttgart .

Zwar sei es kein bestimmter Frauentyp, der davon betroffen sei. Auch könne keine einzelne Branche bezeichnet werden, in der sexuelle Übergriffe besonders oft vorkämen. «Aber es sind doch eher die leiseren Kolleginnen, bei denen die belästigenden Männer nicht unbedingt mit einer Gegenwehr rechnen und die daher leichtere Opfer sind», so Monika Lersmacher. Ein «Nein» von diesen Frauen werde eher seltener akzeptiert als von selbstbewussteren, extrovertierteren Kolleginnen.

IG Metall

Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe

Antidiskriminierungsstelle des Bundes

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