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Berliner Karl-Marx-Allee noch im Umbruch

Berlin (dpa) Auf dem «Kurfürstendamm des Ostens» in der Berliner Karl-Marx-Allee prallen die Gegensätze aufeinander: sanierte Häuser im Zuckerbäckerstil, leere Läden, gestylte Bars, Discounter, Architekturbüros, Geschäfte für Designermöbel und Hörakustik.

Berliner Karl-Marx-Allee noch im Umbruch

Die Türme am Frankfurter Tor sind ein markanter Punkt im Verlauf der Karl-Marx-Allee in Berlin.

Die einstige DDR-Vorzeigestraße nahe dem Alexanderplatz ist knapp 19 Jahre nach der Wende noch im Umbruch. Die frühere Stalinallee sei das längste Denkmal Europas, schwärmt Stadtführer Olaf Riebe. Aber nicht nur die Touristen kommen. Es sei auch hipp, sich hier niederzulassen. Gleichzeitig bezweifelt Riebe die Vision der Optimisten, dass in wenigen Jahren das Leben auf der 2,3 Kilometer langen Allee pulsiert wie am legendären Ku'damm im Westteil der Stadt.

Etliche der Mieter wohnen schon seit den 50er Jahren hier - «da zieht keiner aus, eher müsste man sie raustragen», sagt die Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, Steffi Pianca. Die Gesellschaft verwaltet knapp 1000 Wohnungen an der Allee, ein Quadratmeter koste bis zu 5,70 Euro kalt. Es sei bedauerlich, dass «die Gewerbeleute es hier so schwer haben». Viele könnten nicht mehr mithalten, die Laufkundschaft fehle. Auch die renommierte Karl-Marx-Buchhandlung habe schließen müssen. Jetzt sitze dort, wo die Schluss-Szene des Oscar-gekrönten Stasi-Dramas «Das Leben der Anderen» gedreht wurde, eine Filmproduktionsgesellschaft. «Die Karl-Marx-Allee hat aber Potenzial», meint Pianca. Gewerbetreibende entwickelten in einer AG gemeinsam Ideen zur Wiederbelebung.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde die 1889 angelegte Reichsstraße zerstört. Der Wiederaufbau im sowjetischen Sektor begann rasch. Allein bis Ende 1945 plagten sich Berliner Trümmerfrauen in mehr als zwei Millionen Arbeitsstunden, bargen Ziegel aus dem Schutt. 1951 startete die DDR ein «Nationales Aufbauprogramm» für die Allee, die zu 60 Prozent aus Trümmer-Steinen bestehen soll. Tausende schufteten in den 50er Jahren nach Feierabend für das Vorzeigeprojekt - Wohnungen mit warmem Wasser, Zentralheizung und Bad seien der Knüller gewesen, sagt Riebe. Im Hochhaus an der Weberwiese des Architekten Hermann Henselmann sei sogar eine «Gegensprechanlage» installiert worden. Später kamen preisgünstigere Plattenbauten hinzu.

Arbeiterpaläste sollten zunächst das Aushängeschild der sozialistischen Gesellschaft sein, beschreibt der Stadtführer das ehrgeizige Ziel der DDR-Führung. «Aber immer mit der Orientierung nach Moskau.» Am 21. Dezember 1949 wurde die Straße zu Stalins 70. Geburtstag mit großem Bahnhof nach dem Sowjetdiktator benannt. Die Straßen- und U-Bahnschilder mit seinem Namen verschwanden nach dem Ende des Personenkults um Stalin wenige Monate nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 ebenso wie sein riesiges Standbild. «Die Bewohner gingen in der Stalinallee schlafen und wachten in der Karl-Marx-Allee auf.»

Der 71-jährige Gerhard Heinrich erinnert sich auch an den 17. Juni 1953. Ausgerechnet von den Bauarbeitern in der Stalinallee gingen die Proteste gegen die Normerhöhungen aus, die in den Volksaufstand mündeten. Sowjetische Panzer walzten ihn nieder. Sein Berufsschul- Unterricht sei ausgefallen, sagt der damalige Mechaniker-Lehrling, der nun seit 55 Jahren in der Allee wohnt. Er habe die Demonstranten vorbeiziehen sehen. Seine Eltern hatten eine der heiß begehrten Wohnungen in der Allee ergattert - über eine Tombola. Ein Los habe man für 100 Aufbauschichten bekommen.

Beim Sprung in die Gegenwart hat der Rentner sein Ärgernis direkt vor Augen. «Ich begreife nicht, dass das "Kosmos" dichtgemacht hat.» In dem nach der Wende zum riesigen Multiplex-Kino ausgebauten Haus werden heute keine Filme mehr gezeigt, weil der Betreiber Konkurs anmelden musste. Jetzt finden «Frauen-Versteher-Partys» statt, wie Stadtführer Riebe die Disco-Abende ironisch betitelt. Das habe der Allee nicht gut getan, meint auch Anwohner Heinrich.

Harald Hess möchte dagegen keine kritischen Bemerkungen hören. Er kümmert sich für mehrere Eigentümer um privatisierte Häuser mit 1000 Wohnungen und rund 150 Gewerbeobjekten. «Ein neues Klientel nimmt die Straße in Besitz - Architekten, Designer, Tourismusmanager, Selbstständige,» sagt Hess. Die Mieter in «seinen» Häusern seien im Schnitt jünger als 35 Jahre und verdienten gut. Alle von ihm verwalteten Gewerbeobjekte seien vergeben. Der Wandel sei nicht immer zur Freude der Alt-Bewohner, weiß er zu berichten. «Die Mitte Berlins wird wieder zur Mitte», wischt Hess Zweifel vom Tisch.

www.ansichtssachen-berlin.de

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