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Berliner Volksbühne wird zum Politikum

Berlin (dpa) Kluger Schachzug oder Kapitulation? Der Berliner Senat geht auf die Besetzer der Volksbühne zu. Dieser Kurs ist umstritten.

Berliner Volksbühne wird zum Politikum

Noch scheint keine Lösung in Sicht. Foto: Paul Zinken

Chris Dercon (59) ist ein duldsamer Mensch. Sonst hätte er Berlin schon längst den Rücken gekehrt. Und keiner hätte es ihm verübeln können.

Monatelang wurde der neue Volksbühnen-Intendant - Nachfolger von Frank Castorf - in einer regelrechten Kampagne von Teilen der Berliner Kulturszene diffamiert. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) stellte den Belgier öffentlich in Frage.

Jetzt halten selbsternannte Polit- und Kunstaktivsten das Theater schon fast eine Woche besetzt - und die rot-rot-grüne Berliner Regierung fährt einen Kuschelkurs mit den illegalen Eindringlingen. Dercon und seinem Team läuft derweil die Zeit davon. Dringend benötigte Proben für die Eröffnung von Dercons erster Spielzeit im Stammhaus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg müssen ausfallen.

Bis 03.00 Uhr früh diskutiert Dercon mit den Besetzern, die sich in dem denkmalgeschützten Haus breitgemacht haben und ihre Unterstützer um Klopapier, Tische, Sessel und W-Lan bitten. Anschließend übernachtet der Intendant auf zwei zusammengeschobenen Clubsesseln im Theater.

Nun haben der für das Staatstheater verantwortliche Senator und Vize-Regierungschef Lederer sowie Dercon den Besetzern die Nutzung von zwei Nebenräumen der Bühne angeboten. Kluger Schachzug oder Kapitulation? Noch ist unklar, ob das Angebot angenommen wird.

Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, meint, die Besetzer müssten nun dringend von ihrer "Position der Arroganz, der Überheblichkeit, der Selbstgewissheit" runterkommen und das Angebot annehmen. "Man muss eines sehen: Alle Theater sind ja nicht nur Hüllenhäuser, sondern extrem zerbrechliche, sehr komplex arbeitende Mechanismen und Konstruktionen", so Khuon im RBB-Kulturradio. "Diese Arbeit ist extrem störanfällig."

Die ungebetenen Gäste scheinen inzwischen aus der Volksbühne genau das zu machen, was die Dercon-Kritiker verhindern wollen: Eine "Eventbude" der Beliebigkeit, einen Jahrmarkt für "Wir sind dagegen"-Propagandisten. Von Kinderschminken über improvisierte Theaterperformances bis zur "Einführung in die Marx'sche Kapitalismuskritik" reicht das tägliche Protest-Programm.

Auf Seiten von Lederer und dem Volksbühnen-Team gibt es offensichtlich gewisse Sympathien für die Besetzer, die eine Mischung aus Gentrifizierungsängsten und Kapitalismuskritik als ihr Anliegen vorbringen - und per Twitter dazu aufrufen, Putzsachen ins Theater zu bringen. Für "die Durchführung ihrer künstlerischen Angebote und zur Diskussion ihrer wichtigen stadtpolitischen Anliegen" könnten die Besetzer den Grünen Salon im Obergeschoss des Hauses sowie den Pavillon neben dem Theater nutzen, lautet das Angebot an die Aktivisten.

Man stelle sich vor, die Berliner Staatsoper würde besetzt, überlegte der "Tagesspiegel" öffentlich. Die These: Dann würde die Polizei wohl rasch zur Räumung anrücken. Im Falle der Volksbühne macht der Senat nach Einschätzung von Kritikern nun keine gute Figur. Hinter den Kulissen der seit knapp zehn Monaten regierenden Dreier-Koalition von SPD, Linke und Grünen, die ohnehin bei etlichen Themen nur schwer zusammenfindet und bereits viel Sympathie verspielt hat, dürfte es grummeln. Etliche bei SPD und Grünen halten es für falsch, dass sich der Senat von einigen Hausbesetzern quasi erpressen und in dieser Art vorführen lässt.

Offiziell heißt es aus dem Senat, Gespräche und ein deeskalierendes Vorgehen seien nun das Mittel der Wahl. Doch wie lange Rathaus-Chef Michael Müller (SPD) stillhält, ist offen. Er steht als Regierungs- wie auch als Berliner SPD-Chef unter Druck, fuhr doch seine Partei bei der Bundestagswahl gerade ihr historisch schlechtestes Ergebnis ein.

Die Linke mit ihrem Senator Lederer könnte dabei sein, sich in eine Sackgasse zu manövrieren. Je länger die Besetzung dauert, desto mehr dürfte das die Koalition belasten. Inzwischen erinnert der Fall an die Bestellung des stasibelasteten Bau-Staatssekretärs Andrej Holm im Dezember, der falsche Angaben zu seiner Tätigkeit bei der DDR-Staatssicherheit machte. Die Linke hielt wochenlang an ihm fest, ehe Regierungschef Müller der Kragen platzte. Er kündigte öffentlich an, Holm zu feuern, worauf der seinen Rücktritt einreichte.

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