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Besucher verärgert über "Les Miserables" in Bochum

Missmut wegen Musical

Wie elendig war „Les Misérables“? Wenn es nach der Meinung vieler Besucher des beliebten Musicals im Bochumer Ruhrcongress geht, dann ist diese Frage leicht zu beantworten. Sie hatten nicht mit einer Neuinterpretation gerechnet. Nun ist der Ärger groß.

BOCHUM/DORTMUND

, 20.01.2017
Besucher verärgert über "Les Miserables" in Bochum

Der Cast des Original-Musicals 'Les Miserables' bei einer Aufführung in Sydney.

„Es war wirklich furchtbar“, sagt Victoria Sichwart nach der Aufführung im Bochumer Ruhrcongress in dieser Woche.  „Die Leute haben teilweise nach 15 Minuten die Vorstellung verlassen“, so  Sichwart. Noch mehr seien in der Pause gegangen. So auch sie. „Das einzige, was wirklich gut war, war das Kölner Orchester.“ Aber das Bühnenbild enttäuschte sie und auch von der Geschichte sei nichts mehr übrig geblieben, „das was aufgetaucht ist, waren nur noch einzelne Fetzen.“

Andere bliebe sitzen, schauten weiter, einige ärgerten sich über die, die mitten in der Aufführungen gegangen waren. „Rund 200 Leute seien gegangen, räumt der Veranstalter ein. Bei 2000 verkauften Tickets. Doch den Ärger gibt es auch in anderen Städten. „Die Leute waren einfach sauer“, sagt Sichwart.

Facebook-Gruppe der Verärgerten

Viele der enttäuschten Besucher in Bochum haben sich in einer Facebook-Gruppe versammelt. „Forum für enttäuschte Besucher der sogenannten "Les Miserables" Tour“ heißt sie. Erst seit dem 17. Januar gegründet, hat sie Stand Freitagnachmittag 437 Mitglieder. Stetig kommen neue hinzu. Von „arglistiger Täuschung“ sprechen viele Mitglieder der Gruppe, posten Fotos von den Beschwerde-Mails, die sie an den Veranstalter oder ihren Ticket-Verkäufer geschickt haben und auch von ihren Eintrittskarten. Victoria Sichwart hatte sich eigentlich auf die Vorstellung gefreut. Zwei Karten hatte sie bei Eventim gekauft. 60 Euro pro Ticket + 10 Euro Kosten für Versand und Versicherung.

Wer hat die Verantwortung?

Wer trägt die Verantwortung – für eine Täuschung, für ein künstlerisches Missverständnis? Aufgeführt wird die Produktion von der Deutschen Musical Company GmbH mit Sitz in Köln. Hier arbeiten die Musiker und Darsteller, hier hat Esther Hilsberg die Musik geschrieben. Holger Potocki und Bianca Hein das Libretto. Ihre Namen stehen auch auf den Plakaten.

Die Kölner Musical-Company tritt in Köln im eigenen Haus auf. Man kann sie aber auch für Gastspiele buchen. In der heimischen Kammeroper Köln führen sie die Produktion unter dem Titel „Barricade“ auf. Auch Gastspiele wie in Witten (19.2.) oder Lünen (14.2.) werden unter diesem Namen angeboten.

„Aber erst seit April 2016“, sagt Ulrich Gerhartz: „Da haben die kalten Füße bekommenn“ Gerhartz selbst steht beim Ärger in Bochum im Mittelpunkt, er vertritt den Veranstalter Highlights Concerts. Die Agentur mit Sitz in Kiel hat die Produktion für eine Reihe von Auftritten in vielen großen Städten in ganz Deutschland gebucht. Auch für den Abend im Ruhrcongress in Bochum. Als Veranstalter ist er der Geschäftspartner der Kunden. Er ist verantwortlich.

Aus "Les Misérables“ wurde „Barricade"

Warum hat die Deutsche Musical-Company kalte Füße bekommen, wie der Veranstalter meint? Aus Angst vor Irritationen wie jetzt in Bochum und aus Angst vor Rechtsstreitigkeiten hätten die Kölner den Namen von „Les Misérables“ in „Barricade“ geändert. Die Deutsche Musical Company und ihre Geschäftsführerin Esther Schaarmann antworten auf eine Anfrage nicht. Vermarktungskataloge belegen aber, dass das Stück als „Les Misérables“ von den Kölnern angeboten wurde.

„Barricade“ sei bei der Vermarktung schwierig, findet Gerhartz: „Da kommen keine Leute. In Solingen kamen nur 250.“ Um mehr Publikum anzuziehen, blieb er bei der Vermarktung von „Les Misérables.“ „Ich muss klar machen, was ich habe – und nicht, was ich nicht habe. Ich habe Les Misérables eingekauft, aber nicht im Original, sondern in einer neuen Produktion.“

Also ein neues Stück, neue Musik und neue Texte. Und eben nicht die Musical-Produktion mit Musik von Claude-Michel Schönberg und dem Libretto von Alain Boubli, die von Millionen Zuschauern in diversen Städten als Lizenz-Produktion zu sehen war, wie in Berlin oder jahrelang in Duisburg. 

Das Buch ist alt

Zwei Musicals, aber ein Thema und ein Name: Warum das geht? Das berühmte Musical und die neue Produktion aus Köln basieren beide auf dem Buch „Die Elenden“ von Victor Hugo. Auf Französisch: Les Misérables. Und das Buch von 1862 ist Rechtefrei. Jeder kann den Namen also verwenden.

Dennoch kann es rechtlichen Ärger geben. Und das aus dem gleichen Grund, über den sich die vielen Besucher in Bochum so ärgern: Weil das neue Musical mit dem berühmten verwechselt werden könnte. Und klar: Nicht nur der Titel ist gleich, auch das Aussehen der Werbung mutet ähnlich an. Trikolore, Barrikaden, ein junges Gesicht. „Ein ganz andere Version“, findet dagegen Veranstalter Ulrich Gerhartz.

Ruhrcongress prüfte

Findet offenbar auch der Rechteinhaber des berühmten Musicals. Cameron Macintosh in London ist Rechteinhaber für die Musicalversion von Schönberg/Bourbil. Mit ihm hat Highlights Concerts einen Abgrenzungsvertrag geschlossen, der unserer Redaktion vorliegt. Das heißt: Auch der Rechteinhaber des berühmten Musicals sieht keine Verwechslungsgefahr mit der Kölner Neuproduktion und der Werbung dafür, sonst hätte er den Vertrag nicht geschlossen. 

Eben jenes Dokument überzeugte auch den Bochumer RuhrCongress. Die Veranstaltungshalle wird vom Veranstalter gemietet, um die von ihm gebuchte Musicalkompanie auftreten zu lassen. Auch der Ruhrcongress hatte zunächst Zweifel über die mögliche Verwechslungsgefahr. „Nicht ungewöhnlich, dass es Streitigkeiten gibt“, sagt Ruhrcongress-Geschäftsführer Andreas Kuchajda.

Viele Produktionen tingeln durch die Lande und bieten Shows mit berühmten Namen an, obwohl sie weder Namens- noch Aufführungsrechte besitzen. Das prüfe man grundsätzlich, so Andreas Kuchajda. „Wenn es keine Aufführungsrechte und Namensrechte, lehnen wir Produktionen ab.“ Nach einer ersten Beanstandung bei der Werbung für „Les Misérables“ habe der Veranstalter aber reagiert. Nach einer erneuten Prüfung und durch den Abgrenzungsvertrag hatte man keine Bedenken mehr.

Für viele der Musical-Fans waren aber die Hinweise auf den Karten und Plakaten nicht eindeutig genug. Für die Aufführung in Essen am kommenden Sonntag finden sich viele Tickets auf Ebay-Kleinanzeigen. Oft versehen mit dem Hinweis auf einen Krankheitsfall. Ein anderer Nutzer der Plattform hat eine Warnung gepostet: "Es handelt sich nicht um das Original-Musical, sondern um einen billigen Abklatsch", er rät: "Bitte informieren Sie sich, bevor Sie bei Kleinanzeigen oder anderswo Tickets kaufen."

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