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Brief an Alexandra

Ihr Leben, Ihre Karriere sind so abenteuerlich, so geheimnisvoll, viel zu kurz – Hermann Beckfeld schreibt in dieser Woche an die Sängerin Alexandra.

Brief an Alexandra

Die deutsche Schlagersängerin Alexandra Foto: picture alliance / dpa

Liebe Alexandra,

die Spuren sind verwischt, sie führen ins Nichts, ins Gestrüpp eines Waldes. Man muss suchen, um den zugewachsenen Gedenkstein zu finden. Die Aufschrift: Hier starb die Sängerin Alexandra am 31.7.1969. Sie war nur 27 Jahre.

Früher reichte ein einfaches Holzkreuz mit einer Tafel, mit Ihrem Bild. Es stand an der Kreuzung, auf der Sie und Ihre Mutter Valeska ums Leben kamen. Die Kreuzung in Tellingstedt gibt es nicht mehr, wurde durch eine Brücke ersetzt; es geschahen dort zu viele Unfälle.

Ihr Ziel ist Sylt. Sie sitzen am Steuer Ihres elfenbeinfarbenen Mercedes Coupé 220, Ihre Mutter auf dem Beifahrersitz. Hinten schläft Ihr Sohn Alexander, damals sechs Jahre alt. Es grenzt an ein Wunder, dass er nur leicht verletzt wird, dass er überlebt. Ich habe ein Bild von den beiden Unfallfahrzeugen gesehen. Der Lkw mit Anhänger ist arg verbeult, Ihre Limousine wurde bei dem Unfall total zerstört, zusammengequetschtes Blech, nur noch ein Haufen Schrott.

Was feststeht: Der Lkw-Fahrer hatte Vorfahrt. Ansonsten bleiben viele Fragen offen, die Sie nicht mehr beantworten können.

Fakten, Gerüchte, Verdächtigungen. Spuren, die verwirren, in die Irre führen oder auch nicht: Warum wird in der Nacht nach Ihrem Tod in der Tellingstedter Friedhofskapelle eingebrochen, in der Ihr Leichnam aufbewahrt wurde? Sind Sie nach den vielen Auftritten, nach den Querelen um einen neuen Plattenvertrag und mit so vielen privaten Sorgen zu erschöpft, um Auto zu fahren, vielleicht sogar lebensmüde? Was wurde kurz vor dem Unfall an Ihrem Auto repariert in der heruntergekommenen Werkstatt, deren Besitzer keine Betriebserlaubnis hatte? Was ist dran an der Verschwörungstheorie, die Bremsen Ihres Mercedes seien manipuliert worden? Warum setzt sich Ihr Verlobter Pierre LaFaire nach Portugal ab, verschwindet für immer?

Journalisten wollen recherchiert haben, dass er ein Doppelleben führte. Ein Bigamist, der in Dänemark verheiratet war und einen amerikanischen Geheimagentenring aufbauen wollte. Waren Sie wirklich die Frau, die einen Spion liebte?

Ihr Leben, Ihre Karriere sind so abenteuerlich, so geheimnisvoll, viel zu kurz. Sie sind zwei Jahre alt, als Ihre Familie 1944 vor der Roten Armee aus dem einstigen Memelland nach Sachsen und später nach Kiel flüchtet. Kurz vor dem Abitur brechen Sie die Schule ab, wollen mit 17 Modedesignerin werden. Mit Ihrer geschiedenen, sehr dominanten Mutter ziehen Sie nach Hamburg, besuchen die Meisterschule für Mode.

Ihre Ehe mit dem 30 Jahre älteren russischen Emigranten Nikolai Nefedov hält nicht lang. Er wandert in die USA aus, Sie und Ihr 1963 geborener Sohn Alexander bleiben zurück. In Anlehnung an seinen Namen nennen Sie sich als Künstlerin Alexandra.

Es ist kein leichtes Leben. Es fehlt an Geld, Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs als Sekretärin und Zimmermädchen durch, müssen um das Sorgerecht für Ihren Jungen kämpfen. Sie nehmen Gesangsunterricht, spielen Theater, singen in Bands. Ihre Stimme fällt schnell den Produzenten auf. Sie ist so ungewöhnlich, so dunkel und rauchig, klingt nach Melancholie, nach Schwermut, nach russischer Seele; es ist die Stimme der Sehnsucht. So heißt auch einer Ihrer ersten Hits, die so ganz anders sind als die Schlagerschnulzen, die wir kennen. Ich liebte „Zigeunerjunge“, vor allem aber auch „Mein Freund der Baum“, der wohl erste Öko-Song überhaupt, von Ihnen selbst geschrieben: Bald wächst ein Haus aus Glas und Steinen, dort wo man ihn hat abgeschlagen …

Sie waren eine Frau voller Lebenslust, die es nie lange mit einem Mann aushielt, die eigene Lieder singen wollte, die es hasste, mit Heintje und anderen Schlagerstars auf derselben Bühne zu stehen. Sie sahen sich als Chansonsängerin, mit Gilbert Becaud und Juliette Greco als Vorbildern. Mit Bubikopf und Rollkragenpullover wirken Sie ein bisschen wie die singende Simone de Beauvoir.

Liebe Alexandra,

irgendjemand hat mal geschrieben, die Reise nach Sylt sollte Ihr Start in ein neues Leben sein. Sie kamen nicht an. An der Kreuzung, die es nicht mehr gibt, verliert sich Ihre Spur.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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