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Beckfelds Briefe

Brief an Benny Andersson

Dortmund Benny Andersson ist eines der vier Mitglieder der legendären schwedischen Musikgruppe ABBA. Gerade ist ein neues Album „Piano“ erschienen. In seinem Brief an den Musiker beschreibt Hermann Beckfeld, warum ihn die Musik so rührt.

Brief an Benny Andersson

Benny Andersson war Teil der Gruppe ABBA. Foto: picture alliance / Christophe Ga

Lieber Benny Andersson,

ich träume. Von Viggsö, Ihrer kleinen Insel, die sich im Schären-Gewirr vor Stockholm so versteckt, dass selbst erfahrene Kapitäne Probleme haben, dieses kleine Paradies zu finden. Ich träume. Von Ihrer kleinen, schweden-roten Holzhütte auf dem Felsen; sie hat nur Platz für ein Schlafzimmer und einen Raum mit einem einfachen Tisch, zwei Stühlen, einem Keyboard, einer Gitarre. Ich träume davon, dass wir beide an diesem Tisch sitzen, durchs Fenster auf den blauen Himmel, aufs Wasser und auf die Welt schauen, die Sie von hier aus eroberten.

Auch nur ein Traum, ich weiß. Wir würden darüber reden, wie in diesem ungewöhnlichen Proberaum alles begann, wie alles endete und doch weiterging und immer weitergehen wird. Mit Abba, mit Ihren Hits, mit Ihrer Liebe, mit Ihrem einzigartigen Leben. Und ich verspreche schon jetzt: Ich werde Sie nicht fragen, warum es kein Comeback gibt.

Alte Hits wecken Erinnerungen an alte Zeiten

Ich schaue mir Bilder an. Bilder vom Strand auf Viggsö, an dem Sie sich vereint eine Decke teilen und Picknick machen, für Fotografen in die Kamera lächeln. Anni-Frid, Agnetha, Björn und Sie, zwei strahlende Ehepaare, die sich sichtlich gut verstehen. Ein Foto aus besten Zeiten, aus Abbamania-Zeiten, als die ganze Welt ausflippte und einem Quartett zujubelte, das mit Hits am Fließband die Charts stürmte und mit dem typischen Abba-Sound begeisterte. Hinzu kamen Mix und Arbeitsaufteilung: Zwei erotisch-schöne Frauen fingen auf der Bühne die Blicke ein, Euch Jungs blieb mit Gitarre und Keyboard der Platz daneben oder dahinter; Anni-Frid und Agnetha sangen die Lieder, die Björn und Sie in der Hütte akribisch erarbeitet hatten.

Ich höre Ihre Hits: „Waterloo“, mit dem Sie 1974 den Grand Prix Eurovision gewannen und den Durchbruch schafften. Ich denke bei „Honey, Honey“ an Sonntagabende und Abschiedsszenen auf dem Bahnhof, wenn ich wieder zum Bund musste. Lächle, ein wenig verträumt, bei „Dancing Queen“ über Disco-Zeiten und den schüchternen, einsamen jungen Mann, der auf die Tanzfläche schaute. Bei „Fernando“ hatten die Lichter im Partykeller der Eltern auszugehen, und „Gimme! Gimme! Gimme!“ grölten wir mit, aber kaum einer kannte den Text.

Das Aus für eine Legende

Ich höre aber auch „When All Is Said And Done“. Eine wunderschöne Ballade, die Geschichte über die zerbrochene Beziehung zwischen Frida und Ihnen, auch über das Ende von Abba: „Noch ein letztes Prosit auf unser Wohl, und dann werden wir die Rechnung bezahlen… Wir stehen beide an der Kreuzung, zögern noch dabei: Augenblick noch, keine Eile, das war’s für uns zwei.“

Das Aus für eine Legende. Der Song gehört zu Ihrem letzten Album „The Visitors“, das Cover zerstört alle Hoffnungen auf eine Abba-Zukunft. In einem düsteren Raum stehen Sie vier erstmals auseinander.

Neues Album „Piano“ als musikalische Memoiren

Ich schreibe Ihnen heute, weil mich Ihr Album „Piano“ rührt, das gerade erschienen ist. Sie spielen bekannte und weniger bekannte Lieder von Abba am Klavier, ohne Gesang. Es sind Ihre musikalischen Memoiren, Ihre, unsere leisen, ganz persönlichen Erinnerungen. Ich denke an den Jungen, der schon mit sechs Jahren Akkordeon spielte; der uns mit seiner Gruppe so tolle Melodien schenkte, ohne Noten lesen zu können; dem wir das Musical Mamma Mia und den Film verdanken, kitschig-schöne griechische Inselträume, mit einem Augenzwinkern vermarktet.

Wenn ich „Piano“ höre, sehe ich Sie vor mir: den 70-jährigen Opa, der mit seinen Enkeln zum Konzert von Justin Bieber geht, der am späten Abend in der Hotelbar am Klavier sitzt und Lieder spielt, dem egal ist, ob die wenigen Gäste an der Theke wissen, dass er einer von Abba ist; dass ihm das Hotel gehört.

Für das nächste Jahr habe ich mir vorgenommen, nach Stockholm zu reisen. Ich werde dem Abba-Walk folgen und das Museum besuchen. Vielleicht habe ich Glück, dass das rote Telefon klingelt und ich mit Frida, Agnetha, Björn oder Ihnen plaudern darf; als kleinen Gag rufen Sie vier manchmal an. Oder Sie spielen gerade in Ihrem Büro Klavier und haben das Museum zugeschaltet. Könnte ich mir einen Song wünschen, ich würde „Thank You For The Music“ wählen. Es wird immer mein Lieblingslied bleiben.

Lieber Benny Andersson,

ich werde nicht versuchen, Viggsö zu finden. Die Insel irgendwo zwischen den Schären gehört nur Ihnen, Abba, Ihren Liedern und zehn wunderbaren Jahren. Und ein bisschen auch meinen Träumen.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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