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Brief an Christian Steinmetz

Es ist das kleine große Glück, das Sie und Ihre Familie in Brauneberg verschenken... Diese Woche schreibt Hermann Beckfeld an Christian Steinmetz.

von Hermann Beckfeld

, 16.06.2018
Brief an Christian Steinmetz

Christian Steinmetz

Sehr geehrter Christian Steinmetz,

mir imponieren Menschen wie Sie, die ihre Visionen umsetzen, die für ihre Ziele knüppelhart arbeiten; die einen geraden Weg gehen, auch wenn sie dabei anecken.

Sie können stolz sein, nicht nur auf sich, sondern auch auf Ihre Frau Carmen und auf Lara und Niklas. Obwohl Ihre Kinder erst 16 und 11 Jahre alt sind, packen sie mit an. Ohne die Hilfe, ohne das Verständnis Ihrer Familie hätten Sie das alles nicht geschafft, sagen Sie.

Früher arbeiteten Sie, der Winzermeister, auf einigen größeren Weingütern an der Mittelmosel als Verwalter. Ich bewundere Ihren Mut, 1999 im Ortskern vom beschaulichen Brauneberg nahe Bernkastel-Kues ein traditionelles Winzeranwesen zu erwerben und zu renovieren. Sie zeigten mir Fotos von den alten Gemäuern, und ich konnte erahnen, dass es damals viel zu tun gab. Die Gebäude standen lange leer, waren verrottet. Eigentlich planten Sie nur eine Straußwirtschaft. Doch dann bauten Sie die historische Scheune zu Restaurant und Küche um, investierten in Weinkeller und Hotel, kauften Weinberge. Es muss ein tolles Gefühl gewesen sein, als Sie nur zwei Jahre später Ihre ersten Riesling Weine ernteten.

Zugegeben. Ich mag besonders Ihre wild-romantische Terrasse, mit den Pflanzen und Bäumen, mit den Holztischen und Korbstühlen zwischen der Naturstein-Wand vom Haupthaus und der Mauer zum Weg, mit dem Blick auf die Nussbaumallee, die Mosel und Ihre berühmte Weinlage „Brauneberger Juffer“ auf der anderen Flussseite.

Was für eine sagenhafte Geschichte: Nach der napoleonischen Besatzungszeit gehörte dem Kammerherrn Wunderlich ein Großteil des Weinberges. Seine drei Töchter folgten nicht seinem Wunsch zu heiraten, widmeten ihre Liebe stattdessen den besten Weinen des Gutes. Aus Verdruss nannten die Eltern die Hänge Juffer, nach der moselfränkischen Dialektbezeichnung für Jungfern. Kleine Anekdote nebenbei: Die Sonnenuhr in dieser Lage ist die einzige, die von Sommer- auf Winterzeit umgestellt werden kann.

Danke für den herrlichen, unbeschwerten Abend. Wir saßen nach dem Essen an einem runden Holztisch unter einem Pavillon, der Regen trommelte beruhigend aufs Dach, die Dunkelheit hatte längst Mosel und Weinberg verschluckt. Sie erzählten uns von Ihrem langen Arbeitstag als Winzer, Hotelier und Koch, der morgens um 7 Uhr beginnt und meistens erst um Mitternacht endet. Sie verrieten uns, dass Sie manchmal Urlauber aus anderen Hotels abweisen müssen, weil Sie sonst Ihren Stammkunden keinen Tisch auf der Terrasse geben können; das sorgt natürlich für Diskussionen. Sie ärgern sich, dass kaum noch gutes Personal zu bekommen ist; vieles müssen Sie selbst machen, da bleibt wenig Zeit fürs Familienleben. Sie schwärmten von dem Repertoire an Weinbergen in Toplagen, über die Ihr Betrieb verfügt. Namen, die Mosel-Urlauber, Weintrinker schätzen: Brauneberger Juffer, Zeltinger Sonnenuhr, Piesporter Goldtröpfchen, Graacher Domprobst. Ihre Passion sind Riesling Weine „sur lie“, zu Deutsch „auf der Hefe“. Die Weine werden bis zur Füllung auf der kompletten natürlichen Hefe belassen. „Dadurch erhalten wir ein Maximum an natürlicher Kohlensäure und das komplette Aromapotenzial der vergorenen Weine.“

Für uns machten Sie eine Ausnahme, holten eigentlich viel zu früh einen 2017er Riesling „Alter Reben“ aus dem Keller. Einen Wein, geerntet aus den Weinbergen „Graacher Himmelreich“, deren Rebstöcke mehr als 70 Jahre alt sind. Jede Rebe hat ihre eigene Geschichte, Beschaffenheit. Der Wein schmeckte, untypisch für einen Riesling, kein bisschen sauer, eher mineralig-trocken, mit einer Aromavielfalt, die mich überraschte.

Lieber Christian Steinmetz,

entschleunigen, durchatmen, genießen: Ich beobachtete ein älteres Pärchen, das zwei, drei Tische weiter an der Terrassenmauer saß. Sie unterhielten sich leise. Irgendwann gingen die beiden zu ihrem Hotelzimmer, nahmen die halbvolle Flasche Wein und zwei Gläser mit. Die beiden sahen sehr zufrieden, ausgeglichen aus. Es ist das kleine große Glück, das Sie und Ihre Familie in Brauneberg verschenken.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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