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Beckfelds Briefe

Brief an Detlef Kötter

DORTMUND Wie geht es weiter im Ruhestand? Chefredakteur Hermann Beckfeld trifft sich mit Detlef Kötter, fast zwei Jahre nachdem dieser in Rente gegangen ist. Mehr als 40 Jahre hat Kötter bei den Ruhr Nachrichten gearbeitet. Ein Rückblick auf Verdienst und Ausblick auf ein Wiedersehen.

Brief an Detlef Kötter

Das ist Detlef Kötter

Lieber Detlef,

monatelang bist Du abgetaucht, hast nichts von Dir hören lassen, uns nicht im Pressehaus besucht. Umso mehr habe ich mich am letzten Wochenende über Deine Mail gefreut, besonders über Deinen Vorschlag, uns auf einen Kaffee zu treffen. Doch irgendwie hat mich die Mail auch beschämt. Warum habe ich in der ganzen Zeit nicht einmal angerufen? Habe nicht nachgefragt, wie es Dir im vorgezogenen Ruhestand geht?

Mehr als vier Jahrzehnte hast Du für unseren Verlag gearbeitet. Erst als Metteur, der in Bleisatz-Zeiten gesetzte Artikel und Überschriften zu einem Seitenlayout zusammenfügte. Später wurdest Du Leiter dieser Abteilung. Als der Computer Eure Aufgaben übernahm, warst Du als Chef der neuen Einheit Digitaler Service unter anderem für die tägliche Planung des Umfangs und der Seitenreihenfolge unserer Ausgaben verantwortlich; Dein Bereich war die wichtige Schaltstelle zwischen Anzeigenabteilung, Redaktion und Druckerei. Du hast Dich hochgearbeitet, ohne Abitur, ohne Studium; mit Fleiß, mit Leidenschaft für Deinen Beruf und unser Unternehmen. All die Jahre warst Du die Zuverlässigkeit in Person; gewissenhaft, unermüdlich, immer da, wenn wir Dich brauchten. Vieles andere kam zu kurz, weil die Arbeit Dein Leben bestimmte.

Gespannt auf das Treffen

Im Januar 2016 hat für Dich ein neues, ein anderes Leben begonnen; auf eigenen Wunsch hast Du zwei Jahre früher aufgehört zu arbeiten, bist nun Rentner. Ich bin gespannt, was Du mir bei unserem Treffen erzählen wirst. Von diesem Schritt, den jeder von uns gehen muss. Vom neuen Leben, ohne Verantwortung für den Betrieb, für die Mitarbeiter, ohne das Gefühl, in der Firma gebraucht zu werden. Wie lebt sich diese neue Freiheit, ohne tägliche Termine, Herausforderungen und Entscheidungen, ohne Überstunden, Leistungsdruck und Erfolgserlebnisse?

37 Jahre ist es her, da lernte ich Dich kennen. Als Volontär, als Auszubildender, musste ich abends in die Mettage zum Seitenumbruch. Schnell hatte ich heraus, dass hier Männer arbeiteten, die richtig malochen konnten, die sich noch die Hände schmutzig machten. Alte Hasen, die ihr Geschäft verstanden und mich nicht brauchten. Schlitzohren, die für einen Kasten Bier meine Arbeit mitmachten. Ihr ward nicht nur Kollegen und ein Team, das zusammenhielt; Ihr ward Kumpels, die nach der Spätschicht nachts um die Häuser zogen.

Freundschaft und Zusammenhalt

Ich bin sicher: All dies hat Dich geformt, aber auch Deine Kindheit. Oft hast Du geschwärmt von früher, von Freundschaften, vom Zusammenhalt. Du warst der Junge aus der Kolonie, der auf der Straße groß wurde, der Träume hatte. Von der eigenen Gitarre, von Bühnenauftritten nicht nur in der Vorort-Kneipe, vielleicht von einer Karriere als Musiker und eigenen Schallplatten.

Neue Zeiten, immer schnellere, ja auch oberflächlichere Zeiten. Wertvolles blieb auf der Strecke, aber nicht alles. Zeit für einen Plausch, für ein vertrauliches Gespräch, für einen Ratschlag hattest Du immer. Und mir hat imponiert, dass Du Dich – egal, wer einen Fehler gemacht hat – vor Deine Leute gestellt und frühzeitig angefangen hast, Verantwortung abzugeben. Du hast gelernt, ja uns auch vorgelebt, loszulassen.

Am letzten Arbeitstag hast Du Deinem Nachfolger einen Winkelhaken geschenkt. Es war Dein erstes Werkzeug, mit dem Du Bleisatz-Lettern zusammengesetzt hast. Erst deutete ich es nur als Symbol für die Staffelübergabe. Später wurde mir bewusst, Du wolltest den Abschied greifbar, fühlbar machen. Und damit auch endgültig.

Lieber Detlef,

Goethe hat gesagt, Altwerden heißt, mit neuen Geschäften zu beginnen. Oder mit alten Träumen. Ich wünsche Dir ganz viel Zeit für Deine alten Träume.

Mit freundlichen Grüßen

Hermann

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