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Brief an Finja

Deine Eltern werden Dir immer beistehen, Du wirst ihnen immer vertrauen dürfen, egal was passiert - Hermann Beckfeld schreibt an seine bislang jüngste Adressatin.

Brief an Finja

Liebe Finja,

Du bist die Jüngste, der ich je geschrieben habe, und glaub mir, ich habe schon viele Briefe geschrieben. Am 25. Januar, also vor fünf Wochen, wurdest Du geboren, kerngesund, 53 Zentimeter groß, 3870 Gramm schwer; so schön, dass man Dich einfach nur in den Arm nehmen und knuddeln möchte.

Ein Wunschkind

Du bist ein Wunschkind, das allergrößte Glück Deiner Mutter und Deines Vaters, die seit Jahren sehnsüchtig davon geträumt haben, endlich Eltern zu werden; die alles für ein eigenes Kind getan und fast schon die Hoffnung auf eigenen Nachwuchs aufgegeben hatten. Die Vorfreude auf Dich, auf Deine Geburt war ansteckend. Selbst der ehemalige Freund Deiner Mutter freute sich so sehr, dass er es sich nicht nehmen ließ und mithalf, Dein Zimmer einzurichten.

Deine Mama und Dein Papa haben eine wunderbare Karte verschickt, um sich für die Hilfe, für Glückwünsche und Geschenke zu bedanken. Ich gestehe es ein, auch wenn es noch so sentimental klingt: Die Fotos auf der Karte haben mich sehr berührt, ja, sie haben mich erinnert an tolle Zeiten, die nie wiederkommen werden, an die Geburt meiner Töchter Lisa und Lena, an die Glücksgefühle im Kreißsaal als junger stolzer Familienvater; an den Tag, an dem ich meine Frau und mein Kind mit nach Hause nehmen durfte.

Wohlig geborgen

Ein Foto zeigt Dich schlafend, wohlig geborgen; Dein erstes Schmusetier, eine Eule mit geschlossenen Augen, schlummert neben Dir. Auf einem zweiten Foto legt Deine Mutter ihre Hand schützend auf Deinen Kopf, auf dem dritten liegst Du zwischen Deinen Eltern. Sie halten Deine Hände fest. Es sind Bilder, die alles sagen: Du, liebe Finja, bist unser größter Schatz. Wir werden Dir immer beistehen, wir würden alles, auch unser Leben, für Dich geben; Du wirst uns immer vertrauen dürfen, egal was passiert.

Auf der Rückseite der Karte steht: „Wer sagt, Reichtum ist alles, hat noch nie ein Kind lächeln gesehen.“

Schmerzen und Sorgen

Deine Eltern werden Dich erleben, wenn Du weinst, wenn Du Schmerzen und Sorgen hast, und Sie werden auch dann an Deiner Seite stehen.

Eine Woche lang habt Ihr drei gemeinsam in einem kleinen Zimmer im Krankenhaus gelebt. Papa und Mama hatten zuvor genau geplant, tausend Mal durchgesprochen, wie Sie Dich füttern werden, die Pampers wechseln, Dich in den Schlaf singen. Das neue, unfassbare Glück veränderte alle Pläne, wird ihr Leben verändern. „Wir haben es in der ganzen Woche nicht einmal geschafft, unseren Kaffee warm zu trinken. Immer gab es Wichtigeres mit Finja zu tun“, erzählt Deine Mutter. Fernsehgucken, sich unterhalten? Von wegen. Du, die in Deinem Bettchen lagst und schliefst, jede noch so kleine Bewegung, jedes Geräusch waren ihr Programm; ein herrliches, spannendes Programm.

Eltern müssen loslassen

Es werden Zeiten kommen, da werden Deine Eltern loslassen müssen, da wirst Du Deine eigenen Wege gehen. In eine Welt, die sich viel zu schnell verändert; in eine Zukunft, die keiner vorhersagen kann. Musst Du überhaupt noch Deinen Führerschein machen, weil die Autos von allein fahren? Nehmen Dir Roboter mit künstlicher Superintelligenz den Arbeitsplatz weg? Wie, wo und in wen wirst Du Dich verlieben, wenn Deine Generation nur noch in der digitalen, unpersönlichen und oberflächlichen Wirklichkeit leben wird; wenn es keine Kneipen und Kaufhäuser mehr gibt. Liefert Amazon prime dann den richtigen Partner auf Bestellung?

Liebe Finja,

und doch ist die Welt wunderbar, und Du bist ein wunderbarer Teil dieser Welt. Irgendwann wird jemand Dir meinen Brief vorlesen, irgendwann wirst Du selbst lesen und schreiben können. Vielleicht bekomme ich dann einen Brief von Dir. Ich verspreche Dir: Ich werde den Brief voller Stolz und ein bisschen auch mit Wehmut mit der Karte Deiner Eltern aufbewahren.

Ganz liebe Grüße

Hermann Beckfeld

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