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Brief an Toddy Geldmann

Ihre Familiensaga wäre der perfekte, aufregende Stoff für einen Roman...

von Hermann Beckfeld

, 04.07.2018
Brief an Toddy Geldmann

Lieber Toddy Geldmann,

die Geschichte, Ihre Geschichte, beginnt mit Maria und Josef in Haltern an der Bahnhofstraße. Sie führt zum Halterner Stausee und erzählt von einer Familie, die alles besaß und alles verlor; von Ihrem Opa Jupp und seiner kleinen Holzhütte, von Ihnen und Ihrer Waldgaststätte. Und ich bin ganz sicher, die Geschichte wird nicht enden, weil der beste Autor der Welt, nämlich das Leben, sie weiterschreiben wird.

Die Familiensaga der Geldmanns wäre der perfekte Stoff für einen Roman und der Ort für die erste Buchlesung schnell gefunden; natürlich im Schatten der Buchen, im Biergarten von Jupp unner de Böcken. So heißt das Ausflugslokal zwischen Hullerner Straße und Stausee immer noch.

Dort würden Sie und Ihre Schwester Martina sitzen und Anekdoten vorlesen, mit einem selbstgebrauten Jupp-Bier aus der pechschwarzen Flasche, mit fast zu vielen Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten.

Ihre Urgroßeltern Josef und Maria waren betucht, waren großherzig. Sie stifteten der Gemeinde das Gelände für den Bau des Krankenhauses, stellten für Bedürftige Essen und Getränke auf die Fensterbänke ihres Lokals an der Bahnhofstraße; es war übrigens die erste Gaststätte hierzulande mit elektrischem Licht, Wasserklo und Cinematographen, also einem Filmvorführgerät.

Auf seiner Hochzeitsreise besuchte das Paar den Papst, schenkte ihm 10.000 Goldtaler. Dafür soll der heilige Mann die Familie bis in die siebte Generation von allen Sünden freigesprochen haben … wer’s glaubt, wird selig oder hat zu viel Böcken-Bräu getrunken.

Verbrieft ist: Das Ehepaar wurde betrogen, verlor sein gesamtes Vermögen. Zum Schluss reichte es nur zu einem Armenbegräbnis. Um neun ihrer zehn Kinder brauchten sich Maria und Josef nicht zu sorgen. Diese hatten eine höhere Schule oder ein Internat besucht und sich eine eigene Existenz aufgebaut. Nur Jupp, eher bauernschlau als gebildet, musste alleine sehen, wie er zurechtkam. Er verkaufte auf dem Campingplatz auf der anderen Seeseite Süßigkeiten, bis er sich im Sommer 1948 spontan entschloss, klammheimlich in der Nacht mit Freunden eine Holzbude, eine Art Kiosk, zusammenzuzimmern.

Sein Angebot war bescheiden. Es gab Bier für Männer und Nappo-Blöcke für Kinder. Trotzdem liefen die Geschäfte gut. Seine besten Kunden waren die nach Feierabend durstigen Arbeiter aus der nahen Sandgrube, was sich schnell herumsprach. Fortan standen deren Ehefrauen am Firmentor und nahmen ihren Kerlen einen Großteil des Lohns ab.

Die Gemeinde wollte die Hütte abreißen, Jupp, der urige Typ mit Trachtenhut und Lederhose, hatte weder eine Schankerlaubnis noch gehörte ihm der Grund und Boden in diesem idyllischen Naturerholungsgebiet. Als der Bagger anrollte, verschanzte er sich in seiner Bude. „Wenn ihr mir meinen Kiosk wegnehmt, ist eh alles egal.“

Im Laufe des Jahres sollte der unerschrockene Jupp unner de Böcken noch so manchen Angriff mit Erfolg abwehren. Nicht nur das. Er und nach seinem viel zu frühen Tod mit 62 Jahren auch sein Sohn Friedhelm, eigentlich Feuerwehrmann, expandierten. Zur Bude kamen Grill, Toilettenhäuschen, ein kleiner Freizeitpark mit Kinderkarussell, Eisenbahn, Streichelzoo und Spielplatz – auf einem nun 4000 Quadratmeter großen Gelände in Erbpacht.

Auch Friedhelm starb viel zu früh. Und Sie, Toddy Geldmann, zögerten keinen Moment, gaben Ihren Beruf als Raumausstattermeister auf. Es war Ihnen ein Anliegen, mit Schwester Martina den Familienbetrieb weiterzuführen. Opa Jupp wäre stolz auf Sie. Mit Ihrer Kreativität und Geschäftstüchtigkeit stehen Sie ihm in nichts nach. 120.000 Bienen summen unter dem Hüttendach, liefern Honig, die Gäste schaukeln in Gondeln aus dem Skigebiet im Bregenzer Wald zwischen den Bäumen.

Im Winter trinken die Besucher Glühwein und Grog in übergroßen beheizten Weinfässern, den Schnee ordern Sie bei einer Grevener Firma. Das mit Medaillen ausgezeichnete Craft-Bier, sechs Sorten von Seemöve bis Seedrache, brauen Sie in den Räumen Ihrer ehemaligen Raumausstatter-Firma, die Hopfenpflanzen gedeihen im heimischen Garten.

Beim Public Viewing zur WM bleibt auf den Holzbänken kein Platz frei, darüber schwebt die mehr als 30 Meter lange Deutschlandfahne.

Lieber Toddy Geldmann,

Kompliment: Trotz aller Fortschritte, trotz aller Investitionen, trotz mittlerweile 42 Mitarbeitern lebt Jupp unner de Böcken weiter, als wären keine 70 Jahre seit seinem illegalen Budenbau vergangen; mitten in der Natur zwischen den stattlichen Buchen, an Holztischen und -theken, einfach nur gemütlich, ungezwungen, geerdet. An der Kasse sitzt Ihre Mutter Mechthild, und der Chef heißt wieder Jupp. Sie haben ihn als zusätzlichen Vornamen eintragen lassen. Die Geschichte, Ihre Geschichte geht weiter.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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