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Calixto Bieito inszeniert Verdis „Requiem“

Hamburg. Calixto Bieito inszeniert Verdis Totenmesse an der Staatsoper Hamburg und rückt dabei die Trauer der Hinterbliebenen in den Fokus. Vieles bleibt rätselhaft, wie ja auch der Tod für den Menschen nicht zu fassen ist.

Dem spanischen Regisseur Calixto Bieito eilt ein Ruf als Provokateur voraus. Skandalgeschichten ranken sich um sein von Tabubrüchen, Sex- und Gewaltorgien geprägtes Oeuvre. An der Staatsoper Hamburg inszenierte er vor zwei Jahren Giuseppe Verdis „Otello“ vergleichsweise handzahm, nun hat ihm das Haus die Regie für ein besonderes Vorhaben anvertraut: Bieito hat die „Messa da Requiem“ von Verdi auf die Bühne gebracht.

Das „Requiem“ ist zwar eine Totenmesse und vom Komponisten für eine konzertante Aufführung geschrieben worden. Seine farbige, melodiöse Musiksprache hat ihm jedoch schon bald nach der Uraufführung den Zusatz „Verdis schönste Oper“ eingebracht. Das Spätwerk verleugnet nicht die stilistische Nähe zu den Bühnenwerken, stellt aber seine Expressivität zugleich in den Dienst einer religiösen Aussage. Der Komponist wirft einen schonungslosen Blick auf den Tod. Im „Dies irae“ schildert er die Schrecken des Jüngsten Gerichts mit Trompeten, Posaunen und vollem Schlagzeug, der Hoffnung auf Auferstehung gibt er weniger Raum. 

Die Kompromisslosigkeit dieser Auseinandersetzung mit letzten Fragen setzt auch den Rahmen für eine Inszenierung. Es wäre verfehlt, das „Requiem“ durch allzu naturalistische Bilder zu trivialisieren oder es ironisch zu brechen. Bieito erweist der Musik allen Respekt, indem er darauf verzichtet, ihr eine konkrete Geschichte aufzupfropfen. Nur lose verflicht er seine Assoziationen mit den sieben Teilen der Messe. Vieles bleibt rätselhaft, wie ja auch der Tod für den Menschen nicht zu fassen ist.

In den Mittelpunkt rückt Bieito die Gesangssolisten als die Zurückbleibenden. Abwehr, Fassungslosigkeit und Verzweiflung, Zorn und Ergebenheit, alle diese Stadien der Trauer spiegelt Bieito in der Musik, und die Sänger, allen voran die Sopranistin Maria Bengtsson, spielen und singen mit vollem Einsatz. Manche Details wie Dauerzittern der Sopranistin wirken banal. Doch gelingen immer wieder erschütternde Bilder, etwa für die Entfremdung zwischen Eltern, die ein Kind verloren haben.

Stark auch die Interaktion mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper. Die Regie liefert die Sänger als Individuen mit ihren Gefühlen der Macht der Masse förmlich aus, ein Eindruck, den die kontrastreiche Lichtregie von Franck Evin noch unterstützt.

Zu Beginn steht der Chor ähnlich wie in der griechischen Tragödie im Hintergrund und flüstert sein „Requiem“ durch die Holzkonstruktion, die Susanne Gschwender auf die Bühne gebaut hat. Die Bühnenbildnerin nimmt damit in stilisierter Form die Kolumbarien auf, in denen man in Südeuropa Urnen beisetzt. Diese Gebilde verändern mehrfach ihre Position, mitunter klettern die Toten heraus wie auf einem Bild von Hieronymus Bosch; mehr an Bühnenbild gibt es nicht. Gerade in dieser Reduktion liegt die Stärke der Produktion.

Maria Bengtsson führt die Riege der Solisten mit ihrem innig-lyrischen Sopran und ebenso eindringlicher wie stilsicherer Gestaltung an. Dagegen klingt das Vibrato der Mezzosopranistin Nadeshda Karyazina eher unfrei, gelegentlich verfehlt sie die Tonhöhe oder ist dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg voraus. Hier müsste der Dirigent Kevin John Edusei entschiedener führen.

Das Publikum nahm die Premiere insgesamt freundlich auf, nur ein paar Buhrufe mischten sich in den Beifall. Für Bieitos Verhältnisse ein erstaunlich einmütiges Echo.

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