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Aus Einsamkeit zur Diebin geworden

CASTROP-RAUXEL Es war eine beklemmende Situation im Gerichtssaal. Die Angeklagte weinte, die übrigen Anwesenden waren bemüht, sich ihre Rührung nicht anmerken zu lassen. Paprika, Brokkoli und Nudeln hatte die 43-Jährige gestohlen. War im letzten Herbst mehrfach im Supermarkt dabei erwischt worden, Lebensmittel an der Kasse vorbei zu schleusen.

von Von Gabriele Regener

, 12.08.2008
Aus Einsamkeit zur Diebin geworden

Der Grund war nicht Hunger, der ihren Magen knurren ließ, sondern das unbändige Verlangen nach Zuwendung, nach einem Gespräch. Und wenn es mit dem Ladeninhaber war, der die Diebin der Polizei überstellte.

„Ich habe mich in dem Geschäft immer so wohl gefühlt“, versuchte die arbeitslose Frau eine Erklärung und beteuerte immer wieder, wie sehr sie sich schäme. Ein seelisches Tief habe sie in die Situation gebracht. Kummer - und niemand zum Reden. Einsamkeit, die krank macht. Die zu Straftaten verleitet in dem hilflosen Bemühen um Aufmerksamkeit. So schilderte auch der sachverständige Mediziner den Gemütszustand der Frau, der er verminderte Schuldfähigkeit attestierte. Er sprach von einer emotionalen Persönlichkeitsstörung, die in der Biografie begründet sei. Durch materielle Dinge versuche die Angeklagte, ihr geringes Selbstwertgefühl aufzuwerten. Bewusste Isolation löse sich mit starker Zuwendung ab, was dann häufig in Enttäuschung und Frustration ende. Das hätte so weit geführt, dass selbst negative Beachtung – die Entlarvung als Diebin – willkommener war als die Einsamkeit.

„Keiner sagt, komm doch mal zum Quatschen“, schilderte die 43-Jährige ihre Lage, „dabei will ich doch nur Freunde und ein bisschen Liebe.“ Sagt dann aber selbst, dass sie nur schlecht Zugang zu anderen Menschen finde. Dabei soll sie von einer Bewährungshelferin unterstützt werden. Das machte der Richter zur Auflage in seinem milden Urteil.

Denn obwohl die Frau Bewährungsversagerin ist – so der Amtsjargon – und trotz einer zur Bewährung ausgesetzten Haftstrafe wieder straffällig wurde, hat er die sechsmonatige Freiheitsstrafe wegen erheblich verminderter Schuldfähigkeit wieder zur Bewährung ausgesetzt. Mit Hilfe der Bewährungshelferin und eines Psychologen will die Frau versuchen, besser auf Leute zugehen zu können. Einen Anfang hat sie schon gemacht. Sie entschuldigte sich im Gericht beim Leiter des Supermarktes für ihr Verhalten.

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