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Johanneskirche auf Schwerin vor ungewisser Zukunft

Markanter 30-Meter-Kirchturm ist marode

Er ist etwas über 30 Meter hoch, hat das Baujahr 1960. Ein Bauwerk, das auf Schwerin jeder kennt. Jetzt steht die Kirchengemeinde vor der Frage: Muss sie den Kirchturm der Johanneskirche abreißen? Das schmale Türmchen ist marode. Ein Baufehler von einst. Doch das Presbyterium tüftelt an einem Rettungsplan.

Schwerin

, 18.03.2018
Johanneskirche auf Schwerin vor ungewisser Zukunft

Die Evangelische Kirchengemeinde Schwerin-Frohlinde hat ihren Hauptsitz an der Straße Am Weißdorn auf Schwerin. Kirche, Pfarrhaus und Dietrich-Bonhoeffer-Haus mit dem markanten, 30 Meter hohen Kirchturm in der Mitte. Der allerdings ist marode. Er muss saniert werden - oder fallen. © Tobias Weckenbrock

Bei einer Versammlung am Sonntag nach dem Gottesdienst im Dietrich-Bonhoeffer-Haus direkt gegenüber kamen Gemeindeglieder zusammen, weil das Presbyterium zu einem Infogespräch eingeladen hatte. Was dort besprochen wurde und was die Hintergründe sind: Fragen und Antworten. 

Seit wann ist der Kirchturm marode?

1960 wurde das etwas mehr als 30 Meter hohe Bauwerk errichtet - freistehend, also neben der Kirche. Das ist zwar besonders, aber hat noch nicht dazu geführt, dass es unter Denkmalschutz steht. Im Herbst 2017 fielen, so wurde jetzt erst richtig bekannt, Betonteile vom Turm herab. Eines habe eine Größe in etwa einer Faust gehabt. Daraufhin ließ die Kirchengemeinde einen Maurermeister aus der Gemeinde mit einem Hubsteiger nach den Ursachen forschen. Der flickte einige Dinge provisorisch, löste einige weitere halb lose Teile ab und stellte dabei fest, dass man zum Bau 1960 Sichtbeton genutzt hat, das nun sanierungsbedürftig ist. 

Was ist das Problem mit Sichtbeton?

Der Baukirchmeister Udo Wieser, der im Presbyterium der Gemeinde für die Liegenschaften zuständig ist, erklärt das so: "Man wusste damals nicht, dass Wasser in diese Art Beton eindringen kann." Außerdem stellte man bei der Begutachtung fest, dass man die Moniereisen, also die Gitter, die im Beton verarbeitet werden, zu dicht an die Oberfläche gebaut habe. Vorgeschrieben seien 30 Millimeter, es seien zum Teil aber nur 10 Millimeter. "Das Eisen rostet nun und sprengt den Beton ab", so Wieser.

Ist das schon alles? 

Nein. Auch die sogenannten Schallöffnungen, die oben rund um den Glockenstuhl wie Fensteröffnungen aussehen, aber dennoch von innen mit Holz verkleidet sind, sind ebenfalls ein Sanierungsfall. Aber nur auf der Westseite des Turms: Auf der in den Wind gerichteten Seite richtet die Witterung mehr Schaden an. Konkret seien die Vertikal-Leisten, die im Kern aus Holz bestehen und mit Eternit ummantelt sind, ebenfalls marode. Das Eternit enthalte Asbest, die Hölzer seien ebenfalls vom Wasser angegriffen. Zudem sind wohl die Verankerungen im Turm selbst zum Teil lose, weil auch hier Beton weggebrochen ist. "Das Holz muss ersetzt werden", sagt Ulrich Wieser. 

Was macht das nun in Summe?

Die Standfestigkeit des Turms an sich sei nicht gefährdet, heißt es, aber insgesamt würde eine Sanierung laut einem Gutachten des Architekturbüros Harder rund 155.800 Euro kosten. Die Architekten haben eine dicke Mappe erstellt, in der der Schaden dokumentiert und die Maßnahmen aufgeführt sind. Die Kosten lagen in einem ersten Entwurf sogar noch höher, so Ulrich Wieser. 

2012 ist doch noch der Glockenstuhl erneuert worden. Warum hat man das damals nicht gleich mitgemacht?

Das hätte die Gemeinde gern, denn damals schon mussten die Glocken durch die Schallöffnung herausbefördert werden, damit man Winkeleisen der Aufhängung auswechseln konnte. Allerdings an der anderen Seite: "Damals haben wir keine Schäden festgestellt, weil wir von der Ostseite kamen", sagt Ulrich Wieser. "Vermutlich hätten wir sonst damals schon reagiert." 

Kann die Kirchengemeinde das bezahlen?

Nein, definitiv nicht aus eigener Kraft. Man habe Rücklagen, in etwa 30.000 Euro, aber der Haushalt sei Jahr für Jahr gerade so ausgeglichen - unter größten Anstrengungen. 

Und nun? 

Helfen könnte ein Finanzierungskonzept, das auf mehreren Säulen ruht: Vom Kirchenkreis kann man einen Anteil einplanen. Aber nach einem Gespräch vor fast drei Wochen im Kreiskirchenamt mit dem Verwaltungsleiter Burkhard Feige ist klar, dass das maximal die Hälfte des Betrags sein kann - also höchstens 80.000 Euro. Meist bekommt eine Gemeinde sogar "nur" die Hälfte der Kosten, die für die kleinste Sanierungslösung fällig werden. Da gibt es unterschiedliche Modelle - ein Abriss des Turms und ein Neubau eines kleineren ist eines davon. Das würde aber auch einen sechsstelligen Betrag kosten. 

Wie sieht ein Berechnungsmodell der Gemeindeleitung aus?

Es geht von einem Eigenfinanzierungsbedarf von 60.000 bis 80.000 Euro aus. Mit den eigenen Rücklagen kann man das also nicht stemmen. Eine mögliche Lösung: "Wir wollen Spenden sammeln." Der Kirchenkreis warnt davor, dass sich die Gemeinde übernimmt. Das sagt Pfarrerin Anke Klapprodt, die wie das Presbyterium der 2700 Mitglieder großen Gemeinde den Turm nicht verlieren will. Es sei ein Wahrzeichen, ein Merkmal im Ortsteil auf dem Berg. "Und er ist ein Zeichen dafür, wie lebendig die Gemeinde ist", meint die Pfarrerin. "Nehmen wir von unserer Präsenz im Ortsteil etwas zurück, während andere Gemeinden, zum Beispiel die Moschee, gerade ausgebaut wird? Nichts gegen die anderen Gemeinden - aber das wäre kein gutes Zeichen", sagt Klapprodt. Ihr Auftrag als Pfarrerin sei "nicht Gemeindeabriss, sondern Gemeindeaufbau", sagt sie. "Wir stehen an der finanziellen Grenze und brauchen ein Gesamtkonzept.

Johanneskirche auf Schwerin vor ungewisser Zukunft

Das Presbyterium der Kirchengemeinde auf Schwerin will um den Kirchturm kämpfen. © Tobias Weckenbrock

Wie kann eine Spendensammlung aussehen? 

Daran wird noch getüftelt. Bei der Sammlung für den neuen Glockenstuhl, der die eine Tonne schwere Johannesglocke und die vier kleineren "Schwestern" Wahrheit, Gnade, Leben und Licht trägt, kamen in eineinhalb Jahren 14.000 Euro zusammen. Bis zur Presbyteriums-Sitzung im April, zu der auch der Verwaltungsleiter Burkhard Feige vom Kirchenkreis kommen soll, will man dann schon weiter sein. In dieser Woche saß man schon zur Ideensammlung zusammen. Gründung eines Fördervereins, Fundraising- und Crowdfunding-Kampagnen unter dem Stichwort "Heimat" und "Heimatgefühl" waren Begriffe, die dabei fielen. Vernetzung mit Bürgerverein und anderen Playern vor Ort, Flugblätter, die Emotionen wecken, eine direkte Ansprache an Gewerbetreibende, an potente Bürger - das sind weitere Mittel zum Zweck.

Muss man nun eigentlich Angst vor herabfallenden Bauteilen haben, wenn man am Turm steht?

Eher nein. Aber zur Sicherheit will die Gemeinde nun auch die Stadt mit ins Gespräch nehmen, Fangnetze anbringen und das Umfeld mit einem Bauzaun absichern.

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