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NS-Zeitzeuge fasziniert Hillebrand-Hauptschüler

Geschichts-Unterricht

Den Aufstieg der Nationalsozialisten, Krieg, Gefangenschaft, Flucht: Horst Schmechel hat viel erlebt. Den Schülern der 9. Klasse der Hillebrand Hauptschule gab der 88-Jährige einen Einblick in diese Zeit und fesselte sie mit seinen Erzählungen.

CASTROP-RAUXEL

von Von Michael Fritsch

, 29.06.2012
NS-Zeitzeuge fasziniert Hillebrand-Hauptschüler

Horst Schmechel gab als Zeitzeuge plastischen Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus. Die Klasse von Klassenlehrerin Rafaela Vaghidas (r.) hörte fasziniert zu.

NS-Aufstieg, Machtergreifung, Pogromnacht, Krieg, Gefangenschaft, Flucht, Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, die Eroberung Berlins durch die Rote Armee, Luftbrücke, Mauerbau, Wiedervereinigung: Horst Schmechel hat die gesamte Zeitreise eines Deutschen durch die beiden letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bis heute mitgemacht. Und als Halbjude – die Mutter stammte aus einer jüdischen Familie – mit viel Glück, Geschick und Willenskraft überlebt, wie man zwingend hinzufügen muss. In der Franz-Hillebrand-Hauptschule gab der Mengeder mit fast 89 Jahren gestern zum ersten Male in seinem Leben Geschichtsunterricht – und das, wie er spannender nicht sein kann.

Eine Stunde lang herrschte konzentrierte, fast andächtige Stille in der 9 a von Klassenlehrerin Rafaela Vaghidas, die eher zufällig auf den rüstigen Senioren aus der Nachbarstadt gestoßen war. Es war die große Krise der Weimarer Republik, die die Schmechels 1929 von Ostpommern nach Berlin trieb, wo der Vater, ein entlassener Weltkrieg-I-Offizier, durch Gesang in den Hinterhöfen zunächst sein Geld verdienen musste. Nach 1933 musste der damals neunjährige Horst bitter erfahren, wie er als Halbjude immer stärkerer Diskriminierung ausgesetzt war, bis er 1944 in Lille als „Prisonnier“ (Strafgefangener) zusammen mit 18 000 Zwangsarbeitern einen Bunker zur Abwehr der Invasion bauen musste.

Als die Alliierten nahten, habe er sich mit einer kleinen Gruppe absetzen und Ende 1944 in seine Heimatstadt durchschlagen können, berichtete er. Zwar hat Schmechel den typischen Berliner Humor bis heute nicht verloren, doch wenn er über die Ermordung des mütterlichen Teils seiner Familie spricht, macht er keinen Hehl daraus, dass ihn diese schreckliche Vergangenheit auch heute noch im Schlaf verfolgt.

Als Schmechel schließlich nach dem Einmarsch der Sowjets in Berlin fast gerettet erscheint, droht ihm nach einem Diebstahl sibirische Lagerhaft, der er sich nur durch eine riskante Flucht aus dem Gefängnis Plötzensee entziehen kann. „Ich mach det nich mit“, habe er sich selbst gesagt. Dass er es gepackt habe, schreibt er seinem Lebensmotto zugute: „Erfolg setzt sich zusammen aus der Summe aller Bemühungen“, gab der agile Senior den Jugendlichen mit auf den Weg.  

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