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Unterwegs mit der Henrichenburg

HENRICHENBURG Seit fünf Jahren können Gäste mit der „Henrichenburg“ und Käpt'n Kalka den Kanal erkunden. RN-Reporter Christoph Witte ging mit auf die Erkundungstour

von Von Christoph Witte

, 02.08.2008

Sabine Kalka läutet die Glocke. Die „Henrichenburg“ ist bereit zur Abfahrt. Die letzten Passagiere beeilen sich an Bord des Ausflugsschiffs zu kommen. Dort empfängt sie Hans Albers, singt über Lautsprecher: „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise.“ Der Klassiker des Hamburger Sängers aus dem Jahre 1952 beschallt aus den Lautsprechern das Oberdeck, wohin es bei Sonnenschein die meisten Gäste zieht. Von hier haben sie den besten Blick auf das Schiffshebewerk.

Kapitän Claudius Kalka gehorcht dem berühmten Hamburger Jung, tutet noch einmal kräftig ins Horn und dreht bei. Wir begleiten ihn auf seiner einstündigen Tour über den Dortmund-Ems-Kanal. Am Fenster seiner Steuerkabine klebt ein Schild: „Preistafel für Auskünfte.“ Beantwortung dämlicher Fragen kostet 250 Euro. Nur nichts sagende Blicke sind gratis. Na, das kann ja teuer werden, denkt der Reporter. Doch Kapitän Kalka scheint Gedanken zu lesen und entwarnt: „Hier bekommt jeder kostenlos Auskunft.“

Seit Ostersonntag 2003 legen die Eheleute Kalka als kleines Privatunternehmen vom Steg im Unterwasser des alten Schiffshebewerks ab, bringen Besuchern bei gemächlichen zehn Stundenkilometern die Industriegeschichte am Kanal nahe. Wie Hans Albers kommt auch die „Henrichenburg“ ursprünglich aus der Hansestadt, hat jahrelang als Barkasse, als Personenfähre, für die Werftarbeiter gedient, bis die Dattelner Eheleute das Schiff 2002 gekauft und es über die Kanäle ins Ruhrgebiet geholt haben. Nach zehnmonatiger Umbauphase war die 18,10 Meter lange und 5,63 Meter breite Barkasse startklar für eine zweite Karriere als Fahrgastschiff.

„Ich wollte auch mal beruflich etwas anderes machen“, erzählt Claudius Kalka, während er mit leichten Drehbewegungen am Steuerrad die 35 Jahre alte „Henrichenburg“ gen Datteln steuert. Früher hat der 42-Jährige die richtig großen Schiffe gelenkt, ist Inhaber des großen Rhein-Patents und fuhr Kohlen von Rotterdam und Amsterdam den Rhein entlang. Kollegen auf den Containerschiffen begegnet er heute noch im Vorbeifahren. Dann hebt sich der Arm zum Gruß. Man kennt sich.Heute ist Claudius Kalka nicht nur Kapitän sondern auch Entertainer. „Man muss die Gäste auch unterhalten“, sagt er und greift zum Mikro. Die erste halbe Stunde der Fahrt ist es deshalb schwierig den Kapitän in ein Gespräch zu verwickeln. Zu viel gibt es am Uferrand zu sehen und zu erklären.

Rechts bzw. steuerbord das im Bau befindliche Steinkohlekraftwerk. Links, also backbord, die Zinkhütte Ruhrzink. Und immer wieder Brücken. Zuerst die Zugbrücke. „Hier dürfen Kinder den Eltern an den Haaren ziehen“, kalauert Kalka. Dann die Hubbrücke, unter der der Schiffführer hupt. Anschließend die Ruhrgasbrücke, an der er Vollgas gibt. „Und hier sind wir an der Wegbrücke“, informiert Claudius Kalka die Passagiere, die suchend umher blicken. „Sie ist abgerissen worden, deswegen nenne ich sie auch die Wegbrücke.“ Der Witz kommt an, der Kapitän ist glücklich und wird redseliger, erzählt von Kanalspringern, die sich „wie Kinder auf der Autobahn in Lebensgefahr begeben“. Von der brenzligsten Situation im neuen Hebewerk, als sie es wegen einer Leckage im Kanal schnell verlassen mussten. „Zehn Minuten später und wir hätten mit den Gästen im Hebewerk übernachten müssen.“

Von derartiger Aufregung ist auf unserer kleinen Tour nichts zu spüren. Hier bringt nur die Hitze den Kapitän ins Schwitzen. Selbst Ruderer stellen kein Hindernis dar. Nach einer Stunde läutet Sabine Kalka (45) also wieder die Glocke. Zeit, von Bord der „Henrichenburg“ zu gehen. Auf dem Steg steht Schwester Vera, Dominikanerin aus München. Die 82-Jährige ist zu Besuch bei ihrer Cousine Hiltrud König aus Herne. Sie strahlt: „Das war viel besser als auf dem Starnberger See. Da sieht man ja nur Wasser.“ Kapitän Kalka hört das Lob nicht mehr; er ist schon wieder in seinem Element. Auf dem Wasser. 

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