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China im Blickpunkt: Ein Großstadtkind im "Dorf" Witten

ANNEN Statt mit "Ni hao" oder "Guten Morgen" begrüßt Yang Su ihren Professor mit "Good Morning". Die Chinesin studiert seit zwei Jahren an der Sino-German School of Governance (SGSG) der Uni Witten/Herdecke. Über einige Dinge in Deutschland wundert sie sich immer noch.

von Von Bianca Belouanas

, 03.08.2008

Das Unternehmenspraktikum, in dem sie einem deutschen Unternehmen bei der Erforschung des chinesischen Marktes geholfen hat, ist vorüber. Jetzt freut sich das Einzelkind auf den Besuch seiner Eltern aus Nanjing, einer 6-Millionen-Einwohner-Metropole im Osten Chinas. "Ich fürchte, ihnen wird Witten wie ein Dorf und eher langweilig vorkommen", überlegt Su. "Andererseits gefällt ihnen bestimmt auch die Ruhe und das Grün."

Su spricht nur Englisch, mit der deutschen Sprache hapert es auch nach zwei Jahren noch sehr. Ihr gesamtes Studium ist auf Englisch und da sie diese Sprache in China kaum gelernt hat, bleibt fast keine Zeit, nebenbei auch noch Deutsch zu lernen, erklärt die Studentin.

Menschen in Deutschland sind freier

Trotz der Schwierigkeiten gefällt ihr das Leben in Deutschland, auch wenn "die viele frische Luft und das fremde Land" für sie erstmal einen Kulturschock bedeutet haben.

"Die Leute hier sind freier in ihren Entscheidungen, leben individueller. Sie haben einen Freund oder heiraten oder bekommen irgendwann Kinder, ganz wie sie wollen. In China wird von jedem dasselbe erwartet. Wenn du nicht bis zum 30. Lebensjahr verheiratet bist, denkt jeder, du bist nicht normal. Danach erwartet jeder, dass du in den ersten zwei Ehejahren dein einziges Kind bekommst und so weiter."

Sie selbst habe sich in Deutschland schon sehr verändert, meint Yang Su. Selbstbewusst sagt sie, was sie denkt und verstößt damit gegen den chinesischen Grundsatz, sich nicht laut in der Öffentlichkeit über Gedanken oder Gefühle zu äußern.

Wandel dank des Studiums

Diesen Wandel verdankt sie auch dem Studium, glaubt die 28-Jährige. Während Studenten in China eher passiv dasitzen und zuhören, werde in Deutschland von ihnen erwartet, dass sie sich durch Präsentationen und Diskussionen einbringen.

Generell schmecke ihr das chinesische Essen zwar besser als die deutsche Küche, "aber ihr habt sehr viele leckere Kuchen", sagt die Naschkatze und freut sich. Brötchen beginne ich auch langsam zu mögen", schiebt sie mit einem Lächeln hinterher. Die seien in ihrer Heimat ebenso unbekannt wie die anderen "harten Brotsorten". Dafür habe sie mit Erstaunen festgestellt, dass sich ihre Kommilitonen nicht für ihr Lieblingsgetränk - pures heißes Wasser - erwärmen können.

Thema Menschenrechte

Ein wenig wundert sich Yang Su über die negative Meinung der Deutschen über China, wenn es um die Themen Menschenrechte und Todesstrafe geht. Ihre Augen werden groß vor Staunen, als sie hört, dass es Letztere in Deutschland nicht gibt.

Schließlich überlegt sie: "China ist ein großes Land voller Armut. Deutschland ist sicher, aber wenn wir die Todesstrafe nicht hätten, würden die Menschen noch mehr Verbrechen begehen. Das ändert sich vielleicht, wenn die Mehrheit wohlhabend wird."

In einem Jahr will sie das Studium abgeschlossen haben. Und dann? "Ich hoffe auf eine Arbeit in einem deutschen Unternehmen. In der Firma, in der ich mein Praktikum gemacht habe, hat es mir gut gefallen. Sie haben gesagt, ich kann mich nach dem Studium bewerben." Was ist die Sino-German School of Governance? Die Sino-German School of Governance (SGSG) an der Uni Witten/Herdecke wurde erst im September 2005 gegründet. Ein Jahr später begannen die ersten Studenten mit ihrem Masterstudium „International Business Management“. „Das gesamte Studium ist auf Englisch. Alle Teilnehmer, ob Chinesen oder Deutsche, haben bereits einen Bachelor-Abschluss in der Tasche“, erklärt Ming Zhong, Managing Director an der SGSG. Ziel ist es, deutsche und chinesische Wirtschaftswissenschaftler auszubilden, die in der Lage sind, Führungspositionen in Deutschland, China oder anderswo auf der Welt zu übernehmen. Allerdings ist Prof. Hermann Pillath, Akademischer Direktor, kürzlich von der Uni Witten/Herdecke an die Frankfurt School of Finance and Management gewechselt. „Das bedeutet aber nicht, dass wir den Standort Witten aufgeben. Allerdings gerät Frankfurt zur Haupt-, Witten zur Nebenstelle“, erklärt Ming Zhong. Fünf neue Studenten kommen im Oktober aus China an die Wittener Universität, damit erhöht sich die Zahl an der SGSG auf 40.Für das dreimonatige Praktikum im Studium ist Zhong nach wie vor auf der Suche nach Mentoren-Firmen, die einen Praktikumsplatz anbieten. „Das müssen nicht zwangsläufig Unternehmen sein, die schon in China aktiv sind“, sagt er. Die Studenten könnten dem Unternehmen auch helfen, erste Daten über China zu sammeln, Marktanalysen durchzuführen und Lieferanten zu finden.