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Claus Peymann über Fußball und Theater

Berlin (dpa) Er brennt für das Theater. Doch Claus Peymann, der am Donnerstag (7. Juni) seinen 75. Geburtstag feiert, macht sich Sorgen um die Zukunft der Bühnenkunst in Deutschland. Die Theater betrieben eine «exzessive Selbstzerstörung», beklagte Peymann im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Sie haben vor dem diesjährigen Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen gewettert, das Festival sollte besser abgeschafft werden. Sie haben trotzdem die meisten der Inszenierungen gesehen. Wie ist Ihre Bilanz?

Peymann: «Es ist vielleicht das schlechteste Theatertreffen seit 50 Jahren gewesen. Aber es lohnt eigentlich gar nicht mehr, darüber zu diskutieren, weil es sowieso eine überlebte Geschichte ist. Es wird ein Theatertreffen von billigen, kleinen Produktionen. Es sind immer kleinere Formate. Es sind immer Schauspieler, die eigentlich gar nicht Menschen mehr spielen, sondern Regie-Marionetten sind. Es werden die international vernetzten Koproduktionen eingeladen und eben nicht mehr das deutschsprachige Theater. Das Theatertreffen schafft sich mehr oder weniger langsam selbst ab.»

Ihr Berliner Ensemble haben Sie zuletzt als eine Art Museum bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Peymann: «Ich habe auf den böse gemeinten Vorwurf, dass ich Direktor eines Museums bin, positiv geantwortet. Ich habe dem Begriff des Museums etwas sehr Schönes abgewonnen - das Museum als ein Ort des Bewahrens. Hunderttausende warten vor den großen Museum, um einen Van Gogh oder einen Dürer zu sehen. Nur am Theater findet diese exzessive Selbstzerstörung statt. Denn genau das ist es, was die Theater im Moment betreiben. Wir dagegen wollen die Werte bewahren, die aufklärerische Tradition der deutschen Klassik bis Brecht aufnehmen. Wenn das dann Museum ist, dann bin ich ein Museum - manchmal ist das Museum der lebendigste Ort einer Stadt. Ich freue mich, dass ich das Berliner Ensemble auf einem gewissen Weltniveau halte.»

Wieso betreiben die Theater Selbstzerstörung?

Peymann: «Ich meine damit vor allem die Zerstörung der Literatur. Die großen Stoffe, die großen Geschichten werden einfach zerstückelt, marginalisiert und ironisiert. Dadurch zerstört das Theater seine ureigenste Einzigartigkeit - indem es die großen Geschichten und die großen Schauspieler abschafft. Die Rechnung liegt ja auf dem Tisch: die meisten Theater werden nicht mehr gut besucht. Oft sind sie zur reinen Selbstdarstellungsbühne geistig unterbemittelter Regisseure geworden. Da muss nur einer auf einem Fakirbrett liegen und sich öffentlich einen runterholen, und schon gilt das als Avantgarde. Oder jemand scheißt auf die Bühne. Er nimmt zu Beginn der Aufführung eine Abführtablette ein und dann warten das Publikum und die Schauspieler auf der Bühne darauf, wann es endlich seine Wirkung tut. Das hat dann den dramatischen Reiz, wann wirkt das Abführmittel. Damit will ich nichts zu tun haben, damit hat das Berliner Ensemble nichts zu tun. Und wenn das die neue Zeit ist, dann Goodbye!»

Aber warum erzählen die zeitgenössischen Dramatiker und Regisseure keine richtigen Geschichten mehr - haben sie Angst vor Gefühlen?

Peymann: «Kann sein, dass es Angst davor ist, dass man vor lauter Sehnsucht nach Coolness das Sentiment vergisst. Das ist ja unsere Zeit: dass wir unsere Gefühle verleugnen. Wenn Sie in England und Frankreich ins Theater gehen, dann schütteln die über das deutsche Theater den Kopf.»

Sie gehören zu den politischsten Theatermachern in Deutschland...

Peymann: «...zumindest von meiner persönlichen Position aus. Ob das in unserer Arbeit im Berliner Ensemble immer sichtbar wird, muss ich leider auch bezweifeln. Es gelingt uns nicht immer, weil es oft an Stoffen fehlt. Ich bedauere, dass wir nicht Stücke bekommen, die mehr mit unserer Gegenwart zu tun haben. Außer der "Dreigroschenoper" gibt es kein Stück zum Thema Banken - dem neuen Krebs unserer Gesellschaft.»

Ihr derzeitiger Vertrag läuft noch zwei Jahre. Wollen sie wieder verlängern oder gehen Sie in den wohlverdienten Ruhestand? Können Sie sich ein Leben ohne Berliner Ensemble überhaupt vorstellen?

Peymann: «Ich muss mir das irgendwann vorstellen, weil ich es dann auch nicht mehr will. Jetzt bin ich froh, dass diese zwei letzten Jahre demnächst anfangen. Und wer weiß, vielleicht mache ich dann was ganz anderes: fahre mal nach Amerika. Oder ich bin in meinem Garten glücklich.»

Ist die Natur Ihr Ausgleich zur Theaterarbeit?

Peymann: «Ich wohne in einer schönen, gemieteten Villa, die unter Denkmalschutz steht. Sie hat einen riesigen Garten, in dem im Moment die Blumen blühen. Schöner geht es gar nicht.»

Machen Sie richtig Gartenarbeit?

Peymann: «Viel zu wenig. Weil ich einfach keine Zeit habe. Im Gegensatz zu meinen Regiekollegen bin ich ja den ganzen Tag im Theater - notfalls sogar an der Kasse. Ich bin halt ein Prinzipal alter Ordnung und bin in dieser Hinsicht wahrscheinlich auch eine Art Anachronismus - ein staunenswertes Monstrum, das noch immer eine bestimmte Ethik des Berufs hochhält. Dass das nicht in die Zeit passt, weiß ich ja längst. Ich bedauere das, muss es aber akzeptieren.»

Sie sind großer Fußballfan - sollte man die EM in der Ukraine wegen der dortigen Menschenrechtssituation und der Inhaftierung von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko boykottieren?

Peymann: «Ein Boykott wäre Quatsch. Aber ich habe mal gedacht, Angela Merkel und vielleicht noch 20 andere müssten sich so eine Papp-Maske mit dem Gesicht von Timoschenko aufsetzen.»

Ihren 75. Geburtstag feiern Sie am 7. Juni bei einer «kleinen Geburtstagsjause» mit den 700 Theaterbesuchern, die an diesem Abend im Berliner Ensemble zu Gast sind...

Peymann: «Ich freue mich, dass Gert Voss an dem Abend "Einfach kompliziert" spielt - eine sehr schöne Aufführung. Und ich freue mich jetzt schon, wenn ich mich dann verbeuge - und dann geht es im Hof noch ein bisschen unter die Leute.»

Gespräch: Elke Vogel, dpa

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