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Daniel Barenboim beklagt Israels «Ignoranz»

Berlin (dpa) Daniel Barenboim hat Israel «Unwissenheit und Mangel an Neugierde» für die Lage der Palästinenser vorgeworfen. «Ein großer Teil der Israelis hat keine Ahnung, was die palästinensische Gesellschaft ist», sagte der Dirigent der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Daniel Barenboim beklagt Israels «Ignoranz»

Daniel Barenboim probt mit israelischen und palästinensischen Jugendlichen in Jerusalem (Archivfoto vom 28.03.2008).

Das von ihm und dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003) gegründete «West- Eastern Divan Orchestra» wolle einen Beitrag im «Kampf gegen die Ignoranz» leisten. Das Orchester mit rund 120 jungen Musikern aus Israel und arabischen Ländern wird im Rahmen einer Europa-Tournee am 23. August in der Berliner Waldbühne spielen, unter anderem den ersten Akt von Richard Wagners Oper «Die Walküre».

«Die Palästinenser sind weniger ignorant für vieles, was in Israel stattfindet, weil sie von den Israelis schon mehr als 40 Jahre besetzt werden. Aber auch sie kennen die Geschichte nicht und verstehen nicht, wieso das jüdische Volk nach dem Holocaust einen eigenen Staat gründen musste», betonte der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden.

Trotz der laufenden Gespräche zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde rechne er nicht mit einer baldigen Lösung des Nahost-Konflikts. «Was jetzt passiert sind keine ernsthaften Gespräche: Es verhandeln ein schwacher israelischer Ministerpräsident und ein palästinensischer Präsident, der nicht für den Großteil seiner Landsleute spricht», meinte der 65-Jährige.

«Es handelt sich hier nicht um eine Auseinandersetzung um Öl, Wasser oder Grenzen. So etwas könnte man diplomatisch oder militärisch lösen. Wir stehen vor einem menschlichen und lokalen Konflikt von zwei Völkern, die zutiefst davon überzeugt sind, auf dem selben Stück Land leben zu müssen.» Der Streit könne nur gelöst werden, wenn jede Seite Verständnis für die Geschichte des anderen aufbringt. «Dafür ist ein mentaler Raum notwendig, wie wir ihn mit dem "West Eastern Divan" geschaffen haben.»

«Wir sind verdammt oder gesegnet, gemeinsam oder nebeneinander zu leben. Wenn das akzeptiert von beiden akzeptiert wird, kann man einen Dialog beginnen.» Ein Hindernis sei aber die «unbändige Energie» von Israelis und Palästinensern, «sich als die Leidende der Geschichte darzustellen», sagte Barenboim.

«Edward Said und ich waren überzeugt, dass es keine militärische Lösung für diesen Konflikt gibt», sagte Barenboim. Said, der als einer der herausragenden palästinensischen Intellektuellen galt, hatte das «West-Eastern Divan» 1999 mit Barenboim gegründet. «Das Schicksal unserer beiden Völker ist untrennbar miteinander verbunden. Wir hätten schon längst anfangen müssen, voneinander zu lernen.»

Barenboim spricht bei seinem Orchester von einem «intelligenten Musizieren». Jedes Orchestermitglied könne sich musikalisch ausdrücken, müsse aber auch zuhören, was die anderen spielen. «Wenn bei uns ein Israeli einem Syrer oder Palästinenser in der Probe zugehört hat und versucht, mit ihm musikalisch eins zu werden, kann er ihn Abends nicht ignorieren. Vor der "Walküre" sind wir alle gleich. Niemand fragt "was für einen Pass hast Du?".»

Neben Israel und Palästina kommen die Musiker aus Syrien, dem Libanon, Jordanien, Ägypten, Iran und der Türkei. Die Dimension des «West Eastern Divan» werde erst deutlich werden, wenn das Orchester in allen Länder spielt, die hier repräsentiert sind. «Wir sind an diesem Ziel viel näher, weil das Projekt nicht mehr ignoriert werden kann», betonte Barenboim.

Ein ursprünglich für den 12. August geplantes Konzert in der jordanischen Hauptstadt Amman war aus Sicherheitsgründen abgesagt worden. Er soll im kommenden Jahr nachgeholt werden.

Gespräch: Esteban Engel, dpa

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