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Darum schließen immer mehr Apotheken in NRW

Konkurrenz und Unterversorgung

Deutschlands Apothekerbranche hat zu kämpfen. Immer mehr Pharmazeuten müssen ihr Geschäft aufgeben – auch in Nordrhein-Westfalen. Das liegt nicht nur am blühenden Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneien. Wie es um die Apotheken in NRW steht und wo die Probleme in der Branche liegen, lesen sie in unseren Fragen und Antworten.

NRW

, 27.01.2018
Darum schließen immer mehr Apotheken in NRW

Der Versandhandel macht Vor-Ort-Apotheken in Deutschland Konkurrenz. Doch Versandapotheken sind nicht allein für den Rückgang an Apotheken verantwortlich. © dpa

Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Schnell zur Apotheke um die Ecke. Doch was, wenn die dichtgemacht hat und die Nächste eben nicht mehr wenige Gehminuten entfernt liegt, sondern sogar über zehn Kilometer? Dieses Szenario ist gar nicht so abwegig. Die Zahl der Apotheken in Deutschland sinkt seit Jahren. In Westfalen-Lippe gab es vor zehn Jahren noch 2243 Apotheken – inzwischen ist die Zahl auf unter 2000 Apotheken geschrumpft. Wie steht es um die Versorgung der Bürger in Westfalen-Lippe? Fragen und Antworten zum Thema.

Wie gut ist die Region mit Apotheken versorgt?
Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist seit 2009 von 21.548 Apotheken auf 19.880 Mitte 2017 gesunken. Das geht aus einem Gutachten hervor, das kürzlich für das Bundeswirtschaftsministerium erstellt worden ist. Im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen gab es 2016 nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mit 4280 öffentlichen Apotheken die meisten unter den 16 Bundesländern. 1998 dieser Apotheken gehören zum Kammerbezirk Westfalen-Lippe – hier gab es 2017 sogar nur noch 1973 Apotheken. Im Schnitt versorgen 24 Apotheken 100.000 Einwohner; Nordrhein-Westfalen liegt damit im bundesdeutschen Trend.

Sind Städte und Gemeinden in NRW also unterversorgt?
Die Apothekendichte reicht aktuell aus, um die Bevölkerung flächendeckend mit Arzneimitteln zu versorgen. Da sind sich Krankenkassen, Apothekerverband und -kammer, der Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) und Verbraucherschützer einig – und das geht auch aus dem Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium hervor.

Wo liegen die Gründe für die Schließungen?
Der Apothekerverband und die Apothekerkammer Westfalen-Lippe sehen im Arzneiversandhandel eine Bedrohung für Apotheken vor Ort. Ausländische Versandapotheken müssen sich nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) 2016 nicht mehr an die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente halten, sondern können diese Arzneien günstiger anbieten. „Jedes Rezept, das Patienten in einer Online-Apotheke einlösen, fehlt der Apotheke vor Ort“, sagt Hannah Reichelt, Sprecherin des Apothekerverbands Westfalen-Lippe. Denn Apotheken generieren etwa 80 Prozent ihres Umsatzes mit rezeptpflichtigen Arzneien, so genannten Rx-Medikamenten.

Sind die Versandapotheken wirklich schuld?
Das Gutachten, das für das Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde, kommt zu einem anderen Schluss. Die Verfasser schreiben, dass der Versandhandel nur einen kleinen Marktanteil einnehme und daher die Vor-Ort-Apotheken derzeit mittelfristig nicht bedrohe. Dennoch sei – Stand 2015 – „die wirtschaftliche Lage der Vor-Ort-Apotheken (…) bereits für 47 Prozent aller Apotheken-Unternehmen als schlecht anzusehen“. Probleme gebe es besonders in kleinen und mittleren Städten – betroffen sind in diesem Bereich 5200 von bundesweit 7600 von einer Schließung bedrohten Apotheken.

Was stört die Apothekerverbände am Versandhandel?
Seit 2004 ist in Deutschland der Versandhandel mit rezeptpflichtigen und -freien Medikamenten erlaubt. Das regelt das Gesundheitsmodernisierungsgesetz. So funktionierte das Ganze bis zum EuGH-Urteil: Da es in Deutschland eine Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente gab, die auch für ausländische Versandapotheken galt, bekamen Verbraucher ihre rezeptpflichtigen Medikamente – mit denen Apotheken ihren größten Umsatz machen – überall zum gleichen Preis. Kunden nutzten den Onlinehandel somit eher für Selbstmedikation, während sie ihre rezeptpflichtigen Arzneien eher direkt von der Apotheke vor Ort bezogen. Seit dem Urteil hat sich das geändert.

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Was hat es mit dem EuGH-Urteil auf sich?
Der EuGH hält die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente für einen unangemessenen Eingriff in den EU-Binnenmarkt, durch den Versandhändler außerhalb Deutschlands benachteiligt würden. Daher haben die EU-Richter die Preisbindung für den Versandhandel von Arzneien nach Deutschland aufgehoben. Für Apotheken in Deutschland gilt die Preisbindung aber weiter. Das Resultat: Ausländische Versandapotheken machen den Apotheken vor Ort vermehrt Konkurrenz, denn sie können rezeptpflichtige Medikamente durch Boni günstiger an den Verbraucher bringen als Vor-Ort-Apotheken und Versandapotheken innerhalb Deutschlands, die sich an vorgegebene Preise halten müssen.

Wie sieht die Lösung des Problems aus?
In der Diskussion ist ein generelles Verbot des Versandhandels mit Rx-Arzneien. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) setzt sich genau dafür ein. Auch Apothekerverbände sind für das Verbot. „Will man eine flächendeckende, sichere und bezahlbare Arzneimittelversorgung durch Apotheken in Deutschland erhalten, um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, gibt es keine Alternative zum Versandhandelsverbot mit Rx-Arzneimitteln“, sagt Hannah Reichelt vom Apothekerverband.

So ein Verbot gibt es zwar in anderen EU-Staaten bereits, die Situation in Deutschland sei aber eine andere, sagt Markus Ruschke vom BVDVA: „In Deutschland müsste etwas verboten werden, das bereits seit 14 Jahren erlaubt ist. Damit kommt man allerdings in Konflikt mit dem Grundgesetz – Stichwort Berufsfreiheit – und dem Europarecht. Das wurde in unserem Auftrag gutachterlich geprüft.“

Kann nicht einfach die Preisbindung gekippt werden, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen?
Ja, aber dann könnten sich Verbraucher bei rezeptpflichtigen Mitteln nicht mehr auf den einheitlichen Preis verlassen. Sie würden auf das günstigste Angebot eingehen – in so einem Wettbewerb könnten viele Apotheken nicht bestehen. „Die Preisbindung generell zu kippen, kann keine Lösung sein, da damit Tür und Tor für einen ruinösen Preiswettbewerb geöffnet würden, dem besonders kleinere Apotheken in ländlichen Regionen zum Opfer fallen würden“, ist sich der Apothekerverband Westfalen-Lippe sicher.

Welche anderen Gründe gibt es für das Apothekensterben?
Der BVDVA sieht Probleme beim Finden von Nachfolgern, wenn sich ein Apotheker in den Ruhestand verabschiedet, als ausschlaggebenden Grund für Apothekenschließungen. Auch der Ärztemangel trägt zur Verschärfung der Situation bei. Schließt eine Praxis, hat das Auswirkungen. „Für die Apotheke nebenan wird es dann wirtschaftlich in den meisten Fällen sehr eng“, so Reichelt.

Stichwort: Nachwuchs. Wo hapert es?
Die Bundesagentur für Arbeit hat den Apothekerberuf im Jahr 2016 das erste Mal als sogenannten „Mangelberuf“ eingestuft. Diese Einschätzung bestätigte die Agentur in ihrer Fachkräfteengpass-Analyse für das Jahr 2017. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es demnach einen Fachkräftemangel im Apothekerberuf. „Wir bilden in Deutschland zu wenig Pharmazeuten aus“, sagt Prof. Dr. Klaus Langer vom Institut für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie der Universität Münster.

Es gibt zu wenig Studienplätze. In NRW ist neben Münster und Bonn nur in Düsseldorf und Köln ein Pharmaziestudium möglich. „70 bis 80 Prozent unserer Pharmazie-Studenten arbeiten nach dem Studium in öffentlichen Apotheken“, so Langer. Andere nehmen Jobs in Krankenhaus-Apotheken, in der Pharmaindustrie oder bei Behörden wie Gesundheitsämtern an.

Darum schließen immer mehr Apotheken in NRW

Die Apotheken vor Ort können im Gegensatz zu Online-Versandapotheken auch in Notfällen schnell helfen. Wenn immer mehr Apotheken schließen müssen, wird auch die Versorgung im Notdienst knapp. © dpa

Welche Vorteile hat der Versandhandel für den Verbraucher?
Der Versandhandel versorgt Bürger dort, wo es eine niedrige Apothekendichte gibt. Regina Behrendt, Referentin Gesundheitsmarkt der Verbraucherzentrale NRW, sagt: „Der Versandhandel ist ein zusätzlicher Vertriebskanal, der auf jeden Fall erhalten bleiben sollte, denn Verbraucher mit planbarem Bedarf können davon nicht nur in finanzieller Hinsicht profitieren.“ Außerdem sei Versandhandel im Rahmen der Digitalisierung der gesundheitlichen Versorgung ein Schritt in die richtige Richtung, so Behrendt. „Eine Abschaffung des qualitätsgesicherten Versandhandels würde unseriösen Anbietern im Netz Vorschub leisten.“

Auch Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), weist darauf hin, dass sich Strukturen verändern und den Anforderungen eines modernen Gesundheitswesens gerecht werden müssen. Dazu gehöre die Veränderung in der Apothekenlandschaft, die gerade stattfindet. Der Versandhandel sei eine „zeitgemäße Ergänzung“ zur Vor-Ort-Apotheke.

Und die Nachteile?
Versandapotheken beraten per E-Mail oder telefonisch. So könnten „nonverbale Signale des Patienten“ wie Abgeschlagenheit oder Schwitzen nicht berücksichtigt werden, bemängelt Hannah Reichelt vom Apothekerverband Westfalen-Lippe. „Die Beratung am Telefon oder per E-Mail ist um ein vielfaches diskreter“, hält Markus Ruschke vom BVDVA dagegen.

Weiter leisten Vor-Ort-Apotheken Nacht- und Notdienste. Schneller sind sie meist ebenfalls – Präsenzapotheken werden nach Angaben des Apothekerverbands bis zu fünf Mal täglich mit Medikamenten beliefert. Und Vor-Ort-Apotheken sind durch den Kontrahierungszwang zur Herstellung individueller Rezepturen verpflichtet – selbst wenn Aufwand und Ertrag für die Apotheke nicht wirtschaftlich sind.

Habe ich ein Rückgaberecht bei Medikamenten, die ich im Versandhandel bestelle?
Ja, aber nicht immer. „Ausnahmen kann es geben, wenn Medikamente, zum Beispiel Salben oder Lösungen, eine sehr kurzfristige Haltbarkeit haben oder nicht versiegelt sind. Tablettenpackungen fallen in aller Regel nicht darunter und können auch zurückgeschickt werden“, so Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale.

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