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Das Geschäft mit den Schulranzen

Frankfurt/Main. Die Eltern gingen noch mit Ledertasche oder Einheitsmodell aus Stoff und Pappe in die Schule, auf die Kinder wartet heute die bunte Markenwelt: Schulranzen locken mit Extras, vielen Designs und Einkaufserlebnissen. Ärzte und Lehrer haben da ganz andere Ideen.

Das Geschäft mit den Schulranzen

Simon Pitton-Heep veranstaltet „Schulranzenpartys“ im Rhein-Main-Gebiet. Hier können Eltern und Kinder das passende Produkt auswählen. Foto: Frank Rumpenhorst

Draußen fällt noch Schnee. In einem osthessischen Kaufhaus blickt die sechsjährige Ida etwas ratlos auf die Reihen verschiedener Schulranzen. Die für ihre Rücken passenden Modelle sind bereits gefunden, nun soll sie sich zwischen dutzenden Designs entscheiden.

Alles genau geteilt nach Mädchen und Jungs: Da lockt die Version „Lilac Unicorn“ mit Glitzerstern und Einhorn, auch „Glitter Heart“ und „Cinderella“ setzen auf süßlich-pinken Glitzerchic. Auf die Jungs warten mit „Power Tractor“, „Commander“ und „Raptor“ deutlich aggressivere Designs in dunklen Farben.

„Mama, such du aus, ich weiß nicht“, sagt das künftige Schulkind. Die Verkäuferin greift zielgenau zum teuren Modell: „Schau mal, da sind Klettis dabei, die kannst du abmachen und wieder aufkleben. Und echte Glitzersteine - das gefällt dir doch, oder?“ Um die 250 Euro kosten die Schulranzen im Set mit Turnbeutel und Mäppchen. „Bei den „Limited Editions“ müssen sie schnell sein, bis Ostern sind die vergriffen“, rät die Verkäuferin der Mutter.

Hunderttausende Eltern und Kinder machen sich derzeit deutschlandweit auf die Suche, um ihren Erstklässler einen möglichst gut ausgestatteten Bildungsstart zu ermöglichen. Für das Schuljahr 2017/2018 zählte das Statistische Bundesamt 725 100 Einschulungen. Der richtige Schulranzen hat dabei eine zentrale Bedeutung: Dutzende Designs und immer neue Kollektionen werben um die Gunst der Kinder, das Hauptgeschäft ist laut Experten bis Ostern vorbei.

„Natürlich ist das ein Hype“, sagt der Mitbetreiber von www.schulranzenparty.de, Simon Pitton-Heep, aus dem Taunus. Er veranstaltet mit seinem Mann seit fast 20 Jahren Ranzen-Verkaufsparties. Zahlreiche Einzelhändler haben die Idee deutschlandweit übernommen. Die Leute wollten heute aus allem, was sie kauften, ein Erlebnis machen. „Wir machen da gerne mit, weil es uns selbst Spaß macht.“

Standort der Parties im Rhein-Main-Gebiet sind Autohäuser: „Dann können die Väter nach den Autos gucken und die Mütter kaufen mit den Kindern den Ranzen.“ Neben Essen, Trinken und Aktionen wie Kinderschminken bieten an Ständen dort auch Banken oder Hersteller von Plastikdosen und -geschirr ihre Dienste für das Schulkind an. 200 bis 300 Ranzensets verkauft der Händler an einem Tag. Fast 300 Euro kostet sein teuerstes, mit Swarovski-Steinen verzierte Set. „Das läuft besonders in Bad Soden gut“, sagt er mit Blick auf den Taunus als bevorzugte Wohngegend von Frankfurter Managern.

Um die Familien am anderen Ende der Einkommensschere kümmert sich in Frankfurt die Arbeiterwohlfahrt mit ihrem Projekt „Mein erster Schulranzen“. Kinder seien in Deutschland die Altersgruppe, die am stärksten von Armut betroffen sei. „Die Einschulung ist einer der Anlässe, an dem dies offensichtlich wird“, sagt Sprecher Johannes Frass. Über die Kindergärten suchen sie nach Familien, die Unterstützung brauchen und kaufen den Kindern Ranzen. Statt gebrauchter Ranzen gibt es Tornister der neuesten Kollektion: „Alles andere würde die Kinder stigmatisieren.“

Wieviel Umsatz mit den Schulranzen gemacht wird und wie viele deutschlandweit im Jahr verkauft werden, kann der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie als Branchenverband nicht sagen. Schulranzen würden nicht einzeln in der Statistik erfasst, teilt eine Sprecherin mit: „Es fällt auf, dass das der Durchschnittspreis gestiegen ist.“ Das könne an der qualitativ hochwertigeren Verarbeitung liegen. Die Trends gingen hin zu ergonomisch gestalteten Ranzen mit verstellbaren Gurten, die so auch mitwachsen könnten.

Kinderärzte loben die ergonomische Gestaltung der meisten bunten Taschen, kritisieren aber deren Marketing. „Da geht es ausschließlich darum, mit den Kindern Geld zu verdienen“, sagt die Kinderärztin Barbara Mühlfeld, Sprecherin beim Verband der Kinder- und Jugendärzte. Die Kommerzialisierung der Kindheit ziehe sich inzwischen durch alle Lebensbereiche. Der Schulranzenkauf sei wie eine Initiation in die Markenwelt, weil da die Kinder zum ersten Mal richtig mitreden. „Die Schuld liegt nicht allein bei den Schulranzen, aber es ist ein weiteres Vehikel, über das Kinder in eine Konsumwelt hineingesaugt werden, die ganz bestimmt nicht gesund ist.“

Das beobachten selbst die Verkäufer. „Die Kinder sind da schon in einem Konsumrausch - es wird versucht, mit allen Mitteln zu verkaufen“, sagt der Inhaber zweier Schulranzen-Spezialgeschäfte in Frankfurt und Bad Hersfeld, Harald Lassner. Extras wie Klett-Sticker, Magnete, Leuchten und elektronische Spielereien wie im Stoff auftauchende Schmetterlinge sollen die Kleinen begeistern und die Eltern bewegen, mehr auszugeben. Auch wenn er selbst wegen der Nachfrage Schulranzen-Partys veranstalte, halte er seine Verkäufer dazu an, nur nach der Passform zu verkaufen. „Gerade in Frankfurt haben wir Kunden, die wollen unbedingt den teuersten Ranzen kaufen - dabei kann auch der billigste der Beste für das Kind sein.“ 

Lehrer wie Kinderärzte denken einen Schritt weiter: „Unser Bestreben ist, dass die Kinder so gut wie keinen Schulranzen mehr brauchen“, sagt Mühlfeld. In anderen Ländern wie im angloamerikanischen Raum blieben die meisten Sachen im Spind in der Schule - Ranzen seien da gar kein so großes Thema, was deutlich gesünder sei. Auch die Lehrergewerkschaft GEW sieht das Hin- und Hergeschleppe von Büchern und den Markenwahn kritisch. Den Lehrern gehe es darum, dass die Gesundheit der Kinder im Mittelpunkt stehe und alle im Klassenzimmer ihre Materialien dabei haben, sagt GEW-Sprecherin Ilka Hoffmann: „Wie sie die transportieren spielt für uns eine untergeordnete Rolle.“

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