Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Das Simon Bolivar Jugendorchester in Salzburg

Salzburg (dpa) Als die ersten Musiker des Simon Bolivar Youth Orchestra (SBYO) die Bühne betreten, erhebt sich minutenlanger Applaus.

Das Simon Bolivar Jugendorchester in Salzburg

Das Simon Bolivar Jugendorchester probt unter der Leitung ihres Chefdirigenten Gustavo Dudamel bei den Salzburger Festspielen.

Lachend und scherzend setzen sich die jungen Leute aus Caracas (Venezuela) vor ihre Pulte in der Universitätsaula von Salzburg und stimmen ihre Instrumente für die Orchesterprobe. Dann kommt der Dirigent, Gustavo Dudamel, kaum älter als seine Musiker. Seine lockeren Jeans wirken abgetragen, das Polohemd trägt kein Markenzeichen. Er hebt den Taktstock. Wie ein Hauch, kaum hörbar, ertönen die ersten Noten aus dem dritten Satz der 1. Sinfonie von Gustav Mahler. Dann klopft der Dirigent ab.

Gustavo Dudamel ist der Leiter des vielleicht ungewöhnlichsten Orchesters, das je bei den Salzburger Festspielen gastiert hat. Denn es besteht zu 90 Prozent aus ehemaligen Straßenkindern. In diesem Jahr ist es «Orchester In Residence» an der Salzach. Eine Woche lang bieten die jungen Musiker, im Durchschnitt knapp 20 Jahre alt, Sinfoniekonzerte, Kammermusik und öffentliche Proben. Anfang September geht es dann weiter zu Gastspielen unter anderem in Berlin, Frankfurt und Baden-Baden.

Dudamel, selbst einmal ein Straßenjunge aus einer armen Familie, hat eine sensationelle Karriere gemacht. Sein erstes Jugendsinfonieorchester leitete er mit zwölf Jahren. Mit 27 ist er bereits Chefdirigent in Göteborg und Caracas, und ab 2009 wird er auch Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Dudamel ist das Produkt eines musikalischen Förderungssystems, das weltweit einzigartig ist.

Jugendsinfonieorchester auf höchstem Niveau sind seit Jahren Bestandteil des Salzburger Festspielprogramms. Hier gastierte das von Claudio Abbado gegründete Gustav Mahler Jugendorchester ebenso wie das Luigi Cherubini Orchester von Riccardo Muti. Im vergangenen Jahr schließlich beeindruckte Daniel Barenboim mit seinem East-Western Diwan Orchestra aus jungen Israelis und Arabern. Sie alle haben neben dem musikalischen auch ein gesellschaftspolitisches Ziel: junge Menschen durch die Musik zusammenzubringen.

Doch mit dem Simon Bolivár Youth Orchester (SBYO) war von Anfang an alles anders. Gegründet wurde die Institution vor mehr als 30 Jahren von dem Juristen und Musiker José Antonio Abreu (68). Er hatte die Idee, die Kinder der armen Venezolaner mit Hilfe der Musik von der Straße zu holen und damit vor dem fast unvermeidlichen Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren. Was Abreu, der für sein Projekt mit dem Alternativen Friedensnobelpreis 2001 ausgezeichnet wurde, zunächst in einer Garage mit elf Musikern begann, ist bis heute zu einem Vorzeigeprojekt höchster Güte geworden.

Mehr als 250 000 Kinder werden inzwischen von 15 000 Musiklehrern im ganzen Land ausgebildet. Die Kinder erhalten aus einem speziellen Fonds und Spenden die Instrumente, der Unterricht selbst ist kostenlos. Der ölreiche Staat fördert das Projekt mit jährlich umgerechnet 36 Millionen Dollar (24 Millionen Euro) - viel Geld in einem Land mit sehr niedrigen Durchschnittslöhnen.

«Die Musik bringt Hoffnung in die Wüste eines unerträglichen Lebens», sagt Abreu. 220 Jugend- und 60 Kinderorchester hat das «Sistema», die von ihm ins Leben gerufene Organisation, inzwischen in diesem Land gegründet, in dem bis zu 75 Prozent der 27 Millionen Einwohner als arm gelten. 30 Sinfonieorchester im ganzen Land wurden gegründet. «Demokratisierung des Zugangs zur Musik ohne soziale Schranken», nennt das Igor Lanz, seit fast 30 Jahren die rechte Hand von SBYO-Gründer Abreu.

Anders als in der herkömmlichen Musikerziehung sollen die Kinder im «Sistema» nicht stundenlang für sich allein üben müssen. Sie werden so früh wie möglich in die zahlreichen Orchester integriert, in denen sie auch das Leben und Arbeiten in einer Gemeinschaft lernen sollen. Zwei bis drei Stunden Orchesterproben stehen täglich nach der Schule an. Es gehe, so sagen die Gründer der Musikbewegung «um nicht mehr und nicht weniger, als die Reform der klassischen Musikausbildung». Mehrere junge Musiker haben in den vergangenen Jahren bereits den Sprung in die besten Orchester der Welt geschafft. So etwa Edison Ruiz, der 2003 im Alter von 17 Jahren von den Berliner Philharmonikern engagiert wurde.

Der «Shooting Star» des Programms bleibt aber sein Dirigent Gustavo Dudamel, der die Förderung von so bekannten Maestri wie Simon Rattle oder Daniel Barenboim genoss. Seine Wurzeln hat er nicht vergessen: «Egal, was mir auf meinem kurzen und erfolgreichen Weg bisher begegnet ist oder noch begegnen wird, das Simon Bolivar Youth Orchestra ist meine Familie», bekräftigte er in Salzburg. Für den Gründer des Orchester, José Antonio Abreu, ist Dudamel vor allem ein Idol: «Alle Kinder und Jugendlichen Venezuelas, die wir von der Straße holen und in Musik ausbilden, haben ihn zum Vorbild.»

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Bühne

Katarzyna Kozielska fühlt sich oft nackt bei Bühnenarbeit

Stuttgart (dpa) Frauen gibt es unter den Ballettchoreographen vergleichsweise wenige. Am Stuttgarter Ballett hat die Tänzerin Katarzyna Kozielska eine mögliche Erklärung dafür. An diesem Freitag zeigt sie ihr neues Stück.mehr...

Bühne

Wolfgang Wagner lenkt im Nachfolgestreit ein

Bayreuth (dpa) Mit der Lösung hatten Viele am wenigsten gerechnet - nun scheint sie die wahrscheinlichste: Die Geschicke der Bayreuther Festspiele lenkt schon bald möglicherweise ein Damen-Duo.mehr...

Bühne

Simone Young setzt den «Ring» fort

Hamburg (dpa) Nach dem erfolgreichen Start mit dem «Rheingold» setzt Hamburgs Opernintendantin Simone Young Wagners «Ring»-Zyklus in der kommenden Saison mit der «Walküre» fort.mehr...

Bühne

Wagner lenkt im Nachfolgestreit ein

Bayreuth (dpa) Mit der Lösung hatten Viele am wenigsten gerechnet - nun scheint sie die wahrscheinlichste: Die Geschicke der Bayreuther Festspiele lenkt schon bald möglicherweise ein Damen-Duo.mehr...

Bühne

Kraftvolle Rockoper um Liebe, Hass und späte Reue

München (dpa) Liebe und Hass, Habgier und Herrschsucht, Rache und Mord, späte Reue und Suche nach Erlösung: Die neue Rockoper «ChristO» mit der deutschen Rockband Vanden Plas zeigt die ganze Palette theatraler Gefühle.mehr...