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Das Sterben der Insekten und die Ursachen

Artenschwund auch in NRW

Ein Sommer ohne Vogelgezwitscher, Summen und Brummen – was immer mehr Gartenbesitzer und Naturfreunde wahrnehmen, ist mehr als nur ein Gefühl. Untersuchungen von Insektenforschern zufolge hat die Zahl der flugfähigen Insekten dramatisch abgenommen.

NRW

von Ilka Bärwald

, 27.11.2017
Das Sterben der Insekten und die Ursachen

Hummeln gehören zu den Wildbienen und sind wichtige Bestäuber von Kultur- und Wildpflanzen. © picture alliance / Patrick Pleul

Die Daten, die für großes Aufsehen gesorgt hatten, hatte der Entomologische Verein Krefeld in jahrzehntelanger Arbeit erhoben. Sie zeigte dramatische Entwicklungen im Insektenbestand in NRW. Die Entomologen hatten über einen langen Zeitraum in insgesamt 63 Gebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg mithilfe von Fallen Fluginsekten gesammelt und deren Masse bestimmt. In den untersuchten 27 Jahren habe die Gesamtmasse der so gesammelten Insekten um mehr als 75 Prozent abgenommen, berichten niederländische Wissenschaftler, die die Daten ausgewertet hatten. Auch die Zahl der Arten ging erschreckend zurück.

Schmetterlinge akut gefährdet

Die Krefelder Forscher haben ab 1989 unter anderem Insekten im rheinischen Wahnbachtal und im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch gesammelt. Waren es damals noch fast anderthalb Kilo Biomasse an Insekten, wog im Jahr 2013 die Ausbeute nur noch knapp 300 Gramm. Sie erfassten auch Schwebfliegen, kleine, bienenähnlich aussehende braun-gelb-gefärbte Insekten, die aber keinen Stachel besitzen. Hier beobachtete der Entomologische Verein einen Rückgang der Individuenzahl von 17.291 auf 2737 – 84 Prozent im Zeitraum von 25 Jahren. Die Artenzahl ging in dieser Zeit um 24 Prozent zurück. Auch die schiere Anzahl von Großschmetterlingen reduzierte sich um mehr als die Hälfte. Ähnliche Schlüsse zieht eine Auswertung der Roten Listen der Bundesländer, demnach in Nordrhein-Westfalen nahezu 70 Prozent der Tagfalter-Arten ausgestorben oder bestandsgefährdet sind.

Der Schwund habe einen weit verheerenderen Effekt als bisher erkannt, stellen die Forscher fest. Und sie sind nicht die Einzigen, die vor einem weiteren, massiven Insektensterben warnen. Wo immer Forscher Langzeitdaten über das Vorkommen von Insektenarten sammeln, melden sie drastische Einbrüche, im In- und Ausland. Der Naturschutzbund Baden-Württemberg hat kürzlich eine Auswertung von mehr als 20 Studien aus Deutschland und Europa der vergangenen 20 Jahre vorgestellt. Alle kommen zu ähnlichen Ergebnissen, massiven Rückgängen wichtiger Insektengruppen und in der Folge auch dem Schwund vieler insektenfressender Vogelarten.

Das Sterben der Insekten und die Ursachen

Vogelkundler fürchten, dass der dramatische Rückgang der Insektenbestände sich auch negativ auf die Vogelwelt im Land, hier der Spatz oder Haussperling, auswirken könnte. © picture alliance / Nicolas Armer

Der Nabu hat zudem Vogelbestandsdaten ausgewertet, die die Bundesregierung 2013 an die EU gemeldet hat. In nur zwölf Jahren hat Deutschland rund 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verloren, das entspricht einem Minus von 15 Prozent. Zu den am stärksten betroffenen Arten gehört der Star, danach folgen Hausspatz, Buchfink und Feldlerche.

Das Sterben der Insekten und die Ursachen

Die Varroa-Milbe ist immer noch die Hauptursache für große Völkerverluste bei Honigbienen (Bild) über den Winter. © picture alliance / Fredrik von E

Neben Honigbienen sind Wildbienen wie die Hummel und Schwebfliegen wichtige Bestäuber von Kultur- und Wildpflanzen. Ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird durch Bestäubung beeinflusst. Weltweit liegt der ökonomische Gesamtwert der Bestäubungsleistung bei bis zu 500 Milliarden Euro. Ohne Bestäubung durch Insekten gäbe es weniger Obst und Gemüse, es käme zu massiven Ernteausfällen. Insekten sorgen auch dafür, dass Kot und Kadaver von Tieren verwertet werden. Kuhmist zum Beispiel bliebe ohne Insekten länger liegen und dünstet so länger klimaschädliches Gas aus. Und nicht nur Vögel fressen Insekten, sondern auch Mäuse, Frösche und Eidechsen.

Ursachen für Insektensterben sind vielfältig

Doch warum verschwinden überall auf der Welt die Insekten und Vögel? Allein mit dem Klimawandel lässt sich das nicht erklären, glauben Umweltschützer. Wahrscheinlich sind es viele unterschiedliche Faktoren, Puzzleteile, die zusammengenommen ein großes, düsteres Bild ergeben. Für Naturschützer wie Josef Tumbrinck vom Nabu ist die intensivierte Landwirtschaft mit ihrer Überdüngung, Pestizid-Einsatz und den überwiegenden Monokulturen großer ein Teil davon.

In NRW nimmt die Landwirtschaft 48,3 Prozent der Flächen ein, Ackerland hat Volumen von mehr als einer Million Hektar, viermal so groß wie das Saarland. Hauptanbaupflanzen sind Getreide, Mais und Raps.

Nach der Massentracht im Mai finden die Bienen nur noch wenig Nahrung. Blühstreifen, für die Landwirte seit 2014 gefördert werden, machen gerade einmal 8000 Hektar in NRW aus.

Pestizide im Verdacht: EU verbietet Nervengifte

Und dann sind da noch die Pestizide. Besonders eine Wirkstoff-Gruppe bei den Insektiziden steht unter Verdacht, äußerst schädlich für Bestäuber zu sein. Neonicotinoide, abgekürzt Neonics, sind synthetische Verwandte des Nikotins und ein hochwirksames Nervengift. Die ersten Mittel kamen Anfang der 1990er-Jahre auf den Markt. „Neonics werden weltweit am häufigsten eingesetzt“, sagt Corinna Hölzel, Pestizid-Expertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). 2016 wurden insgesamt fast 50.000 Tonnen Pestizide in Deutschland abgesetzt.

Seit 2013 war der Einsatz von drei der gefährlichsten Neonics in der EU bereits teilverboten, Clothianidin, Thiametoxam und Imidacloprid. Sie durften bei den Saatgutarten Mais, Raps und Sonnenblumen nicht mehr angewendet werden. Im April 2018 haben die EU-Staaten den Einsatz dieser drei Stoffe auf Äckern vollständig verboten. Sie dürfen bald nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) freute sich über das Freilandverbot für die Stoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. „Heute ist ein guter Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa“. Bereits vor dem Votum hatte sie gesagt, was der Biene schade, müsse weg vom Markt.

Neurobiologe und Bienenforscher Randolf Menzel über die Auswirkungen von Neonics auf das Verhalten von Honigbienen:

In zahlreichen Studien im In- und Ausland wurde nachgewiesen, dass Neonics für Insekten zwar nicht sofort tödlich sind, sondern den Orientierungssinn der Bienen stört und sie nicht mehr zum Stock zurückfinden lässt. Sie sterben auch, nur später. Außerdem wird eine Schwächung des Immunsystems vermutet. „Wenn die Biene sich nicht erholen kann über den Winter, wird sie anfälliger für die Varroa-Milbe“, erklärt Petra Friedrich vom Imkerbund.

Der Parasit ist immer noch die Hauptursache für große Völkerverluste bei Honigbienen über den Winter. Im vergangenen Jahr waren es laut einer Erhebung in NRW 19 Prozent. „Alles, was über 10 Prozent liegt, muss geklärt werden“, so Petra Friedrich. Früher habe es so große Verluste etwa alle zehn Jahre gegeben, mittlerweile sei es fast jedes zweite Jahr. Gut sei, dass Imkern im Kommen sei und die Völkerzahlen anstiegen. Wilde Hummeln reagieren auf Neonics noch weitaus empfindlicher als Honigbienen, sie bilden unter anderem weniger Königinnen aus. Das führt im Folgejahr zum Verlust ganzer Völker.

Keine Nachweispflicht für Hersteller

Hersteller von Pflanzenschutzmitteln müssen nicht nachweisen, ob und wie ein Pestizid auf wild lebende Bestäuberinsekten wirkt. Sie testen den Wirkstoff zwar unter anderem an der Honigbiene, messen aber nur die unmittelbar tödlichen Folgen.

Diese Zulassungsverfahren müssen sich ändern, „auch die nicht unmittelbar tödlichen Effekte müssen vor der Zulassung untersucht werden“, sagen Josef Tumbrinck (Nabu) und Corinna Hölzel (BUND) übereinstimmend. „Die Zeichen mehren sich für eine ökologische Katastrophe“, unterstreicht Josef Tumbrinck die Dramatik der Situation. Der Bauernverband müsse umdenken.

Und so reagieren die Landwirte

Der reagierte auf die Krefelder Studie erst einmal mit der Forderung nach weiteren Untersuchungen. Den Einfluss der Landwirtschaft schloss Bauernverbands-Präsident Joachim Rukwied nicht aus, zog aber weitere Faktoren wie Verkehr, Urbanität und Klimaveränderungen als Erklärung hinzu. „Wir Landwirte brauchen die Vielfalt an Arten, deshalb betreiben wir eine Reihe von Projekten wie Lerchenfenster, Blühstreifen, blühende Herbstsaaten und Naturschutzprojekte“, betonte Rukwied in einer Mitteilung. Auf jedem dritten Hektar werden freiwillig Agrarumweltprogramme umgesetzt.

Ähnlich formuliert es Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW. „Dass die Landwirtschaft etwas mit dem Rückgang der Insekten zu tun hat, denken wir uns auch.“ Aber die Pflanzenschutzmittel seien nicht alleiniger Faktor. Außerdem würden sie streng überprüft und unterlägen strengen Auflagen.

Eine Zukunft ohne Pestizide?

Verständnis für die Situation der Bauern haben überraschenderweise auch die Naturschützer. „Wir wollen keinen Totalausfall der Ernte“, sagt Corinna Hölzel, die selbst Imkerin ist. Aber die ökologische Landwirtschaft zeige, dass es auch anders gehe. Selbst einige konventionell arbeitende Bauern reduzierten den Pestizideinsatz, auch weil bestimmte Schädlinge mittlerweile Resistenzen gegen Wirkstoffe zeigten. Beim Thema Blühstreifen „tue sich ein bisschen was“, aber das sei immer noch zu wenig.

Die Förderpolitik der EU müsse überarbeitet werden, mehr Fördermittel müssen für nachhaltige Bewirtschaftung fließen. Viele sind tatsächlich bereit, Blühstreifen einzurichten, glaubt auch Petra Friedrich vom Imkerbund. Etwas tun könnten aber auch die Kommunen, in dem sie aus Rasenflächen Blühwiesen machten, aber auch jeder Privatmann mit Garten. „Sie sind oft zu aufgeräumt und sauber, haben die falschen Pflanzen, so dass die Insekten dort keine Nahrung finden.“

Privatleute sollen auch darauf achten, was sie im Garten an Pestiziden verwenden. „Neonics sind zum Beispiel auch in einigen Spritzmitteln gegen den Buchsbaumzünsler enthalten“, warnt Corinna Hölzel.

mit Material von dpa

Das Landesumweltministerium in NRW hat im Sommer 2017 eine systematische landesweite Insektenzählung gestartet, das in den nächsten Jahren die Entwicklung der Tiere erfassen soll. Laut Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) ist das Projekt bisher einzigartig in Deutschland. „Andere vergleichbare Projekte aus anderen Bundesländern sind hier nicht bekannt“, sagt Lanuv-Sprecherin Birgit Kaiser de Garcia. Die Messstellen seien repräsentativ verteilt auf dem ohnehin vorhandenen Messnetz der sogenannten Ökologischen Flächenstichprobe, das bereits seit 20 Jahren Daten über die Veränderungen der biologischen Vielfalt in NRW liefert. Wie es auf Anfrage aus dem Landesumweltministerium heißt, geben die Ergebnisse der Krefelder Studie Anlass zur Sorge, sie seien jedoch nicht repräsentativ. „Mit dem vom Ministerium beauftragten Insekten-Monitoring soll eine sachliche Diskussion zum Ausmaß des Insektenrückgangs ermöglicht werden“, teilte eine Sprecherin mit.
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