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„Das Zeiträtsel“: Fantasievolles Kinderdrama

New York. Megs Vater ist vor vier Jahren im Weltall verschollen und drei Feen helfen ihr, ihn wiederzufinden. Was nach billigem Kitsch klingt, ist von der Polit-Regisseurin Ava DuVernay visuell spannend inszeniert - und sehr prominent besetzt.

„Das Zeiträtsel“: Fantasievolles Kinderdrama

In „Das Zeiträtsel“ spielt Mindy Kaling die Fee Mrs. Who. Wenn sie spricht, zitiert sie oftmals Shakespeare. Foto: Walt Disney Germany

Von Deutschland aus fällt es schwer, die Wirkung einzuschätzen, die der größte Kino-Blockbuster des Jahres in den USA derzeit erzielt: Der komplett mit schwarzen Hauptdarstellern besetzte „Black Panther“ hat fünf Wochen in Folge den ersten Platz der Kinocharts belegt.

Seit „Avatar“ vor neun Jahren ist das keinem Film gelungen. Bei vielen öffentlichen Veranstaltungen beenden schwarze Redner ihre Vorträge mit gekreuzten Armen im Stil des Film-Schlachtrufs „Wakanda Forever“ und die Instagram-Fotos von Kinobesuchern in traditionellen afrikanischen Gewändern nehmen kein Ende. Doch der Superheldenfilm hat für manche ein winziges Problem: Die beiden größten Rollen darin sind männlich.

In diese Lücke stieß „Das Zeiträtsel“, ein Fantasy-Film, der jetzt auch in die deutschen Kinos kommt. Die Zeichen für den Film standen gut: Als „A Wrinkle in Time“ ist das Buch von Madeleine L'Engle in den USA geliebte Schullektüre in der Mittelstufe, im Kern geht es um ein ungewöhnlich mutiges Mädchen, und Regisseurin Ava DuVernay hat sich entschieden, diese Meg nicht wie im Buch mit weißer Hautfarbe zu besetzen. Ein großer Erfolg also? Ganz so einfach ist es nicht.

Zunächst einmal ist da die Geschichte: anspruchsvoll und vielschichtig. Megs Eltern sind Wissenschaftler und arbeiten als Astrophysiker an der Erforschung von Raum und Zeit. Ihr Vater Alex glaubt an die Existenz von „Falten“ im Weltall, die es Menschen ermöglichen, komplette Galaxien schneller als das Licht zu durchqueren. Seit vier Jahren ist er jedoch in einer solchen Falte verschwunden und Mutter Kate kümmert sich um die oft zögerliche Meg und ihren unfassbar gescheiten Bruder Charles Wallace. Der wiederum lässt eines Tages Mrs. Soundso ins Haus, neben Mrs. Wer und Mrs. Welche eine von drei feenähnlichen Wesen, die Meg, Charles Wallace und Megs Schulfreund Calvin zu ihrem Vater bringen wollen.

Diese Reise ist grafisch extrem spannend aufbereitet. An einer Stelle können die Zuschauer über die Reise auf den Flügeln eines gigantischen Kohlkopfes staunen, ein Showdown ist dagegen in einem minimalistisch-weißen Raum inszeniert, in dem Kugelschreiber-Striche zu begehbaren Stufen werden. Allein der ständig wechselnde Augenbrauen-Schmuck von Mrs. Welche, gespielt von US-Übermutter Oprah Winfrey, ist das Kinoticket wert.

Überhaupt ist die Schauspielgarde exzellent: Anders als sonst häufig stören die Kinderschauspieler nicht weiter und die von Winfrey, Reese Witherspoon und Mindy Kaling gespielten Feen überzeugen zwischen charmant, weise und aufgedreht. Chris Pine (Pilot Steve Trevor aus „Wonder Woman“) wirkt wie immer nach wenigen Szenen wie ein strahlend-maskuliner Filmstar aus den 50ern oder 60ern. Einzig die komplex als kluge Wissenschaftlerin angelegte Mutter, verkörpert von Gugu Mbatha-Raw, hätte dem Film in ausgiebigeren Szenen noch mehr Tiefe verleihen können.

Doch letzten Endes hakt der Film vor allem an der Unausgegorenheit des Skripts. Besonders in der ersten Hälfte sind die Dialoge mit vielen Esoterik-Wohlfühl-Sprüchen („Stell dich der Dunkelheit mit dem Besten, was du geben kannst, und erleuchte die Welt!“) überfrachtet. Außerdem werden auf der Reise der drei jungen Abenteurer die Herausforderungen oft zu wenig erklärt; Auflösungen und nächste Probleme geschehen seltsam losgelöst vom restlichen Plot. Das hat dazu geführt, dass die US-Kritiken extrem durchwachsen waren und der Film in einigen anderen europäischen Ländern sogar ohne Kinoauswertung direkt bei Streamingdiensten und auf DVD landet.

Trotzdem fällt es schwer, DuVernay dies wirklich anzukreiden, zu sehr ist stets das riesige Herz dieses Films spürbar, zu deutlich ist es, wie wichtig der Regisseurin es war, genau diesen Film auf genau diese moderne Art zu inszenieren. Es ist das erste Mal überhaupt, dass eine schwarze Regisseurin ein Budget über 100 Millionen Dollar verantworten durfte und es ist großartig, dass sich in DuVernays Gesamtwerk nach dem kämpferischen Politdrama „Selma“ und der Schwarzengewalt-Doku „13th“ nun ein solch phantasie- und liebevoller Kinderfilm einfügt. 

Ein zweiter „Black Panther“ ist „Das Zeiträtsel“ nicht, aber DuVernay hat einen gelungenen, manchmal etwas düsteren Film mit vielen Identifikationsfiguren für ein jüngeres und vor allem weibliches Publikum geschaffen.

Das Zeiträtsel, USA 2017, 110 Min., FSK ab 0, von Ava DuVernay, mit Storm Reid, Deric McCabe, Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Mandy Kaling, Chris Pine

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